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11/12/2015 09:17 CET | Aktualisiert 11/12/2016 06:12 CET

So sehen Kinder Deutschlands Zukunft

Michael Gottschalk via Getty Images

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Von „großen Herausforderungen" ist dieser Tage und Wochen die Rede. Von Aufgaben, von deren Bewältigung die Zukunft unseres Landes unmittelbar abzuhängen scheint. Deutschland geht es zwar gut, die Arbeitslosenzahl ist niedrig und wir stehen wirtschaftlich gut da.

Und dennoch: Vor allem durch die Entwicklungen in der Weltpolitik befindet sich unsere Gesellschaft an einem Punkt, der mich an Michael Endes literarisches Meisterwerk „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" erinnert: Auf dem Weg nach Kummerland müssen die beiden Protagonisten das „Ende der Welt" durchqueren, von dem zunächst niemand weiß, wie es dahinter weitergeht. Anschließend müssen sie durch den Mund des Todes und durch die „Region der Schwarzen Felsen", ohne eine Ahnung zu haben, wohin der Weg sie führt.

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Ich denke nicht aufgrund der bedrohlichen Begriffe an diese Geschichten, sondern wegen der vermeintlichen Ausweglosigkeit und wegen der Angst vor einer völlig unbekannten Wegstrecke, die vor einem liegt, mit der Endes Helden sich immer wieder konfrontiert sehen und die sie doch jedes Mal bewältigen. Sei es durch den Rat und die Hilfe anderer oder durch eigenes Geschick und mutiges Handeln.

Vielleicht sollten wir uns öfter an die beiden Freunde erinnern, wenn wir durch die Schattentäler der politischen Krisen gehen müssen.

Es sind Geschichten wie diese - nicht nur, aber eben auch - die unsere Kinder begeistern und die sie kennen. Es sind Geschichten wie diese, die sie mit Problemen und deren Lösungen, mit Gefahren und deren Vermeidung und Bewältigung vertraut machen. Kinder lieben das Abenteuer, vor allem, wenn sie das Gefühl haben, ein Teil davon zu sein: In Games, in Rollenspielen, in Filmen, in Büchern, in ihrer Phantasie.

Gewissermaßen sind sie Experten im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, sind täglich mit Konflikten, deren Eskalation oder Befriedung konfrontiert. Sie sind mitten im Leben, weil sie es gerade, jeden Tag aufs Neue lernen und sich darin zurecht finden müssen.

Warum also fragen wir nicht öfter unsere Kinder, wenn es darum geht, was die Menschen in unserem Land bewegt? Warum laden wir uns immer nur Experten von Fachverbänden oder Hochschulen in nicht enden wollende Diskussionsrunden und Gremiensitzungen ein? Wer die Zukunft kennenlernen möchte, der muss unsere Kinder kennen!

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Deshalb habe ich die Kinder der Werner-von-Siemens-Realschule in Bad Neustadt gefragt. Ich habe sie gefragt, worum sich die Politik mal kümmern sollte. Ich war dort beim Tag der Kinderrechte von UNICEF zu Gast und habe die Chance am Schopfe gepackt, um nicht nur Antworten zu geben, sondern auch Fragen zu stellen.

Das, was ich zu hören bekam, war mehr als spannend.

Johanna, 12, sagt: „Jedes Kind sollte ein Recht auf ein Haustier haben". Das klingt irgendwie süß, zeigt aber, wie man von einer ganz persönlichen Situation auf eine grundsätzliche Forderung und deren Formulierung kommt.

Weiter geht es mit Ben, 11. Er sagt: „Man sollte schon früher als erst mit 17 Jahren Auto fahren dürfen". Auch das klingt nach einem Thema, das sich aus einem sehr persönlichen Wunsch heraus ergibt.

Doch dann wird es ernster: Melina, 17 Jahre alt, fordert: „Vergewaltigung und sexuelle Belästigung sollten härter bestraft werden" und Isabell, 16, ergänzt: „Auch häusliche Gewalt muss stärker bekämpft werden".

Zwei weitere Themen werden angesprochen: Selina, 15, möchte, dass Praktika schon mit 14 Jahren möglich sind und nicht erst mit 16 und Johanna, 12, schlägt vor, man solle für Flüchtlinge ein extra Haus bauen, damit sie alle unterkommen können.

