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21/12/2016 08:55 CET | Aktualisiert 22/12/2017 06:12 CET

Ich bin fest davon überzeugt, dass Journalismus und Qualitätsmedien krisensicher sind

Nick David via Getty Images

"Die Märkte wandeln sich, alte Strukturen bröckeln, brechen zusammen, Monopole wanken", mit diesen Worten sagte der Verleger Hubert Burda bereits vor 26 Jahren den digitalen Wandel voraus - in seiner Festrede zum 40-jährigen Jubiläum des Südwestdeutschen Zeitschriftenverleger-Verbands.

Hubert Burda veröffentlicht in seinem neuen Buch "Digitale Horizonte", das im Petrarca Verlag erschienen ist, 13 Reden von 1990 bis 2010 über seine Visionen der digitalen Zukunft. Diese vorhergesagte Zukunft ist heute bereits gelebte Realität und markiert laut Hubert Burda, nach der Erfindung des Buchdrucks, einen weiteren Meilenstein in der Menschheitsgeschichte.

Der folgende Beitrag ist eine gekürzte Fassung von Dr. Hubert Burdas Rede auf der CDU MediaNight 2006.

Wir erleben aktuell in den Medien durch die Digitalisierung einen fundamentalen Wandel, der mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist. Was hat sich verändert? Und was bedeutet dies für Medienunternehmer und Verleger?

Ich will Ihnen einige Beispiele geben: Drei Jahre nach Börsengang ist Google mit einer Börsenkapitalisierung von 116 Mrd. Dollar das wertvollste Medienunternehmen der Welt, Konkurrent Yahoo wird mit 46 Mrd. Dollar bewertet. Google beschäftigt über 4000 Software-Ingenieure, aber keine Redakteure.

Der Online-Werbemarkt hat in den USA ein Volumen von 12 Mrd. Dollar erreicht und wächst weiter zweistellig, auch der deutsche Markt hat die Milliardengrenze übersprungen. Diese Entwicklung hat gravierende Auswirkungen auf die Rubrikenmärkte. Ein großer Teil der Umsätze von Google und Yahoo rührt von Suchwortanzeigen. Diese Werbeform existierte vor fünf Jahren noch gar nicht.

Mehr zum Thema: Was die Medien wirklich bedeuten

Hinzu kommt, dass Internet, TV und Radio auch auf der News-Seite mit Printmedien konkurrieren. Was das für die amerikanische Zeitungsbranche bedeutet, hat die FAZ gestern behandelt. Diese Entwicklung hält aber nicht bei Printanzeigen an, seit Kurzem werden auch immer mehr TV-Spots im Netz ausgestrahlt. Und seit letzter Woche vertreibt Google auch Internet-TVSpots, bei denen Kunden nur noch bezahlen, wenn sie auch angeklickt werden. Die damit reduzierten Streuverluste werden die Werbung verändern.

Welches Potenzial lnternet-TV hat, zeigt auch die Debatte um die Bundesliga-Rechte der Deutschen Telekom. Mit dem Breitbandinternet ist ein weiterer Kanal für TV-Inhalte entstanden. Fast wöchentlich entstehen interaktive Spartensender. Dabei ist Breitband die Grundlage, diese Innovationen im Markt umsetzen zu können. Ich weiß, dass dies zu sensiblen Regulierungsfragen führt.

Das Internet war in den ersten Jahren vor allem ein textbasiertes Lesemedium

Wichtig ist, dass Deutschland schnell über eine leistungsfähige Breitbandversorgung und über Wettbewerb den Weg zu weiteren Innovationen findet. Wir dürfen hier international nicht hinterherlaufen. Nur so kann die starke deutsche Medien- und Telekomindustrie ihre Marktposition ausbauen. Das Internet war in den ersten Jahren vor allem ein textbasiertes Lesemedium, heute ist es ein multimediales Massenmedium. Und Menschen nutzen das Netz immer mehr dazu, selbst Inhalte zu produzieren und einzustellen.

So sind in den letzten drei Jahren über 40 Mio. Journale, sogenannte Weblogs, entstanden, in denen Menschen über verschiedene Themen, ihren Alltag oder politische Ansichten schreiben. Jedes zweite Weblog ist in Chinesisch oder Japanisch geschrieben. Auf der Foto-Community Flickr.com liegen heute über 100 Mio. Bilder von Mitgliedern.

Die weltgrößte Online-Community MySpace hat nach drei Jahren über 60 Mio. Mitglieder. Eine ganze Teenager-Generation sozialisiert sich in diesem Social Network, pflegt persönliche Internet-Seiten, tauscht sich permanent mit „Buddys" aus, empfiehlt Musikbands und Filme.

