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23/12/2016 08:29 CET | Aktualisiert 24/12/2017 06:12 CET

Das Internet: Die neue Wunderkammer

SolisImages via Getty Images

"Die Märkte wandeln sich, alte Strukturen bröckeln, brechen zusammen, Monopole wanken", mit diesen Worten sagte der Verleger Hubert Burda bereits vor 26 Jahren den digitalen Wandel voraus - in seiner Festrede zum 40-jährigen Jubiläum des Südwestdeutschen Zeitschriftenverleger-Verbands.

Hubert Burda veröffentlicht in seinem neuen Buch "Digitale Horizonte", das im Petrarca Verlag erschienen ist, 13 Reden von 1990 bis 2010 über seine Visionen der digitalen Zukunft. Diese vorhergesagte Zukunft ist heute bereits gelebte Realität und markiert laut Hubert Burda, nach der Erfindung des Buchdrucks, einen weiteren Meilenstein in der Menschheitsgeschichte.

Der folgende Beitrag ist eine gekürzte Fassung von Dr. Hubert Burdas Rede in Dresden 2010

Das Thema heißt "Internet als Erfindung des Globalen", und als eine der ersten Erfindungen des Globalen gilt die Wunderkammer. In ihr konnte man Objekte und Naturalien aus aller Welt sehen, die man sonst nirgendwo sehen konnte.

Was waren die Wunderkammern eigentlich? Wie ich schon sagte, Orte, wo man Dinge bewundern konnte, die man meist nie gesehen hatte. Aber vor allen Dingen ließen sie den Herrscher, den Fürsten, den Besitzer der Wunderkammer als mächtig erscheinen.

Das Internet als "neue Wunderkammer"

Im Folgenden möchte ich auf die Bedeutung des Internets als „neue Wunderkammer" und Globalsphäre eingehen. Vorweg würde ich aber gerne einen historischen Bogen spannen und mit zwei Implikationen beginnen, die solche „Kuriositätenkabinette" für mich wesentlich kennzeichnen:

Zum einen ist die Wunderkammer natürlich der Versuch, Objekte und Artikel anzusammeln, die man normalerweise nicht anschauen oder finden konnte.

Zum anderen aber lässt sich daraus auch folgern, dass derjenige, der über diese Dinge verfügen kann, selbst einen großen Einfluss auf ebendiese Welt hat. Was waren die frühen globalen Wunderkammern?

Diese wurden zunächst ja von den reichen und mächtigen Herrschern und Fürsten geschaffen - um dann ab 1800 in die wissenschaftlichen Sammlungen einzugehen: das Britische Museum, das Botanische und Zoologische Museum. Und in der Charité gibt es ja eine medizinische Wunderkammer, die Horst Bredekamp ausgewertet hat.

Die Installation - gleichsam einer Wunderkammer als überdimensionales Regal - veranschaulicht Systematik wie Ausschnitthaftigkeit wissenschaftlichen Schaffens. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bilden dann die neu entstandenen Weltausstellungen die großen Wunderkammern. Beispielhaft dafür steht die erste Weltausstellung im Londoner Kristallpalast (1851).

Mehr zum Thema: Digitale Welt: Zukunftskompetenz braucht Medienkompetenz

Sie vereinigt die Welt unter dem großen Dach eines einzigen, dafür geschaffenen Gebäudes. Mit der Ausstellung 1867 in Paris konnte der Platzbedarf jedoch nicht mehr gedeckt werden, wodurch man weitere, ländereigene Pavillons errichtete. Dieses Konzept der Länderpavillons hat sich bis heute erhalten. Rund 50 Jahre später manifestiert sich im SearsKatalog (zuerst im Jahr 1894 erschienen) schließlich das ökonomische Prinzip der Wunderkammer.

Damit entsteht - neben Montgomery Ward - das zur damaligen Zeit größte Versandhaus. Das zentrale Medium für die Ansprache des Kunden war nun der Katalog. Bis 1927 stieg dessen Auflage auf eine Stückzahl von 15 Millionen. In Deutschland kommen später Otto und Neckermann als die großen Versandhäuser hinzu.

