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12/01/2016 07:38 CET | Aktualisiert 12/01/2017 06:12 CET

Die Krankenschwestern, die mich zu einer besseren Ärztin gemacht haben

Hinterhaus Productions via Getty Images

Ich bin Ärztin, zehn Jahre Ausbildung, hochqualifiziert. Aber ohne Krankenschwestern wäre ich nicht einmal zur Hälfte die Ärztin, die ich heute bin.

Von meinen ersten Tagen als Medizinstudentin an, als ich noch keine Ahnung vom menschlichen Körper hatte, haben mir Krankenschwestern geholfen. Bis zuletzt vor ein paar Tagen, als ich mir nicht sicher war, mit welchem Verband ich eine Wunde am Bein bandagieren sollte, haben mir Krankenschwestern geholfen.

Dies ist ein kleiner, wertloser Tribut an all die hart arbeitenden Krankenschwestern im NHS (staatlicher Gesundheitsdienst Großbritanniens). Es kommen viele Tassen Tee darin vor.

Als Assistenzärztin in der Pädiatrie habe ich gelernt, den Krankenschwestern bedingungslos zu vertrauen. Das war damals mein erster Job.

Kinderkrankenschwestern sind unerschütterlich gelassen und unendlich fröhlich. Sie können mit einer beruhigenden Stimme mit verängstigten Eltern sprechen. Sie schaffen es, das gesamte Team während der Versorgung eines winzigen Neugeborenen bei Laune zu halten und immer genau das richtige Besteck oder Gerät genau im richtigen Moment zur Hand zu haben.

Ich habe ihnen bei der Arbeit zugesehen und so viel gelernt. Während einer stressigen Nachtschicht lief ich mir die Hacken ab. Es war Winter und fünf kranke Kinder warteten auf eine Diagnose. Außerdem musste ich mich um die ganze Station kümmern. Der einzig andere Arzt war auf der Baby-Intensivstation und kümmerte sich um ein kränkelndes Neugeborenes.

Dann kam noch ein Anruf - noch eine stationäre Aufnahme. Ein dreijähriges Mädchen mit Fieber in der Ambulanz. Ob sie das Kind zu uns schicken könnten. Ich nahm die Details auf und kritzelte sie auf einen Fetzen Papier und machte weiter.

Ich nahm im Vorbeigehen nur wage ein Elternpaar wahr, das sein Kind in einer Decke gewickelt hereintrug. Die Krankenschwester kümmerte sich um Details, nahm die wichtigsten Daten auf. Sie kam nur knappe dreißig Sekunden später zurück.

"Zoe, ich brauche dich."

Ich deutete auf den Papierberg vor mir, mit dem ich gerade dabei war einen weiteren Patienten stationär aufzunehmen.

"Ich bin gleich da."

"Nein, Zoe. Ich brauche dich jetzt."

Ein Blick in ihr Gesicht war genug. Sie sah schlecht aus. Ich ließ die Papiere fallen, griff nach meinem Stethoskop und ging zu dem Krankenbett. Sie - ganz Profi - lächelte wieder wie gehabt und plauderte mit den Eltern.

Ich schaute den kleinen Kopf, der aus der Decke ragte an. Ich verstand nicht. Sie sagte "Dr. Zoe wird sich das eben ansehen" und zog die Decke weg. Der kleine Kopf gehörte zu einem kleinen Körper, der totenblass war und übersät mit dem Ausschlag, den jede Krankenschwester, jeder Arzt und alle Eltern fürchten. Meningitis.

Er war überall. Ich versuchte, ihrem Beispiel zu folgen und versuchte mit ruhiger Stimme zu sprechen, aber innerlich dachte ich nur "Oh Gott, oh Gott, oh Gott".

Als ich loslief, um Hilfe zu holen, hörte ich, wie sie den Eltern sanft erklärte, dass wir ihre Tochter bald verlegen würden müssen, dass viele Leute kommen würden, aber dass sie sich keine Sorgen machen sollten, weil wir uns um sie kümmern würden.

Die nächste Stunde verbrachte ich damit, an der Seite eines ganzen Teams von Krankenschwestern um das Leben des kleinen Mädchens zu kämpfen. Sie waren großartig. Wenn ich mich neben den erfahrenen Ärzten wie ein Ersatzteil fühlte, leiteten sie mich an.

Als das Mädchen auf die Intensivstation gebracht wurde, fühlte ich mich so erschöpft, dass ich hätte zusammenbrechen können. Ich hatte noch acht Stunden in meiner Nachtschicht vor mir. Ich wollte mich nur zu einem Ball zusammenrollen und weinen.