Eine zentrale Veränderung ist: Menschen können heute selbst Inhalte im Netz publizieren und verlinken. Die weitere und auch für die Politik relevante Dimension dessen ist, dass wir „Presselords" nicht mehr alleine durch den Besitz von Druckereien und Vertriebssystemen „Meinung" machen können.

Politik-Blogs erreichen in den USA mehr Leser als manche Tageszeitung

So sind Weblogs spürbarer Meinungsfaktor geworden. Das begann mit den sogenannten „warblogs" während des Irakkrieges und im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. In Frankreich hatte die kritische Diskussion in Weblogs ihren Anteil am Scheitern der EU-Verfassung.

Politik-Blogs wie „Instapundit" oder „DailyKos" erreichen in den USA bereits mehr Leser als manche Tageszeitung oder manches Magazin. 50 000 Abrufe pro Tag hat das konservative „Instapundit". Neben der Reichweite zählt aber auch der „linking value". Hier sehen Sie den Autor von „Instapundit", Glenn Reynolds, Jura-Professor in Tennessee.

Dieser Vernetzungsgrad ist bei Online-Journalen besonders hoch. Und Vernetzungsstärke wird immer mehr zum kritischen Erfolgsfaktor. Denn etablierte Medien wie die „New York Times", „Washington Post", aber auch „Focus" und „Spiegel" verweisen auf Blogs und stellen sie neben eigene Artikel. Und Leser korrigieren damit ihrerseits etablierte Blätter.

Die amerikanische Newsagentur Associated Press liefert nun sogar Blog-Kommentare zu ihren Newstickern mit. In gewisser Form erleben wir mit diesem „Citizen Journalism" oder Bürgerjournalismus eine Renaissance der politischen Öffentlichkeit, die mit der Erfindung der Steampress im 18. Jahrhundert entstand. Die dampfbetriebenen Druckpressen ermöglichten es, schnell und preiswert Zeitungen und Zeitschriften zu drucken. Jürgen Habermas hat dies 1962 in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit" untersucht.

Ich habe mir viele Websites angesehen, darunter die von Angela Merkel und der CDU. Ich muss ihr ein Kompliment machen, Sie verstehen das Potenzial, das das Internet für die politische Kommunikation hat. Ich kann ihr nur raten, dies weiter auszubauen.

Aber auch für Printmedien ergeben sich daraus Chancen

Sie können ihre bereits enge Leserbeziehung durch Internet, TV und Ereignisse zu Media-Communities entwickeln. So erreicht Henning Krumrey, Leiter der „Focus"-Parlamentsredaktion, in seinem Weblog auf Focus.de regelmäßig über 50 000 Leser, die sich für Politik interessieren. Seinen kurzen Eintrag zum TVDuell während des Bundestagswahlkampfs kommentierten über 250 Leser.

Ich habe jetzt viel erzählt von Internet, Blogs, Communities. Und klar ist, diese Medienexplosion hat Upsides und Downsides. Der Medienkritiker Neil Postman hat dies früh mit dem Satz „Wir amüsieren uns zu Tode" formuliert, und auch Paul Virilio warnt nicht grundlos vor den gesellschaftlichen Gefahren der fortwährenden Beschleunigung.

Ich bin auch fest überzeugt, dass Journalismus und Qualitätsmedien krisensicher sind und zu einer modernen und zukunftsfähigen Gesellschaft gehören. Deshalb war es im November auch so wichtig, dass sich Frau Merkel für die Wahrung der Pressefreiheit und gegen Werbeverbote aus Brüssel ausgesprochen hat.

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Was Pressefreiheit bedeutet, wurde im aktuellen BND-Fall deutlich und auch bei den Aufdeckungen des Peter-Hartz-Skandals. Aber: Es ist eine bedrückende Tatsache, dass Deutschland in der Informations- und InternetIndustrie, einer der innovativsten Schlüsselindustrien - mit Ausnahme von SAP und 1&1 - keine Rolle spielt.

Ja, Professor Karlheinz Brandenburg hat MP3 erfunden, aber Apple mit dem iPod den Musikmarkt revolutioniert. Warum? Es gibt sicherlich viele Gründe. Lassen Sie mich einen Aspekt herausgreifen, den ich für relevant halte: Die 1968er-Kultur und das Silicon Valley hängen zusammen.

Die Silicon-Valley-Kultur

Viele der technologischen Durchbrüche hin zum Personal Computer, Betriebssoftware und das Internet wurden in den späten 1960er- und 1970erJahren erreicht. Der US-Publizist John Markoff beschreibt dies in seinem jüngsten Buch. Und aus der Region um San Francisco, die zugleich Zentrum der Hippie-Bewegung und ihrer Communities war, entstand um die Forschungszentren der Stanford University und Studentenclubs das Silicon Valley. Das ist die Kultur der Jam-Sessions und Garagenfirmen. Den Song dieser Region kennen Sie alle.

