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02/03/2015 03:49 CET | Aktualisiert 02/05/2015 07:12 CEST

Frauenpower: Das Leben meiner Großmutter

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Was ist Glück? Was ein glückliches, ein geglücktes Leben? Fragen, die wahrscheinlich jeden Menschen irgendwann einmal beschäftigen, aber es bleibt ungewiss, ob wir jemals eine Antwort darauf finden.

An einem dieser seltenen, schier endlosen Sommertage, an denen man meint, die Zeit stehe still, tauchte unvermittelt ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Das Bild einer weiß emaillierten Schüssel, gefüllt mit kaltem Wasser, die meine Oma nach dem Mittagessen auf die Altane stellt, damit sich das Wasser im Verlauf des Nachmittags so erwärmt, dass es abends die ideale Temperatur für ein Fußbad hat. Da saß sie dann abends, die Füße im angenehm temperierten Wasser, gemeinsam mit meinem Opa und mir auf der Altane, und wir sahen dem Flug der Schwalben im unendlich hohen Himmel zu.

Das waren die kleinen Freuden meiner Oma, in einer Zeit, die verschwunden ist, in einer Welt, die sich unversehens verändert hat. Ich sage nicht, dass es eine heile Welt war, aber es war eine überschaubare. Es war eine bäuerlich geprägte Welt, mit festen Abläufen, verbindlichen Werten, begrenzt auf einen engen geographischen Radius und mit wenigen Bedürfnissen, die über das unmittelbar Lebensnotwendige hinausgingen. Meine Oma wäre die ideale Nebenfigur in einer Erzählung des poetischen Realismus gewesen. Vielleicht lese ich die Romane aus dieser Epoche deshalb so gerne, weil sie eine mir noch vertraute, aber längst untergegangene Welt widerspiegeln.

Warum sie dabei nur zur Nebenfigur getaugt hätte, ist einfach zu erklären: Ihr stilles Leben hätte zu wenig an Dramatik hergegeben. Sie war einer der Menschen, die einfach da sind. Immer verfügbar, wenn man sie braucht, konstant auf dem ihnen (von wem?) zugewiesenen Platz im Leben.

Zwei Kinder starben im Abstand von wenigen Tagen an Keuchhusten

Sie wurde 1905 als eines von 16 Kindern in einem kleinen Dorf in Mittelfranken geboren. Ich weiß nicht einmal, als wievieltes - irgendwo in der Mitte. Elf von den 16 erreichten das Erwachsenenalter, zwei Kinder starben im Abstand von nur wenigen Tagen an Keuchhusten, ein Bruder, der vorgesehene Hoferbe, ist im Krieg geblieben, wie meine Oma das formulierte. Was mit den anderen war, weiß ich nicht genau, ich habe nur noch wenige der Geschwister gekannt.

Das Leben meiner Großmutter ließe sich exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation und ihrer sozialen Schicht in wenigen Zeilen zusammenfassen. Sie bewegte sich innerhalb der Konventionen, gewissermaßen auf einem vorgezeichneten Weg, der da lautete Heirat, Haushalt, Kinder.

Nur knapp 60 Kilometer entfernt eine andere Welt. Zwar auch hier zweifellos Provinz, aber es kommt eben immer auf den Blickwinkel an. Ingolstadt. Vier Jahre bevor meine Oma das Licht der Welt erblickte, wurde hier 1901 ein Mädchen geboren, dem sein künftiger Lebensweg auch nicht unbedingt an der Wiege gesungen wurde: Luise Marie Fleißer, später bekannt als Marieluise Fleißer.

Die Altstadt hat neun Kirchen, ein Männer- und zwei Frauenklöster. Sie hat vier Hauptstraßen ... Sie hat ... ein Gewirr von alten, oft krummen Gassen ... Die Stadt hat viele Häuser, die schon zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges standen. Sie hat einen Moorbach, der teilweise unterirdisch durch die halbe Stadt läuft ... Sie hat einen breiten Fluss, der nicht schiffbar ist, eine steinerne Brücke für Fußgänger und Lastwagen und eine Eisenbahnbrücke aus Stahl ... Sie hat außerhalb des mittelalterlichen Kerns neugebaute Beamten-, Villen- und Arbeiterviertel, die längst zur Größe der Altstadt angeschwollen sind oder darüber hinaus, die aber durch den veralteten Festungsgürtel, durch den Fluss, das Moorgelände und das selten unterführte Schienennetz unglücklich von ihr abgeschnürt bleiben. (aus: Marieluise Fleißer. Eine Zierde für den Verein)

