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13/07/2015 14:51 CEST | Aktualisiert 13/07/2016 07:12 CEST

Die feinen Unterschiede: "Du brauchst den passenden Habitus"

chairboy via Getty Images

Der berühmte Bildungsaufsteiger und Klassiker der Erforschung sozialer Ungleichheit ist der im Jahre 2002 verstorbene Franzose Pierre Félix Bourdieu (*1930). Bourdieu hat eine prestigeträchtige universitäre Laufbahn eingeschlagen, obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte und in Bezug auf seine eigene Theorie als eine Ausnahme angesehen wird.

Er gilt als einer der renommiertesten Soziologen und hat als Professor am berühmten Collège de France eine der höchsten Positionen im französischen universitären Bildungssystem vertreten. Aufgrund seiner Expertise in der Bildungsforschung hat ihn auch der damalige französische Staatspräsident François Mitterand mit der Bitte ersucht, Reformvorschläge für das französische Bildungssystem zu unterbreiten.

Daraufhin hat er mithilfe eines Gremiums neun Thesen zur Modernisierung des französischen Bildungssystems veröffentlicht.

„Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Handeln mehr sinn, als sie selber wissen". Um diesen Sinn für die Wissenschaft zugänglich zu machen, wird eine Theorie der Praxis benötigt, die mittels praxeologischer Erkenntnisweise den Zusammenhang zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlichen Strukturen sichtbar machen soll.

Dabei schließt er keine der beiden Erkenntnismodi aus, sondern nutzt sie als Grundlage, indem sowohl die objektiven Strukturen und Relationen als auch die Logik individueller Handlungen berücksichtigt werden und in Form von „dialektischen Beziehungen zwischen diesen objektiven Strukturen und den strukturierten Dispositionen, die diese zu aktualisieren und reproduzieren trachten" einfließen.

Einer der Begriffe, welcher sich durch sämtliche Werke zieht, ist der des Habitus. Dieser kann nicht isoliert betrachtet werden, sondern steht in enger Interdependenz zu den Begriffen sozialer Raum, Klasse, Kapital und Feld.

Bourdieu bezeichnet als Habitus „Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs-und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen".

Des Weiteren wird als Habitus eine Bandbreite von verschiedenen Anlagen verstanden, welche dem Individuum in der Gesellschaft inhärent sind: „das äußere Erscheinungsbild, das Auftreten, das Benehmen, die Gewohnheiten, die Haltung gegenüber der Welt und die Vorlieben". Er wird auch als „Erzeugungsprinzip für die soziale Praxis" gesehen. Weiterhin haben die gesellschaftlichen Strukturen in Form von Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Denkschemata einen großen Einfluss auf den Habitus und seine sozialen Akteure, wodurch er auch ein Produkt des Handelns darstellt.

Allerdings ist der Habitus in seiner Bedeutung nicht bis ins letzte Detail determiniert, wodurch ein Spielraum durchaus möglich ist. In bestimmten Kontextsituationen können unterschiedliche und dynamische Handlungsmuster in Erscheinung treten, sodass der Handelnde in die Lage versetzt wird, sein gesamtes Ensemble an Anlagen zu verknüpfen, zu ersetzen und im Allgemeinen für jegliche Situationen bereitzuhalten.

Klasse

Es lassen sich keine individuellen Größen der einzelnen sozialen Akteure messen, da ihr Platz im gesamtgesellschaftlichen Kontext determiniert wird: Menschen mit einer ähnlichen sozialstrukturellen Position haben auch Ähnlichkeiten in Bezug auf ihre Alltagspraxis. Dieses Phänomen bezeichnet Bourdieu als Klassenhabitus, der ein „einheitsstiftendes Erzeugungsprinzip der Praxis" ist. Er determiniert eine Mitgliedschaft in eine Klasse und legt somit die spezifischen Denk- und Handlungsweisen fest. Außerdem ruft er Eigenschaften hervor, die für eine Gruppenzugehörigkeit notwendig sind.

Kapital, sozialer Raum und Feld

Laut Bourdieu lassen sich auch Unterscheidungsmerkmale der sozialen Klassen identifizieren, die sich durch eine unterschiedliche Akkumulation von verschiedenen Kapitalsorten begründen lassen. Diesbezüglich teilt er die Gesellschaft im dreidimensionalen Raum vertikal - unter Berücksichtigung des Kapitalvolums - in drei Hauptklassen ein: die herrschende Klasse, das Kleinbürgertum und die beherrschte Klasse.

