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08/01/2017 07:47 CET | Aktualisiert 09/01/2018 06:12 CET

Veränderung der Medien - Chancen für die Zukunft?

Luis Alvarez via Getty Images

"Die Märkte wandeln sich, alte Strukturen bröckeln, brechen zusammen, Monopole wanken", mit diesen Worten sagte der Verleger Hubert Burda bereits vor 26 Jahren den digitalen Wandel voraus - in seiner Festrede zum 40-jährigen Jubiläum des Südwestdeutschen Zeitschriftenverleger-Verbands.

Hubert Burda veröffentlicht in seinem neuen Buch "Digitale Horizonte", das im Petrarca Verlag erschienen ist, 13 Reden von 1990 bis 2010 über seine Visionen der digitalen Zukunft. Diese vorhergesagte Zukunft ist heute bereits gelebte Realität und markiert laut Hubert Burda, nach der Erfindung des Buchdrucks, einen weiteren Meilenstein in der Menschheitsgeschichte.

Der folgende Beitrag ist eine gekürzte Fassung von Dr. Hubert Burdas Rede an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg aus dem Jahr 2007.

Wir befinden uns in der größten Medienrevolution seit Gutenberg. Diese wirkt sich auf die Zukunft der Universitäten genauso aus wie auf die Zukunft eines Medienunternehmens. Es ist wichtig, unsere Zeit richtig einordnen zu können. Genauso wie mit der Entdeckung Amerikas eine neue Schwellenzeit und die Globalisierung einsetzte, befinden wir uns heute wieder in so einer Übergangszeit. Ich möchte Ihnen ja erzählen, was sich verändert hat.

Alle Bereiche unserer Gesellschaft verändern sich durch die voranschreitende Digitalisierung und Globalisierung. Das gilt für die Wirtschaft und Medien genauso wie für Hochschulen. Dass das nicht nur Vorteile hat, kann ich Ihnen versichern. Es könnte keinen besseren Ort und keinen besseren Anlass für dieses Thema geben als die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Denn in dieser Region laufen viele Stränge der Entwicklungen zusammen.

Als Verleger habe ich natürlich besonders die Medienentwicklung im Hinterkopf, wenn ich die derzeitigen Veränderungen betrachte. Wie entwickelten sich die Medien in dieser Region?

Sie sind hier zwischen Basel, Straßburg und Karlsruhe. Hier hat große europäische Kulturgeschichte stattgefunden: von der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert in Mainz und Colmar, des Papiers in Basel und Mainz bis zur ersten E-Mail in Karlsruhe vor 20 Jahren.

Keinesfalls zufällig fand in genau diesem Zeitraum die Gründung der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg statt. Sie war damit nach Wien die zweite habsburgische Universität. Eine spätmittelalterliche Gründung, die mit ihren vier Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und Philosophie die damaligen Zukunftsfelder besetzte.

Die Erfindung des Buchdrucks und auch die Gründung dieser Universität kamen nicht ganz von ungefähr, denn der Rhein war das kommunikative Band zwischen den Städten, vergleichbar heute mit der A5 und A8 oder dem Internet.

Die Medienentwicklung hängt mit der Globalisierung zusammen

Die Medienentwicklung seit der Gründung dieser Universität hatte entscheidend mit dem Beginn der europäischen Neuzeit und dem Einläuten der Globalisierung zu tun. Diese Entwicklung dauert bis heute an und erfuhr in den letzten Jahrzehnten einen ungeheuren Schub.

Der Buchdruck war eine gewaltige technologische Errungenschaft und schuf eine neue Industrie. Mit dem Medium des Buchdrucks entstand eine Verbreitung, die das Buch innerhalb kürzester Zeit in neue soziale Schichten brachte. Natürlich war die christliche Kirche mit ihren Ausmalungen, insbesondere dem Abendmahl, das damalige Massenmedium.

