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08/11/2015 07:24 CET | Aktualisiert 08/11/2016 06:12 CET

Appell an alle Frauen: Weniger Respekt bitte!

Thinkstock

Kennen Sie das? Eine tolle Einladung, aber Sie gehen entweder gar nicht erst hin oder wenn doch, stehen Sie unauffällig in einer Ecke, während sich alle anderen scheinbar angeregt unterhalten.

Ein tolles Jobangebot, wie für Sie gemacht. Trotzdem bewerben Sie sich nicht. Eine lebhafte Diskussion, zu der Sie aufgrund Ihres Wissens viel beitragen könnten. Aber Sie melden sich nicht zu Wort. Eine Bekanntschaft, die Ihnen neue Möglichkeiten eröffnen könnte, aber Sie bleiben stumm wie ein Fisch.

Wieder einmal gehen Chancen ungenutzt an Ihnen vorbei und Sie ärgern sich über sich selbst. Sie hätten zwar gewollt, haben sich aber nicht getraut.

Ruhig, bescheiden, unauffällig gehen Sie pflichtbewusst Ihren Aufgaben nach, sind zuverlässig zur Stelle, wenn man Sie braucht. Und während Sie sich nicht trauen, weitere Ansprüche zu stellen - obwohl Sie eigentlich gewollt hätten - ziehen andere an Ihnen vorbei.

Das wäre gar nicht weiter schlimm, Sie könnten das durchaus akzeptieren, wenn es nur die Tüchtigeren, die besser Geeigneten wären. Aber je älter Sie werden, desto häufiger stellen Sie fest, dass dem keineswegs so ist. Während Sie langsam dahinkriechen, überholen Sie Heerscharen von Schaumschlägern und Wichtigtuern und heimsen oftmals unverdiente Anerkennung und Erfolg ein.

Warum ist das so? Was haben die Ihnen, der braven, tüchtigen, zuverlässigen, loyalen Mitarbeiterin denn bloß voraus? Oftmals nur eines: Sie haben sich etwas getraut. Sie haben den Mund aufgemacht, haben die Initiative ergriffen und nicht nur heimlich darauf gehofft, dass man sie fragen würde.

Wo Sie noch grübeln und zweifeln, ob Sie der Aufgabe tatsächlich gewachsen sind, schreien die anderen schon Hier und verschwenden keine Sekunde mit Selbstzweifeln. Erst einmal die Stelle haben, alles andere wird sich dann schon finden, ist ihr Motto.

Ein Spruch aus dem Poesiealbum meiner Mama fällt mir ein:

Sei wie das Veilchen im Moose,

sittsam, bescheiden und rein,

nicht wie die stolze Rose,

die immer bewundert will sein.

Kommt Ihnen das lächerlich antiquiert und veraltet vor? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich würden Sie auch niemals von sich behaupten, dass Sie diesem Motto folgen. Sie doch nicht! Sie sind doch eine emanzipierte Frau!

Ich behaupte trotzdem: Auch wenn der Spruch als Widmung in Poesiealben passé ist, seine Wirkung entfaltet er heute noch. Viele von uns sind (nicht nur über die Poesiealben ihrer Mütter) mit ihm aufgewachsen - selbst dann, wenn sie besagten Spruch bisher noch nie gehört haben.

Unzählig viele Frauen meiner Generation verhalten sich, ob bewusst oder unbewusst, immer noch wie die Veilchen im Moose - und das nicht nur, was ihre beruflichen Ambitionen betrifft. Klein bleiben, keine Forderungen stellen, sich bescheiden geben. Massenweise gut ausgebildete Frauen, die sich trotzdem nicht trauen, sich auf eine bessere Stelle zu bewerben.

Frauen, die sich nach wie vor mit weniger Gehalt und weniger Einfluss zufrieden geben, obwohl sie die Befähigung zu mehr hätten. Frauen, die damit anderen, oft sogar weniger Geeigneten, den Vortritt lassen, indem sie sich selbst zurücknehmen.

Wer sich selbst kleiner macht, als er ist, dem erscheinen die anderen zwangsläufig größer. Das gilt nicht nur für den Beruf, es gilt für alle Lebenslagen. Profiteure sind die anderen, die mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein, das oft mit erstaunlich wenig fachlichen Qualitäten gepaart ist.

Bitte missverstehen Sie mich nicht: Ich rede nicht von Selbstoptimierung um jeden Preis. Mir geht es vielmehr darum, dass jeder Mensch den Mut haben sollte, seine Potenziale zu entfalten. Viele Frauen (natürlich auch Männer, aber die eher seltener) erinnern mich an Pflanzen in zu engen Töpfen. Sie können nicht wachsen, geschweige denn blühen, sie kümmern unauffällig dahin.

Zwingen Sie sich nicht in ein zu enges Gefäß! Fassen Sie Mut, sich in die Richtung zu entfalten, in die Sie möchten. Das kann eine neue berufliche Herausforderung sein, muss es aber nicht. Vielleicht möchten Sie in einem ersten Schritt ja „nur" einen Kurs besuchen, eine Fremdsprache lernen oder ein Musikinstrument, vielleicht möchten Sie eine Sportart beginnen und trauen sich nicht, weil Sie befürchten, nicht gut genug zu sein, sich vor anderen zu blamieren.

Vielleicht wollen Sie sich politisch betätigen, sozial oder künstlerisch und blockieren sich dabei mit quälenden Selbstzweifeln.

Egal welchen Schritt Sie wagen, ich bin sicher, er wird Sie wachsen lassen und weiterbringen. Er wird ihr Leben reicher machen, gewissermaßen eine weitere Blüte an Ihrem Lebensbaum sein. Haben Sie also den Mut, Ihre eigenen Blüten zu entwickeln anstatt nur respektvoll die der anderen zu bewundern! Trauen Sie sich zu blühen und immer neue Blüten hervorzubringen, egal wie alt Sie sind.

Und glauben Sie mir: Mit jeder neuen Blüte werden Sie auch von anderen mehr Respekt und Bewunderung erfahren.

Würden auch Sie gerne etwas Neues beginnen, wissen aber nicht recht, was und wie?

In meinem Buch zeige ich, wie Frauen um die Lebensmitte Ängste und Denkblockaden überwinden und Stolpersteine beseitigen können, um so erfolgreich neue Wege zu beschreiten.

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Video: Dieses Video zeigt, wie stark Frauen wirklich sind

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