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28/08/2015 10:50 CEST | Aktualisiert 25/08/2016 07:12 CEST

Impfinitiative: Auf bessere Daten bauen

Wenn man von Innovation spricht, denken die meisten Menschen sofort an die neusten Apps, die das tägliche Leben mit höchster Präzision aufzeichnen können, oder an kostspielige neue Technologien wie Google Glass, die noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären.

Aber in afrikanischen Kliniken ist es eine neue Form von „low-tech" Innovation, die Ärzten und Gesundheitspersonal dabei helfen kann, Spendengelder zu sparen und Menschenleben zu retten. Die Better Immunization Data (BID) Initiative (Initiative Bessere Impfdaten), die in Zusammenarbeit mit der in Seattle an der amerikanischen Westküste ansässigen Organisation PATH ins Leben gerufen worden ist, ist gerade dabei, die Erfassung von Impfdaten vom Labor bis zum Einsatzort zu revolutionieren.

Bill & Melinda Gates Foundation
Die Krankenschwester Evodia Malila verteilt Impfungen an Kinder im Ngarebaro Health Centers in Arusha, Tansania am 15. Juli 2015.

Denn trotz des Fortschritts, der in den letzten Jahren durch Impfprogramme bei der Rettung unzähliger Leben erreicht worden ist, ist es immer noch mit diversen Herausforderungen verbunden, Impfstoffe zu Kindern in den abgelegenen Regionen der Welt zu bringen. Eins von fünf Kindern hat auch heute noch keinen Zugang zu Basisimpfungen und in Afrika verharrt die Impfrate seit geraumer Zeit starr bei rund 77 Prozent.

Um die Lücke zu schließen, müssen wir klären, warum es keine weiteren Fortschritte bei der Erhöhung der Impfraten gibt. Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage kann die Auswertung von Daten helfen, auch wenn es darum geht, die Verwendung von Spendengeldern für Impfprogramme zu optimieren.

Durch die bessere Erfassung von Impfdaten können wir feststellen, wo Kinder noch nicht geimpft worden sind und diejenigen besser erreichen, die ihre Folgeimpfungen verpasst haben. Außerdem ermöglicht uns die genaue Datenerfassung, die richtige Menge an Impfstoffen zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort zu bringen. Das ist der Gedanke hinter der BDI Initiative.

Auch heute verschwinden Informationen über Impfungen und Besuche der Patienten in den Kliniken noch allzu oft in verstaubten Aktenschränken, wo sie handschriftlich in Bleistift von einem überarbeiteten Krankenhausmitarbeiter auf eine Karteikarte gekritzelt worden sind (nicht selten in dreifacher Ausführung). Das ist ineffizient und kostet Zeit, die anderweitig für Patientenbetreuung sinnvoll eingesetzt werden könnte.

Außerdem führt es dazu, dass eine sinnvolle Analyse der Daten so gut wie unmöglich ist. Doch ohne zuverlässige und leicht zugängliche Informationen darüber, wo die Grenzen von Impfprogrammen liegen, fehlen den Entscheidungsträgern wichtige Einblicke. Bessere Daten werden benötigt um zu verstehen, welches die größten Probleme sind und wo sie liegen.

Die BID Initiative könnte das alles ändern. Denn BID, gegenwärtig in der Pilotphase in Tansania und Sambia, ermöglicht es Ärzten, Entwicklungshelfern und den politischen Entscheidungsträgern in den jeweiligen Ländern, Probleme zu identifizieren und den besten Weg zu finden, sie zu lösen.

Erst kürzlich war ich in der Region Arusha in Tansania, um mir das BID Pilot Projekt vor Ort anzuschauen. Die Gesundheitsversorgung in Tansania hat sich unter der Leitung von Dr. Dafrossa, die das erweiterte Impfprogramm führt, stetig verbessert. „Wir haben inzwischen eine Abdeckung von 90 Prozent", sagte sie mir. „Wir haben neue Impfstoffe im Einsatz und jetzt mit der BID Initiative wollen wir die Effizienz unseres Programms erhöhen."