Die horizontalen Klassenfraktionen werden anhand des Verhältnisses der Kapitalsorten zueinander dargestellt. Die Kapitalsorten können in ökonomischer, kultureller, sozialer und symbolischer Form vorliegen. Der Erwerb von Kapital ist über den Zeitverlauf möglich. Je nach Ausstattung des Kapitals ist der Akteur in der Lage, in der sozialen Welt bestimmte Erfolge zu verbuchen oder Niederlagen einzufahren.

Die Basis aller Kapitalsorten bildet das ökonomische Kapital, welches den materiellen Besitz umfasst: finanzielle Mittel und Produktionsmittel. Durch Marktgesetze und staatlich institutionalisierte Eigentumsrechte kann das eigene ökonomische Kapital in Geld oder andere Waren umgetauscht werden.

Das kulturelle Kapital kann in drei Modifikationen vorliegen: In objektivierter Form kann es als Bücher, Gemälde, Instrumente, Maschinen etc. vorliegen und somit in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Allerdings ist auch eine gewisse Portion an inkorporiertem kulturellem Kapital vorhanden, welches aus einem Prozess durch Sozialisation und Schulbildung verinnerlicht wird und somit körpergebunden ist (Bourdieu, 1983, S. 186). Im Falle eines Bildungstitels - institutionalisiertes Kapital - wird das Individuum in die Lage versetzt, sein kulturelles Kapital in finanzielles Einkommen zu transferieren, wodurch sich die institutionalisierte Form bemerkbar macht.

Bei der dritten Kapitalsorte handelt es sich um das soziale Kapital. Bourdieu versteht darunter soziale Netzwerke wie z.B. Familien, Freunde, politische Gruppen und Bekannte.

Auf das soziale Kapital kann bei Bedarf zurückgegriffen werden und bei ausreichender Beziehungsarbeit kann kulturelles oder ökonomisches Kapital akquiriert werden.

Um diese verschiedenen Kapitalsorten finden Verteilungskämpfe in einem strukturierten Raum sozialer Felder statt. Die Teilnahme daran ist an die Akzeptanz der Regeln und den Besitz des im entsprechenden Feld notwendigen Kapitals gebunden. Durch den Einsatz des jeweils geforderten Kapitals ist das Individuum in der Lage, eine Position im Feld einzunehmen, um die eigenen Chancen in Bezug auf Macht und Profit auszuweiten.

Zudem macht Bourdieu deutlich, dass diese Strukturen über Generationen hinweg weitervererbt werden, sodass ein Kind in einen Sozialisationskontext hineingeboren wird und die Familie sich aufgrund dieser genannten Mechanismen auch in einer gewissen Position in einem sozialen Raum befindet. Dadurch erbt jedes Kind ein spezifisches kulturelles Kapital mit allen Facetten in Bezug auf das Denken, Handeln und Wahrnehmen, die sein eigenes Leben strukturieren und somit vorgeben, was aufgrund seiner Kapitalausstattung möglich ist.

Die Stellung eines Individuums in diesem sozialen Raum beeinflusst seine Möglichkeiten im Schulsystem. Die Schule ist nicht in der Lage, diese spezifischen Unterschiede zu kompensieren, sondern benachteiligt die unteren Schichten zugunsten der privilegierten Schichten, wodurch die soziale Ungleichheit durch jene institutionelle Strukturen legitimiert wird.

Denn der Schulunterricht, welcher auf das bereits vorhandene Bildungsvermögen baut, orientiert sich an der „Elitekultur". Es werden bestimmte Grundkenntnisse, Ausdrucksvermögen und Techniken vorausgesetzt. Kinder, die diese nicht haben, werden benachteiligt. Diese Einstellungen, Gewohnheiten und Kompetenzen sind für die schulische Bildung elementar. Kindern aus den oberen Schichten sind diese durch das Elternhaus vertraut.

Kindern aus bildungsfernen Schichten sind diese eher fremd, sodass von ihnen verlangt wird, sich diesem Bildungssystem anzupassen. Daraus folgt, dass die von die subjektiven Bildungsentscheidungen an objektiven Strukturen gebunden sind und die Schule de facto soziale Strukturen reproduziert.

