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03/12/2016 10:33 CET | Aktualisiert 04/12/2017 06:12 CET

Wie man damit umgeht, dass die Eltern an Demenz leiden

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Nun war die Zeit gekommen. Meine Zeit. Meine Tochter war erwachsen. Sie studierte in einer anderen Stadt und ging ihre eigenen Wege. Plötzlich war alles anders. Damals noch Single, war die Wohnung am Abend in dem Zustand, in dem ich sie morgens verlassen hatte.

Der Kühlschrank war nach einigen Tagen immer noch gut gefüllt, die Schmutzwäsche hielt sich in Grenzen. Alles in allem hatte ich Zeit und Muße. Ich sah mich in meinem Leben um und stellte fest, dass in mir noch jede Menge Energie da war und Neugier auf das was die Welt noch so bereithalten würde.

Es war ganz deutlich zu spüren, ein Lebensabschnitt ging zu Ende, Veränderungen standen an. Ob ich nun wollte oder nicht. Und, oh! So viele Möglichkeiten! Ich entdeckte Interessen und Wünsche die ich noch nie in Erwägung gezogen hatte. Das allerbeste daran war, dass ich sie mir erfüllen konnte. Also machte ich mich daran, mich neu zu erfinden. Ich hatte große Pläne, viel Power und Zeit dazu.

Los gehts?

Doch dann trat ein Umstand in mein Leben, den ich vorher bei meinen Überlegungen vernachlässigt hatte. Genauer gesagt, ich hab gar nicht damit gerechnet. Dass meine Eltern älter wurden war ja klar. Es war schon immer etwas schwierig gewesen mit ihnen, daher fielen mir die ersten Anzeichen nicht so sehr auf. Mit der Zeit häuften sich aber die Probleme, die Situation eskalierte nach und nach.

Sie wurden beide chronisch krank, konnten oder wollten aber ihre Erkrankungen nicht akzeptieren. Und die daraus folgenden Einschränkungen auch nicht. Ihre Kraft ließ nach, sie brauchten mehr und mehr Hilfe. Die sie aber nicht in Anspruch nahmen.

Ständig gab es Auseinandersetzungen und Vorwürfe. Ein dauerndes Gezerre zwischen Hilferufen und der Weigerung, auch nur die kleinste Veränderung vorzunehmen. Diese Sturheit ist nach wie vor die größte Herausforderung für mich.

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Die andere Elternzeit

Glücklicherweise hatten meine Eltern bereits vor vielen Jahren für Vollmachten gesorgt. Das machte in den Ernstfällen vieles einfacher. Dennoch führten die jeweiligen Schwierigkeiten dazu, dass ich sofort alles stehen und liegen lassen mussste, um die wichtigsten Sachen zu organisieren.

Meine Praxis? Mein Herzensprojekt "Abenteuer Lebensmitte"? Der Aufbau meiner eigenen neuen Selbständigkeit lag dann brach. Ich hätte im Akutfall vollbeschäftigte Assistentin sein können, so sehr nahm mich die Verwaltung ihrer Angelegenheiten in Anspruch.

Krankenhäuser, Ärzte, Krankenkasse, Behörden und ähnliches, alle verlangen sofortige Erledigung irgendwelcher Formulare. Koordination oder gar Verständnis für die Angehörigen habe ich kaum erfahren.

Mehr zum Thema: Demenz: 7 frühe Anzeichen, die man nicht ignorieren sollte

Beide Eltern sind mittlerweile dement. Was zur Folge hat, dass alle, wirklich alle Entscheidungen für sie bei uns Kindern liegen. Sie missbilligen allerdings diese Entscheidungen und kämpfen dementsprechend dagegen an.

Ich will mich gar nicht in den Einzelheiten verlieren. Meine Erfahrung aus den letzten Jahren ist jedoch, dass die Bedürftigkeit der Eltern ein massiver Punkt ist in der Lebensmitte. Es ist ein Thema, das viele meiner Klienten ebenfalls anschneiden. Denn das Altern von Mutter und Vater geht oft mit großen Belastungen einher. Begleitet von Schuldgefühlen, Vorwürfen, Ohnmacht, Überforderung bis hin zu Depressionen.

Einige baten mich, meine Erfahrungen einmal aufzuschreiben. Das Resultat ist nun dieser Artikel. Während ich ihn schreibe, wird mir wieder mal bewusst, wie viel Kraft mich das Ganze gekostet hat. Über so lange Jahre!

Nur Mut, Sie schaffen das!

Durch meine eigenen Erlebnisse und auch die Arbeit mit Menschen, deren Leben sie vor ähnliche Probleme stellte, habe ich einige Erkenntnisse gewonnen, wie man damit so umgehen kann, dass sie einen nicht aus der Bahn werfen.