Bill & Melinda Gates Foundation Orin Levine trifft zusammen mit Mitarbeitern der Gates Stiftung und Mitgliedern von PATH Caroline Agade, Clinical Officer an der Green Hope Arzneimittelausgabe in Arusha, Tansania am 15. Juli 2015.

Nachfolgend noch einige andere Beispiele von "low-tech" Initiativen, die einen großen Beitrag leisten können:

1. Länderspezifische, ländergeführte Lösungen verbessern langfristig die Versorgung

Es ist keine Frage, dass bessere Daten zu besseren Analysen und damit zu gezielterer Finanzierung und besserer Gesundheitsversorgung führen können. Ärzte und medizinisches Personal an der Front in afrikanischen Krankenhäusern wissen am besten, wo es Probleme und Lücken zu schließen gibt. Deshalb hat die BID Initiative „User Advisory Groups" (Nutzergruppen) eingerichtet, die es Mitarbeitern auf allen Ebenen des tansanischen Gesundheitssystems ermöglichen, Informationen darüber zu liefern, wie BID Lösungen auf lokaler Ebene umgesetzt werden.

2. BID konzentriert sich auf Prozessinnovation, nicht Technologieinnovation

Die Umsetzbarkeit von Projekten darf nicht von teueren Technologie abhängen. Technologien müssen angemessen sein und sind nur ein Bestandteil eines koordinierten Vorgehens, bei dem Politiker, das Gesundheitswesen und Menschen miteinander verbunden werden. In Tansania ist die User Advisory Group auf der Basis des kostengünstigen Message Systems WhatsApp umgesetzt worden.

Ärzte, Pfleger und Krankenhauspersonal helfen sich gegenseitig dabei, Formulare auszufüllen und sicherzustellen, dass genügend Impfstoffe in allen Einrichtungen in der Region vorhanden sind. Durch die pro-aktive Kommunikation untereinander kann verhindert werden, dass es in einer Klinik einen Überschuss an Impfstoffen gibt, während diese in anderen Kliniken zu Neige gehen.

Ein weiteres Beispiel ist die Einrichtung in National Electronic Immunization Registry (Nationale Elektronische Impfdatenbank), in dem alle Kinder von Geburt an erfasst werden. Abhängig von der Infrastruktur jeder einzelnen Einrichtung kann das Klinikpersonal Impfungen online registrieren oder Papierformulare mit Barcodes benutzen, die mit dem elektronischen System kompatibel sind.

Anstatt Stunden in einem prall gefüllten Register zu suchen, können Ärzte und Klinikpersonal schnell feststellen, wer nicht zur Impfung erschienen ist, wo diese Kinder leben und wie man ihre Eltern oder Betreuungspersonen erreichen kann.

Bill & Melinda Gates Foundation Um zu überprüfen welche Impfungen erforderlich sind, scannen Krankenschwestern die Gesundheitskarten der Säuglinge. Dieses Programm ist Teil der „Better Immunization Data Initiative (BID)" am Ngarebaro Health Center in Arusha, Tansania am 15. Juli 2015.

3. Verbesserungen bei den Impfdaten können andere Gesundheitsprogramme befruchten

Alle Bestandteile der BID Initiative sind so ausgelegt, dass sie skalierbar sind, weniger vertikal und auf Effizienz abzielen. In der Zukunft können diese Lösungen nicht nur für Impfprogramme eingesetzt werden. Zugriff auf die gesammelten Daten kann auch im Kampf gegen die Ausbreitung ansteckender Krankheiten oder im Bereich der Familienplanung genutzt werden.

Spendengelder in bislang ungekannter Höhe von Spendern, Entwicklungsländern und Partnern habe dazu beigetragen, dass fast eine Milliarde Kinder geimpft werden konnten. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Infrastruktur und die Prozesse zu schaffen, um diese Gelder optimal zu nutzen. Durch die Einrichtung von BID und die Verbesserungen, die dadurch auf der Prozessebene erreicht werden können, haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht.


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