Gewissermaßen als Gegenentwurf zum SearsKatalog, der rein ökonomischen Prinzipien folgt, ruft Stewart Brand in Kalifornien 1968 den „Whole Earth Catalog" ins Leben. Brand, der damals „zum harten Kern" der Hippieszene in San Francisco gehört, startet damit einen Katalog, der viele Denkansätze prägte und verbreitete, die mit der Gegenkultur (Counter Culture) und der frühen Umweltbewegung verknüpft sind.

In dieser „neuen Wunderkammer" werden Artikel aufgelistet und beschrieben, die als Werkzeug nützlich sind, von hoher Qualität und für unabhängige Erziehung relevant sind, die wenig kosten und nicht schon ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen sind. Und die sich leicht verschicken lassen - allerdings nicht vom Verlag selbst, sondern über die darin abgedruckten und immer wieder aktualisierten Adresshinweise von Versandanbietern.

Der Vorläufer der ersten Suchmaschine

Steve Jobs, der Gründer von Apple, bezeichnete diesen Katalog einmal als Vorläufer der ersten Suchmaschinen im World Wide Web (,‚Sort of like Google in paperback form, 35 years before Google came along"). Der Katalog läuft - mit dem „Last Whole Earth Catalog" - bis Ende der 1990er-Jahre, bevor er durch das Aufkommen des Internets schließlich seine Relevanz verliert.

Kommen wir zurück zum Internet: Die ersten „Directories", so zum Beispiel von Altavista, Yahoo! oder Compuserve, wurden noch von Redakteuren nach inhaltlichen Kategorien angelegt. Mit Google kommt 1998 schließlich die Ablösung sowohl des "Whole Earth Catalog" als auch der "alten Wunderkammern".

Die Suchmaschine ersetzt jetzt die redaktionelle Auswahl und Einordnung eines „menschlichen" Kurators durch einen effizienteren, ausgefeilten Such-Algorithmus. Der sogenannte PageRank, bei dem nach einer patentierten Formel nicht nur nach Schlagwörtern in den Web-Seiten, sondern auch nach Empfehlungen von anderen Internet-Seiten gesucht wird, war der entscheidende Vorteil auf dem Weg zur marktbeherrschenden Suchmaschine.

Milliarden von lnhaltsseiten werden damit so geordnet, dass die für den Nutzer individuell „besten" Suchergebnisse auf der ersten Trefferseite ausgegeben werden. Zugleich erlangt Google dadurch große Macht über diese neue Welt aus einzelnen „Pages" und Verlinkungen, mit seinen Gründern Larry Page und Sergey Brin als zwei der einflussreichsten Persönlichkeiten.

Der PageRank-Algorithmus entsteht aus der sogenannten Soziometrie von Jacob Moreno. Moreno erfasste in den 1920er- und 1930erJahren die Beziehungen zwischen Mitgliedern einer Gruppe in einer Soziomatrix, um ein grafisches Soziogramm daraus zu erstellen.

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Mittels verschiedenster Formeln können dann Kennzahlen wie der Status eines Einzelnen, das soziale Integrationsmaß, kurzum: dessen „Link Value", ermittelt werden. In dieser Visualisierung des Google-PageRank entspricht die Größe der Kreise der jeweils angegebenen Wahrscheinlichkeit in Prozent, mit dem sich ein Surfer auf dieser Seite befindet.

Das Grundprinzip lautet: je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso größer sind das Gewicht dieser Seite und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Besucher auf diese Website stößt.

Dieses Prinzip der neuen Wunderkammer findet sich dann auch in den erfolgreichsten sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder der FotoCommunity Flickr wieder: Inhalte oder Empfehlungen werden aufgrund sozialer Nähe und Interaktion als relevanter oder weniger relevant für den einzelnen Nutzer passgenau zugeschnitten und angezeigt.

