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15/03/2016 17:39 CET | Aktualisiert 16/03/2017 06:12 CET

Provokation? Bitte!

Ganz aktuell stellt sich wieder die Frage: wie weit „darf" man für Aufmerksamkeit gehen? Ist Provokation ein geeignetes Mittel? Welche Aufgabe hat Kunst?

Vor fünf Jahren starb Christoph Schlingensief. Auch er war so ein Provokateur. Weil er aufmerksam machen wollte auf politische Zustände. Weil er die Gesellschaft aufrütteln wollte. Vielleicht hat er damals schon weiter gesehen? Er sorgte für Aufregung und polarisierte. Die einen sahen ein aufgeblasenes Ego oder eine unstillbare Sehnsucht nach medialer Anerkennung und Ruhm. Die anderen erkannten eine politische Notwendigkeit angesichts der Probleme, die Schlingensief thematisierte.

Seit vielen Monaten können wir beobachten wie Kunst und Kultur wieder provokativ eingesetzt wird. Nehmen wir nur die Mohammed-Karikaturen in Frankreich und der Mord an den Satirikern. In allen Ländern der Erde haben diese Ereignisse dafür gesorgt, dass die Menschen sich intensiver mit den Vorgängen unserer Welt auseinandersetzen. Es ist schon erstaunlich, dass Menschen sich durch Zeichnungen so sehr verletzt und angegriffen fühlen in ihrer Sicht auf die Welt, dass sie drohen und morden. Welche Macht Kunst haben kann!

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Ich halte es für absolut notwendig, dass Kunst provoziert, Tabus bricht und damit Themen in den Fokus rückt, die vielleicht unangenehm sind oder vor denen wir die Augen verschließen. Es ist gut, dass es Künstler wie Till Schweiger gibt oder die Journalistin Anja Reschke, die sich öffentlich äußern zur Flüchtlingsproblematik und den manchmal unfassbaren Reaktionen einiger Mitmenschen darauf. Da haben Künstler und Medien einen klaren „Auftrag", zu zeigen, dass die meisten Menschen sich nicht in diesem Gedankengut verirren. Und es kommt gar nicht darauf an, ob mir der betreffende Künstler gefällt oder nicht, ob ich seine Arbeit mag oder nicht. Hier haben wir eine Situation, die Haltung erfordert. Vielleicht drängt uns unsere innere Stimme zu einer Aktion. Wunderbar! Natürlich kann nicht jeder sein Gesicht in eine Kamera halten. Aber ich glaube, wir alle können auch im Kleinen etwas tun. Zum Beispiel mit unserer Arbeit dazu beitragen, diesem Fremdenhass entgegen zu wirken.

Ist es ein Zufall, dass gerade wir Deutschen 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges mit Flüchtlingen und Vertriebenen konfrontiert werden? In unserem reichen Land leben Millionen Menschen, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben, deren Kinder und Enkel immer noch die Folgen davon spüren. Ich selbst bin in einer Familie aufgewachsen, in der beide Eltern davon betroffen sind und kann die Wunden und Narben spüren, die solch eine Erfahrung noch Generationen später hinterlässt. Mir erscheint die jetzige Situation auch ein Test zu sein, inwieweit wir als Deutsche bereit sind, etwas zurückzugeben an Unterstützung. Denn für Vertriebene gab es gerade in der Nachkriegszeit trotz allem Leid viel Hilfe von Mensch zu Mensch. Ohne diesen Beistand wären viele von uns nie geboren worden. Ohne diesen Beistand wäre Deutschland nicht so ein wohlhabendes Land.

Bedenklich finde ich diese „wir gegen die"-Tendenz. Das ist ja auch eine Ausgrenzung. Und damit bringen wir niemanden zum umdenken. Im Gegenteil. Wir befördern das Gedankengut, weil es sich nun mit guten Grund zusammenschließen kann mit Gleichgesinnten. Einfach ist die Auseinandersetzung mit den geistigen und tatsächlichen Brandstiftern nicht. Demokratie muss das aushalten.

Zu allen Zeiten gab es Künstler und Kreative, die sich trotz politischer Repression und Verfolgung selbst unter Einsatz des eigenen Lebens auflehnten gegen unhaltbare Zustände. Seien wir also so mutig wie wir können!

Welche Idee haben Sie für eine Provokation?

Ihre Elke Möckel

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