Das Silicon Valley bildet ein enges Netz von etablierten Hubs und Weltfirmen wie HP oder Apple, nun auch Yahoo und Google, innovativen Startups, der Stanford University und den Forschungszentren. In dieser Vernetzung liegt der Erfolg dieser Region, die sich immer wieder flexibel auf neue Felder einstellt, auf die Biotechnologie und Hydro- und Solarenergie.

Die Silicon-Valley-Kultur kennzeichnet, dass gescheiterte Startups schnell in neue Projekte und Themen „recycelt" werden, deren Know-how dann anderswo umgesetzt werden kann. Das macht das Silicon Valley zu einem lernenden Netzwerk. Auch in Deutschland spielte man 1967 Scott McKenzies Lied „San Francisco (Be Sure to Wear Some Flowers in Your Hair)".

Aber dies war nicht der Song der politischen Jugend, die 1968 überzeugt war, sich mit einem neuen gesellschaftlichen Aufbruch und der NS-Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen. Warum? Von Anfang an wurde eine vehemente Kapitalismuskritik manifest, gepaart mit einer latenten Technologie-Feindlichkeit, die später in den 1970er-Jahren in eine Computer-Feindlichkeit umschlug - wie man überhaupt gegenüber allen Innovationen aus Amerika abgeneigt war.

Lassen wir mal die historischen Ursachen für sich stehen und konstatieren, dass dies in Amerika zu einer offenen Innovationskultur von Vernetzung und Unternehmergeist führte, die in Deutschland immer noch unter gesellschaftlichem Vorbehalt steht.

In dieser Ersatzreligion, wie ich diese Hauptströmung der politischen Korrektheit nennen würde, hat sich so etwas wie ein biedermeierliches Wohlbehagen ausgebreitet, das nie darüber nachdenkt, wie Wohlstand entsteht, sondern nur darüber, wie man ihn gerecht verteilen kann. Das liegt wie ein Mehltau auf diesem Land.

Aber ich spreche ja über Medien und Innovation, und ich habe eingangs sehr viel über das Internet, das Fernsehen gesprochen, aber interessant ist, dass es wiederum die Printmedien sind, die der feinste Seismograf sind für gesellschaftliche Veränderungen. Daher will ich zum Abschluss auf ein Thema kommen, von dem ich glaube, dass es auch für konservatives Denken sehr spannend wird.

Wie in den USA das Thema Ökologie über die Medien gewinnt

Das „Wired“-Magazin, der Meinungsbildner des Silicon Valley, titelt in diesem Monat mit einem Bild von Al Gore, dem ehemaligen US-Vizepräsidenten und der neuen Leitfigur der sogenannten Neo-Greens. Ihr Motto lautet: „Pro-Growth, Pro- Tech Fight to Stop Global Warming“.

Das Schwestermagazin „Vanity Fair“, Leitmedium des Ostküsten-Establishments, produziert eine „Green Edition“ mit Filmstars wie Julia Roberts und George Clooney, die diesen neuen Lifestyle vorleben.

US-Präsident Bush fordert nun die Amerikaner auf, sich um alternative Energiequellen zu bemühen, worüber sich auch der frühere „Time“-Chefredakteur Norman Pearlstine in der letzten Woche eindeutig äußerte.

Parallel fließt das Venture Capital, das auch Microsoft, Intel und Google finanziert hat, nun in postfossile Energiequellen wie Solar- und Hybridenergie. Google-Gründer Sergey Brin selbst investiert in diese Technologien. Die Stanford University hat große Forschungsprogramme dafür initiiert. So gewinnt in den USA das Thema Ökologie über die Medien, Universitäten und gesellschaftliche Eliten Aufmerksamkeit und wird nun quasi ideologiefrei umgesetzt.

Wenn wir über die Probleme der Globalisierung reden, über unsere Umwelt, aber auch über Deutschland als Wirtschaftsstandort, dann liegen hier Chancen, die wir auch realisieren können. Denn in der modernen Energietechnik und auch im Gesundheitssektor ist Deutschland und vor allem dessen Mittelstand wettbewerbsfähig. Hier sind die Arbeitsplätze und Berufsbilder mit Zukunft.

Ich glaube, dass wir uns bewusst sein müssen, dass wir als Land und Kontinent an einem Scheideweg stehen. Ich sehe hier viele junge Menschen. Ihre Generation kann die Chancen dieser Schwellenzeit, die wir gerade erleben, gestalten, sei es in den Medien, in Politik, Wirtschaft und anderswo.

Es ist Ihre Zukunft, warten Sie nicht ab. Fast beneide ich Sie um Ihre Möglichkeiten.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Hubert Burdas Buch Digitale Horizonte - Strategien für neue Medien.

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