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15/11/2015 08:56 CET | Aktualisiert 15/11/2016 06:12 CET

Die harte Wahrheit: Wir zählen nicht wirklich

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf a separate state of mind.

Ein Freund sagte mir nach Mitternacht, dass ich mir die Nachrichten über Paris anschauen sollte. Da ahnte ich noch nicht, dass ich auf den Plan der Stadt, die ich liebe, sehen würde. Auf Orte, an denen zeitgleich mehrere terroristische Anschläge verübt wurden.

Ich zoomte in der Karte näher heran. An einem der Orte hatte ich selbst übernachtet, als ich 2013 dort war. Es war in der gleichen Straße.

Während ich las, stieg die Zahl der Opfer immer weiter an. Es war furchtbar, es war entmenschlichend, es war vollkommen hoffnungslos und unwiderruflich. 2015 endete, wie es angefangen hatte - mit Terroranschlägen, die im Libanon und in Frankreich fast zur gleichen Zeit stattfanden. Und in beiden Fallen waren diese irren Kreaturen schuld, die Hass und Angst und Tod verbreiten, wohin sie auch gehen.

Ich wachte diesen Morgen mit zwei zerbrochenen Städten auf. Meine Freunde in Paris, die am Vortag erst gefragt hatten, was in Beirut passierte, waren nun auf der anderen Seite der Linie. Beide Städte waren gebrochen und verwundet, wir waren das gewöhnt, aber für sie war es fremd.

Heute sind 128 unschuldige Bürger in Paris nicht mehr unter uns. Am Tag davor starben 45 unschuldige Bürger in Beirut. Die Zahl der Todesopfer steigt immer weiter, aber wir scheinen daraus nichts zu lernen.

Mitten im Chaos und der Tragödie lässt mich ein nagender Gedanke nicht in Ruhe. Es ist der gleiche Gedanke, der jedes Mal in meinem Kopf wie ein Echo erklingt, wenn solche Ereignisse passieren, die in letzter Zeit leider sehr häufig sind: Wir zählen nicht wirklich.

Als meine Landsleute am 12. November auf den Straßen von Beirut in Stücke gerissen wurden, stand in den Schlagzeilen: Explosion in Hisbollah-Stützpunk. Als ob es den Terror irgendwie in einen Zusammenhang setzt, wenn man den politischen Hintergrund eines bewohnten Stadtgebiets hervorhebt.

Als meine Landsleute am 12. November auf den Straßen von Beirut starben, vereinten sich die Regierungschefs weltweit nicht, um den Vorfall zu verdammen. Es gab keine Statements, in denen sie ihr Mitgefühl für die libanesischen Menschen ausdrücken.

Es gab keinen globalen Aufschrei darüber, dass so etwas unschuldigen Menschen nicht passieren darf, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Dass Familien niemals auf diese Art zerbrochen werden dürfen. Oder dass Gruppenzugehörigkeit oder politische Einstellung niemals wichtiger sein dürfen als das Entsetzen darüber, wie Leichen auf dem Zement brennen.

Obama hat kein Statement darüber herausgeben, dass ihr Tod ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war - was ist Menschlichkeit überhaupt anderes als ein subjektives Wort, das den Wert des Menschen bestimmen soll, der damit gemeint ist?

Stattdessen verkündete irgendein amerikanischer Möchtegern-Senator, dass er froh sei, dass meine Landsleute gestorben sind, dass die Hauptstadt meines Landes erschüttert wurde, dass Unschuldige ihr Leben verloren und dass unter den Opfern alle möglichen Leute waren.

Als meine Landsleute starben, ließ kein Land seine Sehenswürdigkeiten in den Farben ihrer Flagge erleuchten. Sogar Facebook machte sich nicht die Mühe, zu ermöglichen, dass meine Landsleute angeben konnten, in Sicherheit zu sein - so trivial das auch sein mag. Hier ist also unser eigener Facebook-Sicherheits-Check: Wir haben bis jetzt alle terroristischen Anschläge in Beirut überlebt.

Als meine Landsleute starben, hat das die Welt nicht in Trauer versetzt. Ihr Tod war bloß ein irrelevanter Fleck im internationalen Nachrichtenkreislauf, etwas, das in diesen Teilen der Welt passiert.

Und wisst ihr was? All das ist okay für mich. Während des vergangenen Jahres oder so, habe ich mich damit abgefunden, einer von denen zu sein, deren Leben nicht zählt. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren und damit zu leben.

Ihr könnt davon ausgehen, dass es in den nächsten Tagen wieder einen weltweiten Anstieg von Islamophobie geben wird. Ihr könnt mit Artikeln darüber rechnen, dass der Extremismus keine Religion kennt und darüber, dass Mitglieder des IS keine echten Muslime sind, und das sind sie ganz sicher nicht, denn kein Mensch, der nur einen Funken Moral hat, würde so etwas tun.

Der IS plant diese islamophoben Gegenreaktionen, damit er sie nutzen kann, um seinen infernalischen Finger auf jeden empfänglichen Geist zu richten, der zuhört: Siehst du, sie hassen dich.

Und es gibt nur wenige, die in der Lage sind, sich darüber zu erheben.

Ihr könnt davon ausgehen, dass Europa in den nächsten Tagen versuchen muss, mit der wachsenden Ablehnung von Flüchtlingen zurechtzukommen. Mit Menschen, die mit dem Fingern auf sie zeigen und ihnen die Schuld an den Ereignissen in der Nacht vom 13. November in Paris geben.

Wenn Europa doch nur wüsste, dass diese Flüchtlinge in den letzten zwei Jahren jeden Tag erlebt haben, was Paris am 13. November erlebte. Doch schlaflose Nächte zählen nur dann, wenn dein Land die ganze Welt dazu bewegen kann, in deinen Landesfarben zu leuchten.

Der noch grauenhaftere Teil der Reaktionen auf die Terror-Anschläge in Paris ist, dass einige Araber und Libanesen trauriger darüber waren, was in Frankreich passiert ist, als darüber, was gestern oder vorgestern in ihrer eigenen Nachbarschaft geschah.

Selbst unter meinen Bekannten gibt es dieses Gefühl, dass wir nicht so wichtig sind, dass unsere Leben nicht ganz so viel wert sind, und dass wir es nicht verdienen, dass für uns gebetet wird und dass unsere Leben kollektiv betrauert werden.

Es macht vielleicht Sinn, weil die Menschen im Libanon eher Paris besuchen als Dahyeh. Also fühlen sie eher mit den Ersteren mit als mit den Letzteren. Aber viele Bekannte von mir sind zutiefst erschüttert von dem Chaos in Paris, kümmern sich aber einen Dreck darum, was an einem Ort passierte, der 15 Minuten von ihrer Wohnung entfernt ist. Was Menschen passierte, denen sie wahrscheinlich schon einmal auf der Straße begegnet sind.

Wir können die Welt darum bitten, daran zu denken, dass Beirut genauso wichtig ist wie Paris. Wir können Facebook bitten, einen Sicherheitscheck-Button einzuführen, den wir jeden Tag benutzen können. Wir können Menschen bitten, uns wichtig zu nehmen.

Aber die Wahrheit ist, dass wir ein Volk sind, das sich selbst nicht wichtig nimmt. Wir nennen es Gewohnheit, aber das ist es nicht. Wir nennen es den neuen Normalzustand, aber wenn das Normalität sein soll, dann zur Hölle damit.

In einer Welt, der das Leben arabischer Menschen egal ist, stehen Araber an vorderster Front.

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