Mehr zum Thema: Wie die Medien sich in den letzten Jahrzehnten explosionsartig veränderten

Ein Beispiel ist die Sixtinische Kapelle. Mit Gutenbergs Erfindung vertieft sich die Kluft zwischen Bild und Schrift. Text kann nun mit weitaus geringerem Aufwand verbreitet werden. Genau wie heute in unserem globalen Zeitalter die Medienexplosion Vor- und Nachteile hat oder wie die Amerikaner sagen, „upsides and downsides", so kennzeichnet die Gutenberg-Revolution negative Auswirkungen: Bartholomäusnacht, Dreißigjähriger Krieg, Religionskriege ohne Ende.

Aber auf ihrer positiven Seite eben führte sie zum Zeitalter der Aufklärung, zu Pascal, zu Leibniz, zu Montesquieu. Zu Rousseau, Diderot, zur französischen Enzyklopädie, zur Weimarer Klassik. Die nächste große Etappe der Medienentwicklung beginnt, wenn Sie von Freiburg und Basel durch die burgundische Pforte fahren.

Chalon-sur-Saône ist die historische Stadt. Hier erfand Joseph Nicéphore Niépce 1838 die Fotografie. Das erste Bild einer gegenüberliegenden Wand, fast gleichzeitig mit William Talbot in England. Wenige Autostunden entfernt und kaum 60 Jahre später führten die Gebrüder Auguste und Louis Lumière in Lyon ihren ersten Film vor.

Das Zeitalter des bewegten Bildes beginnt

Das heißt, der Oberrheingraben, mit seiner Fortsetzung im Rhonetal, ist jene historische Gegend, in der sich mit der Erfindung des Buchdrucks, des Kupferstichs, des Holzschnitts, der Herstellung des Papiers, mit der Fotografie, dem Film, den elektromagnetischen Wellen und den Anwendungsbereichen von Computer Technologies die wohl entscheidende die Mediengeschichte prägende Landschaft Europas ausgebildet hat.

Mit der Fotografie und dem Film waren die ersten großen Speichermedien erfunden. Beide sind bis heute zur Dokumentation unseres eigenen Lebens nicht mehr wegzudenken und bestimmten die Medienentwicklung bis Ende des 20. Jahrhunderts.

Die weiteren Pfeiler des audiovisuellen Zeitalters sind die Erfindung der Phono- und Telegrafie. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Radio noch das dominierende Übertragungsmedium. Wer erinnert sich nicht an den Live-Kommentar von Herbert Zimmermann beim WM-Finale 1954 in Bern.

Mit dem Fernsehen entstand ein Medium, das nun Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig erreichte. So verfolgten über 600 Mio. Menschen die Mondlandung am 20. Juli 1969. Die technischen Anforderungen der Raumfahrt trieben ihrerseits die Entwicklung der Chipund Software-Industrie voran, was dann in den 1990er-Jahren zu einer digitalen Medienexplosion führte: Internet, Mobilfunk und Laptop. Medienangebote und Telekommunikationsdienste wuchsen vielfach zu neuen Produktkategorien und medialen Angebotsformen zusammen.

Ein entscheidendes Produkt dieser Digitalisierung ist das Internet, das für zwei Paradigmen steht: Interaktion und Suche. Google ist das wertvollste Unternehmen der Welt mit einem Marktwert von 163 Milliarden Dollar. Bei YouTube werden 100 Millionen Videos am Tag angeschaut.

Bei Facebook melden sich jeden Tag 150 000 neue Mitglieder an

Die digitalen Medien haben den „Iconic Turn" gebracht. Sie vereinen Bild, Ton und Film auf einer Schnittstelle. Sie sind interaktiv und tragen Bilder und Informationen überallhin. Nun stehen wir wieder vor einem neuen Umbruch: Soziale Netzwerke erleben einen ungeahnten Boom. Nehmen Sie Facebook: Eine von Studenten der Harvard-Universität gegründete Plattform, die mittlerweile 16 Milliarden Seitenabrufe pro Monat verzeichnet (laut Internet-Marktforschungsfirma Comscore) und etwa 34 Millionenaktive Nutzer registriert hat. Bei Facebook melden sich jeden Tag 150 000 neue Mitglieder an.