Die Rolle der Schule im Reproduktionsprozess

Die Stellung eines Individuums im sozialen Raum hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Möglichkeiten, die ihm im Schulsystem zur Verfügung stehen oder verschlossen bleiben. Mithilfe der empirischen Untersuchung des französischen Schulsystems treten Bourdieu und Passeron der These entgegen, dass jenes Bildungssystem klassenspezifische Unterschiede neutralisieren und somit jedem Kind die gleichen Chancen - unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familie - ermöglichen würde.

Das Schulsystem eliminiert die unteren Schichten zugunsten der privilegierten und perpetuiert damit die gesellschaftliche Ungleichheit durch seine institutionellen Strukturen (ebd.). Somit ist Bildung weder das Ergebnis individueller kognitiver Fähigkeiten noch das einer rationalen Kosten-Nutzen-Analyse.

Vielmehr resultieren Bildungsentscheidungen der gesellschaftlichen Akteure „aus der Gesamtheit der objektiven Relationen zwischen sozialer Klasse und Bildungssystem". Diese objektiven Relationen wirken sich dem eigenen sozialen Milieu dementsprechend latent „tausendfach im täglichen Erfahrungsbereich" aus und beeinflussen die Bildungswahl des Individuums unbewusst, sodass ein bestimmter Bildungsgang als „unerreichbare, mögliche oder normale Zukunftsaussicht" gilt.

Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse wirkt als Selektionskriterium im Schulsystem in zwei Richtungen: Zum einen in Form des Habitus und zum anderen durch das im Rahmen der Primärsozialisation inkorporierte kulturelle Kapital. Der im familiären Kontext erworbene Habitus stellt die Einverleibung „eines bestimmten Typs von sozialen und ökonomischen Verhältnissen" dar.

Je größer die Affinität des individuellen Habitus zu dem des Schulsystems ist, desto wahrscheinlicher ist eine gelingende Bildungskarriere. Der Habitus, den ein Kind aus dem Bildungsbürgertum im Rahmen seiner Primärsozialisation erworben hat, beinhaltet Einstellungen und Kenntnisse, die eine Vertrautheit mit dem Bildungssystem und die Anwendung einer adäquaten Bildungssprache sowie Allgemeinbildung hervorrufen.

Damit ist den Kindern eine Sicherheit im Umgang mit den „Strukturen und Werten der Schule" gegeben. Im Bildungssystem eliminieren sich die unterprivilegierten Schichten durch mangelnde Ausstattung mit kulturellem Kapital in Form eines Bildungstitels und „jeglicher Art von nützlichen Fähigkeiten" im Rahmen der Primärsozialisation. Je nach Abstand des kulturellen Kapitals „zu den Erfordernissen des schulischen Marktes" hat es eine Hebelwirkung im Sinne von gewonnener Zeit und Vorsprung oder aber muss als „doppelt verlorene Zeit". Korrekturen unterzogen werden.

Die Schulbildung baut als Wissen zweiten Grades auf den Erfahrungen der Kinder auf, welchen sie durch Transformation als Wissen ersten Grades durch bestimmte - ihrem Milieu entsprechende Praktiken, erfahren haben. Dazu zählen auch Gespräche, Museumsbesuche und Reisen mit der Familie.

Es ist wiederholt belegt worden, dass Lehrkräfte der Schüler*innen aus höheren Schichten schneller gute Noten geben, während sie bei Kindern aus bildungsfernen Schichten strengere Leistungsmaßstäbe ansetzen. Eine Reihe von Faktoren, wie Klassengröße, Klassenzusammensetzung, soziale und ethnische Herkunft der Schüler*innen Sprachdefizite und Stadtteile mit einer Kumulation sozialer Probleme werden als äußerst bedenklich für die Bildungsentwicklung von Kindern angesehen.

So würde nicht nur die eigentliche Leistung beurteilt werden, sondern auch das gesamte soziale Verhalten eines Schulkindes, obwohl soziale Fertigkeiten und Fähigkeiten in der Schule erst gelernt werden sollen. Daher werden im Zweifelsfall die Noten nicht nach dem objektiven Entwicklungsfortschritt eines Kindes, sondern eher intuitiv nach seinem herkunftsbestimmten Sozialverhalten abgegeben.

Da bestimmte Kompetenzen den bildungsfernen Klassen nicht in ausreichendem Maße bekannt sind, wird von ihnen eine Akkulturationsleistung gefordert, um sich dem Bildungssystem anzupassen und damit der self-fulfilling-prophecy Vorschub zu leisten, dass sich die subjektive Bildungsaspiration an den objektiven Strukturen orientiert und die Institution Schule damit soziale Strukturen reproduziert.

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