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02/03/2016 12:33 CET | Aktualisiert 03/03/2017 06:12 CET

Flüchtlinge sind nur ein Thema, über das wir dringend sprechen sollten

Sandor Csudai via Getty Images

In einer Zeit, in der weltweit die Auseinandersetzungen sowie internationale Konflikte zunehmen und leider sogar Kriege geführt werden, ist man dankbar für jede Veranstaltung, die wie das Global Leadership Forum ein Podium bietet für den friedlichen Austausch von sicher auch kontroversen Positionen und die ein kulturvolles Miteinander unterschiedlicher Nationalitäten bzw. Religionen ermöglicht wie das World Culture Festival in Neu-Delhi.

Angesichts der globalen Probleme ist es wichtig, dass sich aktuelle wie ehemalige Politiker, Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter, Ökologen, Finanzexperten und auch Aktivisten von Nicht-Regierungs-Organisationen zum Gespräch treffen und gemeinsam über Lösungen diskutieren.

Und Probleme gibt es wahrlich genug, angefangen von der drohenden Klimakatastrophe, dem Hunger in vielen Ländern der Erde, den Kampf um die zurückgehenden Rohstoffreserven und die daraus resultierenden Herausforderungen für die künftige Energieversorgung bis hin zur notwendigen Bekämpfung des internationalen Terrorismus auf der einen Seite sowie den Erhalt von Bürger- und Freiheitsrechten gegenüber staatlicher Überwachung und den sich immer mehr verselbständigenden Geheimdiensten in vielen Ländern auf der anderen Seite.

In Sachsen ist jede vierte Familie auf Unterstützung angewiesen

Menschen, die sich hier engagieren und erhebliche persönliche Risiken in Kauf nehmen, sollten nicht verfolgt, sondern unterstützt werden. Für mich gehört ein Mann wie Edward Snowden nicht ins Gefängnis, er ist vielmehr ein Kandidat für den Friedensnobelpreis!

Die Liste der Fragen, über die es sich zu debattieren lohnt, ließe sich durchaus fortsetzen, aber es gibt ein Thema, das mich persönlich besonders umtreibt, nämlich die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Deutschland ist ohne Frage eines der reichsten Länder der Erde und hatte allein im vergangenen Jahr 19 Milliarden Euro mehr an Steuereinnahmen als geplant. Und doch wird selbst hier immer öfter über Armut und Armutsrisiken diskutiert.

Nach aktuellen Statistiken leben allein in Deutschland mehr als 100 Milliardäre und 1,14 Millionen Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Millionen Dollar. Zehn Prozent der Haushalte verfügen über knapp 52 Prozent des Gesamtvermögens im Land. Die unteren 50 Prozent der Haushalte haben gerade noch ein Prozent des Nettovermögens in Deutschland. Vor acht Jahren waren es noch drei Prozent.

In meiner Heimatregion, in Sachsen, gibt es Städte, in denen inzwischen jedes vierte Kind in Familien lebt, die auf staatliche Sozialunterstützung angewiesen sind. Aber auch ältere Menschen machen sich immer mehr Sorgen.

Die Menschen haben Angst vor Altersarmut

Lag die Altersente früher bei knapp 60 Prozent des letzten Einkommens, werden es bald nur noch gut 40 Prozent sein. Viele Menschen werden nach vierzig harten Arbeitsjahren kaum mehr bekommen als die Grundsicherung im Alter, eine Form der Sozialhilfe. Immer mehr Menschen, insbesondere in Ostdeutschland, haben daher Angst vor Altersarmut.

Ich weiß, dass in zahlreichen Ländern der Welt die Situation viel dramatischer ist und nicht wenige die Zahlen aus Deutschland eher als Luxus-Problem ansehen, doch festzuhalten bleibt: Die Schere zwischen Arm und Reich geht fast überall immer weiter auseinander. Diese Entwicklung muss dringend gestoppt werden. Auch darüber sollte in Delhi geredet werden!

Ein weiteres zentrales Thema muss aus meiner Sicht die friedliche Lösung entstehender Konflikte in und zwischen Staaten sein. Kriege lösen keine Probleme, sondern schaffen immer nur neue. Auch Terrorismus kann man mit Bomben nicht besiegen. Statt einer Ausweitung von Waffenexporten, selbst in Krisenregionen, muss endlich die Entwicklungshilfe für ärmere Länder deutlich verstärkt werden.

Es ist eine Schande, dass ein so reiches Land wie Deutschland von seinen Zusagen, 0.7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen, noch immer meilenweit entfernt ist.

Die größte Fluchtwelle seit dem Zweiten Weltkrieg

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie jetzt. Die Rede ist von 60 Millionen - das sind gigantische Zahlen. Davon sind mehr als eine Million Menschen nach Deutschland gekommen, und ich bin froh, dass die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Flüchtlinge freundlich aufgenommen hat und viele deren Integration aktiv unterstützen. Diese Willkommenskultur hat uns weltweit viel Anerkennung und Respekt eingebracht.

Zugleich gab es aber auch Bilder, die ein anderes, ein dunkles Deutschland gezeigt haben, mit tätlichen Angriffen auf Flüchtlinge oder mit Brandanschlägen auf Unterkünfte.

Hier ist die Zivilgesellschaft gefordert, dem entschieden entgegen zu treten, zumal es Länder gibt, die in Relation zur Einwohnerzahl weit mehr Flüchtlingen unterbringen als Deutschland, wie z.B. Jordanien oder Libanon.

Deshalb hoffe ich, dass in Delhi auch Gelegenheit sein wird, über Fluchtursachen und Wege zu deren Überwindung zu sprechen. Ich weiß, dass ein solches Forum die vorhandenen Probleme nicht lösen wird, aber es kann immerhin einen Beitrag dazu leisten, und schon das ist ein ermutigendes Zeichen.

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