  • Zunächst einmal ist es wichtig, die Eigenarten der Eltern nicht persönlich zu nehmen. Das ist anfangs nicht so einfach, gelingt jedoch besser, je mehr Abstand man innerlich nimmt. Beobachten Sie Ihre eigenen Gedanken und nehmen Sie Ihre Gefühle wahr.

  • Schreiben Sie auf, wie es Ihnen geht. Gestatten Sie sich selbst alle Empfindungen, die Sie haben. Sie sind menschlich. Jeder hat sie. Sie sind nicht allein.

  • Wenn es gerade mal wieder hoch hergeht, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, schließen Sie die Augen und atmen Sie mehrmals tief durch. Es ist erwiesen, dass die Konzentration auf den Atem beruhigend und entspannnend wirkt. Nutzen Sie das! Ist ja auch sehr praktisch, Sie müssen sich nicht im Kalender notieren, ihn nicht zu vergessen oder so. Sie haben ihn immer dabei. Und es hilft. Versprochen. Machen Sie sich dabei bewusst, dass das was Sie da gerade erleben zum Leben dazugehört. Kämpfen Sie nicht gegen das Leben. Damit nehmen Sie sich Ihre Eigenmacht.

  • Überlegen Sie mal, ob Sie wirklich für alles verantwortlich sind, was Ihre Eltern anbelangt. Können Sie Aufgaben abgeben? Sie sind in erster Linie für sich selbst verantwortlich. Es liegt nicht in Ihrer Macht, eventuelle Defizite Ihrer Eltern auszugleichen. Lassen Sie Ihren Eltern deren Schicksal. In Achtung und Demut.

  • Finden Sie heraus, was Ihnen wirklich gut tut.Und dann tun Sie etwas davon. Jeden Tag. Was zaubert Ihnen sofort ein Lächeln ins Gesicht? Womit können sie sich so richtig entspannen? Was lässt Ihr Herz vor Freude hüpfen? Das muss gar nichts großartiges sein. Ich mag zum Beispiel den Anblick blühender Rapsfelder, ein frisch bezogenes Bett oder ein Stück Nugattorte. Sauna oder ein heißes Bad entspannen mich genauso wie meine Lieblingsserie. Machen Sie also eine Liste und hängen Sie sie da auf, wo Sie täglich vorbei kommen.

  • Achten Sie auf Ihre Gesundheit. Ihr Körper wird Ihnen Ihre Grenzen aufzeigen. Nehmen Sie ihn ernst.

  • Nehmen Sie sich jeden Tag kleine Auszeiten. Und ab und zu auch größere. Das ist enorm wichtig, damit Sie nicht aufgerieben werden zwischen den Anforderungen. Und damit Sie sich selbst wieder spüren.

  • Sie brauchen nicht alles allein zu machen. Suchen Sie sich Hilfe.

Sicher, es hilft sehr, sich mal so richtig alles von de Seele zu reden was so belastend ist. Die kleinen und großen Erlebnisse mit den Eltern noch mal Revue passieren zu lassen erleichtert für den Moment. Auf die Dauer bringt jedoch nur die Veränderung des Blickwinkels etwas.

Das schafft man meist nicht allein. Ich war froh, als ich endlich jemanden gefunden hatte, mit dem ich an dem Thema "alternde Eltern" arbeiten konnte. Die simple Frage dieser klugen Frau "Wieso müssen Sie das?" brachte mich zuerst gehörig durcheinander und dann dazu, stimmige Veränderungen vorzunehmen. Was für ein Glück!

Und noch mehr Aspekte

Wir haben es in diesem Bereich unseres Lebens mit verschiedenen Facetten zu tun. Die ploppen dann manchmal ganz unvermutet auf. Zum Beispiel die eigene Vergänglichkeit, Sterben und Trauer. Werte (materielle ebenso wie immaterielle) zählen genauso dazu wie Ansichten und Überzeugungen.

Die eigene nachlassende Kraft macht sich bemerkbar. In den letzten Jahren hat das Thema "Kriegskinder", zu denen unsere Eltern je gehören, und "Kriegsenkel" - das sind wir- zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Auch das spielt unbedingt in unser Leben hinein. Es hat enorme Wirkung für uns alle. In vielen Fällen gab es erhellende Aha-Momente, wenn ich mit Klienten an der Lebensgeschichte ihrer Eltern arbeitete.

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Da kamen längst vergessene Dinge ans Licht, die dann dazu führten, das eigene Da-Sein aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und endlich, endlich konnten sie Ruhe finden, sich selbst annehmen und gestärkt weiter machen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht mit Ihren alten Eltern? Wie konnten Sie die Situation meistern? Woran sind Sie fast verzweifelt? Schreiben Sie mir.

Mehr über mich erfahren Sie auf meiner Homepage.

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