In ihrem Geburtsjahr wird in Berlin die erste U-Bahn errichtet

So beschreibt Fleißer ihre Heimatstadt, eine Garnisonsstadt in der oberbayerischen Provinz. Aber eben immerhin eine Stadt. Als sie dort geboren wurde, eröffnete man in Berlin gerade die erste U-Bahn zwischen Stralauer Thor und Potsdamer Platz, wenige Jahre später fuhr diese U-Bahn schon bis nach Charlottenburg. Das freilich hatte Ingolstadt nicht zu bieten, aber sicherlich mehr als ein Dorf in Mittelfranken.

Das Heimatdorf meiner Oma umfasste 38 Häuser, eine Kirche, eine Schule, die auch von den Kindern der umliegenden, noch kleineren Dörfer besucht wurde, und einen Kramladen, den meine Ururgroßmutter betrieb.

Wenn man die Lebenswege der beiden Frauen vergleicht, sollte man vielleicht bei ihren Vätern und deren Wertvorstellungen beginnen. Marieluises Vater ist Handwerker, aber kulturell interessiert, er nimmt die Tochter öfter mit nach München, er lässt sie die höhere Töchterschule in ihrer Heimatstadt besuchen und schickt sie später in ein Mädcheninternat nach Regensburg, weil es zu dieser Zeit in Ingolstadt noch keine Möglichkeit für junge Mädchen gibt, das Abitur zu erwerben.

Meine Oma entstammt einem Kleinstbauernanwesen. Ihre Schulzeit durchläuft, oder besser gesagt durchleidet, sie bei einem despotischen, brutalen Dorfschullehrer, war aber trotz ihrer Angst vor diesem Menschen eine sehr gute Schülerin. Daheim regierte ein nicht weniger strenger, äußerst konservativer Vater. Theoretisch hätte sie als Kind sogar etwas mehr von der Welt außerhalb ihres Dorfes mitbekommen können als andere Kinder. Weil mein Urgroßvater über Jahrzehnte Bürgermeister war, bekam er regelmäßig aus dem fernen München die Bayerische Staatszeitung zugeschickt. Botschaften aus einer fremden Welt, aber es verstand sich von selbst, dass die Kinder sie nicht anrühren durften.

Mit 14 kommt sie aus ihrem Dorf als Bauernmagd in eines der umliegenden Dörfer

Das Leben meiner Oma nach Beendigung ihrer Schulzeit und vor Beginn ihrer Ehe ist schnell erzählt. Nicht nur, weil es sich dabei nur um wenige Jahre handelt: Mit 14 kommt sie aus ihrem Dorf als Bauernmagd in eines der umliegenden Dörfer, das aus noch weniger Häusern besteht. Die Welt wird für sie mitnichten größer, im Gegenteil, sie schrumpft auf die ewig gleichen Betätigungen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie beim Stallmisten, beim Melken, beim Kartoffelklauben, als Handlangerin an der Dreschmaschine.

Gesellschaftlicher Höhepunkt ihrer Jahre als Dienstmagd war eine Kindstaufe, von der sie später noch oft erzählte, weil sie, die einfache, junge Magd, es damals war, die die Suppe für den Herrn Pfarrer und die übrigen Gäste gerettet hat, nachdem die Köchin sie fast verdorben hätte. Darauf war sie ihr Leben lang stolz; war es doch eine der wenigen Gelegenheiten, bei der sie selbst die Initiative ergriff.

Nach dem Abitur beginnt für die junge Marieluise ein neues Leben: München, eines der literarischen Zentren der Zeit. Theater, Künstlerfeste, Bohème und die junge Frau aus der Provinz, wenn auch vielleicht nicht mittendrin, so doch dabei. Der Vater hatte eigentlich ein Lehramtsstudium für sie vorgesehen. Ohne sein Wissen entschließt sich die Tochter dazu, Theaterwissenschaften zu studieren. Anstatt wie geplant bei den Englischen Fräulein, mietet sie sich in Schwabing ein, verkehrt in Künstlerkreisen und lernt unter anderem den Schriftsteller Lion Feuchtwanger kennen, mit dem sie wohl auch eine Affäre hat. Der revanchiert sich auf seine Weise, indem er sie als Anna Elisabeth Haider in seinem Roman Erfolg nicht sehr vorteilhaft porträtiert.

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