Zugleich dehnt sich die Marktmacht der großen Social Networks - allein Facebook zählt mittlerweile über 500 Millionen Mitglieder weltweit - auf das soziale Beziehungsgefüge und die darin immer neu generierten Inhalte und Vernetzungen mit ihrer Größe stetig aus.

Das ist Robert W. Gehl, der an der Universität von Utah New Media lehrt und die Frage stellt: Ist das Internet die Wunderkammer? („Who will curate this Digital Wunderkammer?") Gehl schaut sich dies am Beispiel der Videoplattform YouTube an und untersucht, wie die millionenfach durch die „gleichberechtigten" Community-Mitglieder hochgeladenen Videos als gigantisches Archiv kategorisiert und optimal gefunden werden können.

Die Inhalte der neuen Wunderkammern

Bilden sich hier neue Kuratoren heraus (beispielsweise die großen Medienunternehmen), oder sind es die Algorithmen, die dies für den Betrachter ordnen und den Zugang über das Suchfeld strukturieren? Die Inhalte der neuen Wunderkammern werden zugleich immer abstrakter und datenbezogener. Zunächst waren es physische Exponate, nicht mediatisiert.

Mit den Medien - zunächst den gedruckten Gutenberg-Medien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dann den Marconi-Medien wie Rundfunk und Fernsehen - hat man sich die Welt dann immer mehr an den eigenen Körper herangeholt.

Wie wir gesehen haben, übernimmt dann das Internet mit seinen Algorithmen die Rolle des Kurators, und jeder kann es mobil und weltweit bei sich haben. Im nächsten Schritt wird es so sein, dass die eigentlichen Wunderkammern in die abstrakte Datenwelt gehen - die Visualisierung von Daten.

Das Thema Gesundheit, der eigene Körper und seine Moleküle, seine Gen- und Proteinstruktur können hier in einer noch nie da gewesenen Form sichtbar gemacht werden. Nicht nur in den Mikro-, auch in den Makrostrukturen entsteht ein neues Bild der Welt. Google Streetview ist nur ein Beispiel dafür, wie moderne Kartografie unser Weltbild verändert.

Datenvisualisierungen, die zunächst technisch erzeugt werden, können Zeitabläufe darstellen, abstrakte Statistiken oder den gesamten Flugverkehr der USA. Eines der bekanntesten Beispiele sind die Maps des Medienkünstlers Aaron Koblin, der diese aus den gesammelten Daten der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde konstruierte.

Mehr zum Thema: Digitalisierung - was sie wirklich bedeutet

Koblins „Flight Patterns" war im Museum of Modern Art zu sehen und wird von Firmen in aller Welt studiert. Dies ist ein weiteres Beispiel für eine solche Visualisierung.

In dieser Kartenanmutung meiner Heimat, der Trinationalen Metropolregion am Oberrhein, sind die wesentlichen Zentren (Cluster) der ITK-Wirtschaft (um Karlsruhe), Medien (z. B. in Offenburg), Gesundheit & Pharmaindustrie (Mannheim, Freiburg, Basel) und Solarwirtschaft (Freiburg) dargestellt.

Die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Städten und Regionen deuten den Vernetzungsgrad und die Intensität des durchschnittlichen lnternet-Traffics an. Zum Abschluss möchte ich Ihnen ein YouTubeVideo (rund 1,4 Mio. Abrufe) des Komponisten und Dirigenten Eric Whitacre zeigen.

Was Sie gleich sehen und hören werden, sind insgesamt 250 Menschen aus zwölf verschiedenen Ländern. Sie steuerten ihre Stimme per WebAufzeichnung zu Whitacres Stück „Lux Aurumque" bei. Anschließend wurden die Beiträge arrangiert und zu diesem Video zusammengeführt.

Damit ist Whitacre wohl der Erste, der einen komplett virtuellen Chor von dieser Größenordnung dirigiert. Auch das ist die neue Wunderkammer des Internets.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Hubert Burdas Buch Digitale Horizonte - Strategien für neue Medien.

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