Mehr zum Thema: Ich bin fest davon überzeugt, dass Journalismus und Qualitätsmedien krisensicher sind

Neben der Digitalisierung ist die Globalisierung die zweite große Entwicklung unserer Zeit. Die Globalisierung setzte mit der Entdeckung Amerikas 1492 ein. Der Ozean war unser heutiges Internet (Sloterdjik), und die Menschen wurden zu „Global Players", das Weltbild veränderte sich.

Die Globalisierung und die Digitalisierung setzten in dieser Form vor 30 Jahren ein und verändern seit etwa zehn Jahren mit dem Internet und Mobilfunk explosionsartig unsere Welt. Thomas Friedman hat diese Entwicklung in seinem Buch: „The World is Flat" beschrieben.

Dass die Welt flach wird, kann man täglich erleben. Ein Beispiel: Kürzlich reiste mein Forschungschefin die 5-Millionen-Stadt Dalian (China), um dort die Young-Global-Leaders-Konferenz und die WEF-New-Champions-Konferenz zu besuchen.

An der WEF-Konferenz nahmen 2000 Wachstumsunternehmen teil. Chinas neue Rolle in der Welt stand im Fokus, darüber hinaus aber auch Klimaschutz und Finanzmärkte. Dalian gilt als das Silicon Valley Asiens. Insbesondere Technologie-Cluster entwickeln sich dort sehr erfolgreich. Eine solche Vernetzung und Entwicklung von gemeinsamen Ideen wäre doch noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen.

Was vor 500 Jahren einsetzte, dauert bis heute an. Genauso wie damals nicht nur Gutes über den Ozean kam, bringt auch heute die Globalisierung große Nachteile. Die Sorgen davor, als Universität in diesem Zeitalter nicht bestehen zu können, sind berechtigt.

Dem können wir gegenübertreten, indem Kreativität, Wirtschaft und Wissenschaft in den Regionen konzentriert und weiterentwickelt werden. Dann kann auch diese Region zu einem „Center of Excellence" werden.

Wir brauchen ein Klima, in dem man für Verantwortung und Erfindungsreichtum belohnt wird

So entstehen Innovationen. Wir brauchen Offenheit, müssen die Fähigsten und Engagiertesten fördern und ihre Leistungen anerkennen. Wichtig ist, die Ressource Wissen kreativ zu nutzen. Hier sind die Universitäten angesprochen. Wie Richard Florida schon in seinem Buch „The Rise of the Creative Class" nachweist, trägt Kreativität als Standortfaktor entscheidend zum ökonomischen Erfolg bei.

Die Metropolregionen - wie hier in Freiburg - gewinnen an Bedeutung. Auch vor den Hochschulen macht der globale Wandel nicht halt. Sie befinden sich im Wettbewerb mit den besten Hochschulen der Welt.

Ich kann nachvollziehen, womit sie zu kämpfen haben. Meine Erfahrungen als Mitglied des Hochschulrats der LMU München waren da sehr prägend. Dort war deutlich zu spüren, dass sich zu Beginn dieses Jahrhunderts der Geist an den Universitäten geändert hatte.

Wie auch in Freiburg gab es plötzlich vollkommen neue Themen: Wettbewerb, Leuchttürme, Spezialisierung, Verteilung von Kompetenzzentren. Es entstand die Idee, einen Cluster nach amerikanischem Vorbild (Silicon Valley) für die LMU in Form eines biometrischen Zentrums zu fördern.

Dieser Cluster bietet die Chance, in einem der zentralen Forschungsfelder des 21. Jahrhunderts ein Kompetenzzentrum von internationalem Rang zu schaffen: die Bündelung der gesamten Forschungskompetenz im Bereich der „Molecular Medicine".

Denn genauso wie Medien müssen Universitäten Zukunftsfelder besetzen und ihr Wissen nach außen tragen. Ein spannender Fall, aus dem der Hochschulrat lernen konnte. Und wenn es auch noch fünf Jahre bis zur Eröffnung dauert, das Geld bewilligt wird und die Eröffnung erst im Jahr 2012 stattfindet.

Mit diesem Wissenschaftscluster Biometrisches Zentrum entsteht eine Plattform für viele Beteiligte: die Universität, die Forschung, Unternehmensgründungen, die neue Arbeitsplätze schaffen. Was uns antrieb, war die Clusterbildung. Darin bestand der Erfolg an der Westküste Amerikas.