Stattdessen wurde ich umarmt. Ich wurde mit Tee und Keksen zwangsernährt. Ich wurde den Rest der Nacht unterstützt. Ohne diese Krankenschwestern hätte ich diese Nacht nicht geschafft.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte ich ohne Pause seit acht Uhr morgens gearbeitet. Es war 16 Uhr als ich endlich zur fünften Station kam. Sie hatten seit sechs Stunden auf mich gewartet. Ich hatte angerufen, um ihnen zu sagen, dass ich auf dem Weg war.

Als ich ankam - bereit für Beschwerden und Anschuldigungen - stand da eine heiße Tasse Tee auf dem Schreibtisch und daneben ein Stapel Krankenakten, jede einzelne mit einem Post-It versehen. Darauf stand genau, was jeder einzelne Patient brauchte und wer die zuständige Krankenschwester war.

Als sie feststellten, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, wurden mir formgerecht die Süßigkeiten gereicht und irgendwoher ein Sandwich aufgetrieben und ich bekam die Gelegenheit, mich zum ersten Mal in acht Stunden hinzusetzen.

Ich war so gerührt von ihrer Liebenswürdigkeit. Sie behandelten mich nicht anders als die anderen Ärzte in dem Krankenhaus und es war auch nicht ihre Pflicht, mir den Tag ein bisschen zu erleichtern, aber wir waren eben ein Team.

In der Notaufnahme, als ich Angst vor den aufdringlichen Besoffenen hatte, waren die Krankenschwestern an meiner Seite und wiesen sie in ihre Schranken. Sie scherzten, dass sie mir das mit dem Durchsetzungsvermögen schon noch beibringen würden. Ich glaube, ich habe es gelernt ...

Im Gegenzug krempelte ich die Ärmel hoch und half, den Patienten zu waschen, der nach einer heftigen Darmblutung mit blutigem Kot übersät war. Ich putzte die Baren, wenn sich meine Patienten darauf übergeben hatten. Ich kochte Tee.

In der chirurgischen Bereitschaft kümmerte ich mich um alle Stationen. Manchmal konnten die Krankenschwestern bei Frauen Katheter legen, nicht aber bei Männern. Also riefen sie mich. Nur dass die Krankenschwestern aus der Urologie wesentlich mehr Ahnung von Kathetern bei Männern hatten als ich, obwohl sie nie wirklich die Erlaubnis hatten, selbst einen zu legen.

In meinem Job habe ich gelernt, dass jedes Mal eine von ihnen an meiner Seite stand, um mich durch die Prozedur zu leiten. Wenn etwas schief lief, wenn ich den Katheter nicht legen konnte, wenn der Patient blutete und Schmerzen hatte, beruhigten sie mich und standen mir mit Rat zur Seite. Sie ließen mich kleine Tricks ausprobieren. Solche die man nur durch Erfahrung lernt. Ich hatte nur den "Doktor", sie hatten das Wissen.

Auf der Entbindungsstation halfen mir die Hebammen durch das Abenteuer, ein Kind auf die Welt zu bringen. Wir arbeiteten Seite an Seite und sind durch Fehlgeburten, Totgeburten und hunderte Tränen gegangen. Wenn bei einer Geburt etwas schief geht, dann geht es sehr schnell und schlimm.

Hebammen gehen damit spielend um. Notfallknöpfe gehören zur Routine dazu. Nichts versetzt sie in Panik. Die guten Ärzte wissen, dass sie die Hebammen um Rat fragen sollten, wenn sie Schwierigkeiten haben. Und mit einem schiefen Lächeln wird ihnen immer geholfen.

Nun als Allgemeinmediziner, verbringe ich in jeder neuen Chirurgie Zeit mit den Krankenschwestern. Sie geben mir die Hintergrundinformationen für jeden komplexen Patienten. Sie lachen mich nicht (sehr) aus, wenn ich versuche, Wunden zu verbinden. Sie zeigen mir Tricks, um Abstriche zu machen, von denen ich keine Ahnung hatte.

Wenn ich einen schlechten Tag habe, sind sie da, um mich zu unterstützen. Ich versuche, diesen Gefallen zu erwidern, aber ich habe immer das Gefühl, dass sie schon alles wissen und ich noch immer lerne.

Viele Krankenschwestern haben mit ihren eigenen Sorgen und ihrem eigenen Stress gearbeitet. Sie haben kleine Kinder, Teenager, Ehemänner und Frauen. Sie arbeiten in langen Schichten für zu wenig Lohn, weil sie ihren Job lieben.

Der staatliche Gesundheitsdienst ist ein gewaltiges Team. Wir unterstützen einander gegenseitig Tag für Tag und die Patienten profitieren davon. Aber dieses Team wird auseinandergerissen und die Patienten leiden darunter.

Am 9. Januar demonstrierten Krankenschwestern gegen Kürzungen der Krankenkassen Budgets. Bitte unterstützt sie. Bitte hört ihnen zu. Wir sind ein Team. #bursaryorbust

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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