Schließlich wünscht sich der 11-jährige Elias: „Kinder sollten nicht wegen Ihrer Hautfarbe oder Religion gehänselt werden".

Es geht hier nicht um Kleinigkeiten oder Dinge, die den Rest der Menschheit nicht betreffen.

Bei der Betrachtung dieser Aussagen wird schnell klar: Es geht hier nicht um Kleinigkeiten oder Dinge, die den Rest der Menschheit nicht betreffen. Nein: Es geht - zumindest teilweise - um die großen Fragen, um Grundsätzliches. Das sind keine Probleme einer schönen heilen Welt, es sind Gedanken zu den harten gesellschaftlichen Themen.

Der 11 Jahre alte Elias macht sich darüber Gedanken, warum Menschen aufgrund ihres Glaubens und ihres Aussehens von anderen geärgert und abgelehnt werden. Das sind keine Fragen, die nur in den Kinderzimmern und Schulhöfen stattfinden, sondern Fragen, mit denen sich die Politik ebenfalls täglich befassen muss.

Ich muss dabei unweigerlich an das Video denken, das vor einigen Wochen im Netz die Runde machte, in dem der Rapper Fard den 4 Jahre alten Niklas fragt, ob es bei ihm im Kindergarten „auch viele Ausländer" gebe. Der kleine Junge antwortet: „Nein, das sind nur Kinder". Der eigentlich spannendste Teil des Videos ist dabei für mich nicht allein dieser Satz, sondern die Reaktion des Kindes, als Fard darauf sagt: „Gute Antwort, Niklas" und ihm das Mikrofon hinhält.

Niklas hebt daraufhin nicht etwa stolz den Kopf oder versucht, den Effekt zu verstärken, sondern lacht verlegen, weil er gar nicht so recht zu sehen scheint, was an dieser Antwort so außergewöhnlich sein soll.

Die meisten Reaktionen auf diesen Clip sind positiv, einige aber machen sich über die vermeintliche Naivität lustig, mit der sowohl der Junge, aber vor allem auch die Erwachsenen die Welt betrachten würden, die diesen Clip feierten.

Kein naiver Blick auf die Welt, sondern ein grundehrlicher und daher ungetrübter.

Ich finde, Niklas und die Kinder, die ich in der Schule in Bad Neustadt befragt habe, haben keinen naiven Blick auf die Welt, sondern einen grundehrlichen und daher ungetrübten.

Natürlich kann man nicht einfach ein Haus für die Flüchtlinge bauen und das Problem ist beseitigt und natürlich kann man nicht einfach sagen: Wir bestrafen sexuelle und häusliche Gewalt stärker und alles wird gut.

Aber es geht hier um die grundsätzliche Herangehensweise bei der politischen Fragestellung und Problemlösung. Wir dürfen bei unserem Handeln nicht das vergessen, was wir als selbstverständlich erachten und dürfen uns nicht in Partikulardebatten verzetteln, die letztendlich dazu führen, dass sie kein Mensch außerhalb der Polit-Käseglocke mehr versteht und nachvollziehen kann.

Wir dürfen die Ursprungsziele, die wir für uns definiert haben nicht aus den Augen verlieren und darauf achten, das Selbstverständliches auch selbstverständlich bleibt.

Unsere Kinder dürfen noch nicht wählen, sie können an diesem so wichtigen Prozess des demokratischen Lebens noch nicht teilhaben (auch das ist eine Diskussion wert) und dennoch müssen wir sie stärker in unsere gelebte Demokratie mit einbeziehen.

Es mag absurd scheinen, wenn Politik für Kinder gemacht wird, ohne, dass sie am entscheidenden Tag darüber abstimmen dürfen, ob sie mit dieser Politik einverstanden sind.

Aber gerade, weil sie diese Stimme nicht auf dem Wahlzettel abgeben können, müssen sie sie umso mehr im Gespräch äußern.

Die Kinder haben (noch) nicht das Recht, zur Wahl zu gehen, aber sie haben das Recht, von ihrer Stimme Gebrauch zu machen. Wir sollten ihnen mehr Expertise zumuten. Wir müssen ihnen mehr zuhören!

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Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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