Aus der Region um San Francisco, die zugleich Zentrum der Hippie-Bewegung und ihrer Communities war, entstand um die Forschungszentrender Stanford University und Studentenclubs das Silicon Valley eine Kultur der Jam- Sessions und Garagenfirmen. Den Song dieser Region kennen Sie alle.

Faktoren wie eine führende Universität, zum Beispiel Stanford University, zogen große Firmen wie Intel und Microsoft, aber auch vielekleine Start-ups und Venture Capital oder Private Equities an und trieben eine erfolgreiche Entwicklung voran.

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Der Erfolg dieser Region liegt in der Vernetzung, die sich immer wieder flexibel auf neue Feldereinstellt, wie nun der Biotechnologie, der Hydround Solarenergie sowie der IT, die hier eingroßer Erfolg sind. In welcher Situation befinden sich Freiburg und Ihre Universität?

Sie besetzen schon jetzt viele Zukunftsfelder: Der BioMed-Bereich und die Solarenergie sind herausragende Beispiele für die erfolgreiche Entwicklung dieser Region. Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien haben hier einen großartigen Cluster geschaffen.

Wie können Universitäten im globalen Wettbewerb bestehen?

In vielen Zukunftsfeldern entstehen neue Berufe. Universitäten sollten sich der Wirtschaft gegenüber öffnen. Regionale Universitäten sollten für Industrien des 21. Jahrhunderts ausbilden. Dabei müssen Studiengänge gefördert werden, die sich auf Schnittstellen beziehen, die praxisorientiert und zukunftsträchtig sind.

Ich zeige Ihnen ein Beispiel, wie wir als Medienunternehmen neue Ausbildungsgänge suchen und fördern, die auf unsere zukünftigen Entwicklungen ausgerichtet sind. Wir bilden zum Beispiel Volontäre im Bereich Crossmedia und New Media aus. Sie können aber auch eine Ausbildung als Mechatroniker/in oder Mediengestalter/in machen.

Für Medienunternehmen, aber auch für Universitäten bleibt ausschlaggebend, dass die Kommunikation in der Gesellschaft sich den Innovationen zuwendet. „Public Understanding of Science" war auch für die Gründung des Magazins „Focus" ein entscheidender Faktor.

Zum Abschluss will ich Ihnen ein Beispiel für die Vernetzung von Wissen und Medien zeigen, an dem sich mein Haus beteiligt hat. In dieserVernetzung liegt das große Zukunftspotenzial. Hier kann viel entstehen.

Gerade haben die Burda Research & Delevopment und die amerikanische Seed Media Group eine Partnerschaft geschlossen, um die Wissenschafts-Community Science Blogs weiterzuentwickeln.Das ist die führende Online-Communityzum Thema Wissenschaft. Nach nur zwei Jahrenschreiben hier 65 Autoren, es gibt über 500 000 Kommentare und 50 000 Artikel.

Die Seite zählt zu den meistvernetzten Websites der Welt. Dieses Portal ist nun ein großartiges Angebot, das Wissen der Universitäten nach außen zu tragen. Wir sind hier offen für Kooperationen mit Universitäten. Ich lade Sie herzlich dazu ein, an dieser Entwicklung teilzunehmen. Ihre Schätze ruhen in Deutschland noch zu sehr im Verborgenen.

Nur wenn es uns gelingt, Vernetzung und Durchlässigkeit zu erreichen, entstehen Produkte und Dienstleistungen, mit denen man langfristig wettbewerbsfähig ist. Und dies ist nur zu erreichen, wenn die Produkteder Industriegesellschaft mit den Erkenntnissen der Wissensgesellschaft verbunden werden.

Denn wie vor 500 Jahren befinden wir uns wieder in einer Schwellenzeit, die genauso Gefahren birgt, wie sie großartige Möglichkeiten bietet. Ergreifen Sie diese Möglichkeiten. Zum Abschluss wünsche ich Ihnen alles Gute, viel Erfolg bei den anstehenden Herausforderungen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Hubert Burdas Buch Digitale Horizonte - Strategien für neue Medien.

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