BLOG
19/04/2016 11:42 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 07:12 CEST

"Wer sich über die AfD aufregen möchte, sollte mit gutem Beispiel vorangehen"

Purestock via Getty Images

Wer Muslimen unterstellt, unvereinbar mit dem Grundgesetz zu sein und im selben Atemzug ihre verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit aushebelt, entlarvt sich selbst. Die AfD-Spitze bewegt sich offenbar auf einem Wissensniveau weit unterhalb der Orientierungskurse.

Die Bundesregierung wäre gut beraten, das neue Integrationsgesetz auch im Hinblick auf das AfD-Klientel zu formulieren. Eine Sanktion könnte lauten: Wer sich dem Integrationskurs verweigert, verliert das aktive, im Falle der Wiederholung auch das passive Wahlrecht.

Die AfD loswerden


Damit könnte man eine Fliege ganz sicher schlagen: Entweder wäre die AfD nicht mehr wählbar oder ihre Wähler würden nach bestandener Integrationsprüfung resozialisiert. Im Ergebnis wären wir die AfD los.

OK, verfassungsrechtlich wäre das nicht machbar, aber an solchen Nebensächlichkeiten halten wir uns - seien wir doch ehrlich - doch lange nicht mehr auf. Selbst das höchste Gut unserer Verfassung, die Menschenwürde, haben wir längst begraben - in Idomeni, im Mittelmeer und wer weiß, wo sonst noch.

Die Würde ist unantastbar


Gut an den Orientierungskursen ist zudem, dass den Teilnehmern zumindest die Basics der deutschen Geschichte beigebracht wird. Auch das ist unausweichlich im Hinblick auf die AfD.

Warum wurde unsere Verfassung freiheitlich und pluralistisch formuliert? Warum ist die Würde unantastbar? Warum dürfen Menschen aufgrund der Religion, Herkunft oder Sprache nicht benachteiligt werden? Warum ist das Grundgesetz als Schutzgesetz der Menschen gegenüber dem Staat konzipiert?

Wer versucht, auch nur einen dieser Grundsätze auszuhebeln, wird mit Sicherheit auch auf den Widerstand der Muslime stoßen - jene also, denen die AfD Verfassungsfeindlichkeit unterstellt. Verkehrte Welt.

"Auch die 'bürgerlichen' Parteien bekleckern sich nicht mir Ruhm"


Doch nur auf der AfD herumzuhacken würde dieser Sache nicht gerecht werden. Haben sich doch auch die "bürgerlichen" Parteien bisher nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging, den Islam als ein Teil Deutschlands zu verankern.

Ja, es gibt inzwischen Islamunterricht an immer mehr Schulen und theologische Islam-Fakultäten zur Imamausbildung, doch der Teufel steckt im Detail. Entweder sind es Sonderregeln, Ausnahmevorschriften oder Modellprojekte, die frei erfunden wurden, um den Islam zu "zähmen". Um nichts anderes geht es.

Oder warum darf ein CSU-Generalsekretär unwidersprochen sagen, Europa "müsse seinen eigenen Islam kultivieren". Sofern islamische Religionsgemeinschaften in Deutschland Inhalte bestimmen dürfen, geschieht das jedenfalls unter Aufsicht des Staates.

Mit gutem Beispiel vorangehen


Ja, es sind wiederum die bürgerlichen Parteien, die einerseits kritisieren, dass Moscheen und Imame vom Ausland finanziert werden und gleichzeitig einen autarken finanziellen Unterbau der islamischen Religionsgemeinschaften blockieren.

Wer sich ernst- und glaubhaft aufregen möchte über die AfD, sollte erst einmal mit gutem Beispiel vorangehen und den Muslimen dieselben Rechte einräumen wie sie Christen und Juden genießen - kein bisschen mehr oder weniger, keine Sonderrechte, keine Sonderregeln.

So lange das nicht geschieht, wird es immer Parasiten geben, die versuchen, aus dem Islam-Angst Kapital zu schlagen. Diese Saat wurde in Deutschland lange vor der AfD gelegt - in allerlei Kontexten. Die AfD surft lediglich auf dieser Welle.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Anschläge auf World Trade Center: 25 Prozent Rabatt wegen „9/11": US-Waffenshop hetzt mit Anzeige gegen Muslime

Lesenswert: