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07/02/2017 05:42 CET | Aktualisiert 08/02/2018 06:12 CET

Weil ein Wertegerüst besser ist als Gifs und Katzenbilder - über ein gestärktes Europa in Zeiten des Sturms

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In einem mehr als lesenswerten Beitrag für „The Atlantic", der in der FAZ auch in seiner deutschen Übersetzung erschienen ist, beschreibt Eilot A. Cohen, ehemals Berater von Außenministerin Condoleezza Rice, seine Sicht auf die erste Woche der Präsidentschaft Donald Trumps. Er beschreibt, wie dieser „schlechteste aller Präsidenten", die „schlimmsten Erwartungen noch übertroffen" habe.

Bemerkenswert an diesem Beitrag Cohens ist aber nicht diese Feststellung, die wohl die meisten von uns ohne große Analysefähigkeiten ähnlich formuliert hätten, sondern seine Schlussfolgerung, dass Trump letzten Endes scheitern werde: „Am Ende wird es die Größe Amerikas sein, die ihn aufhalten wird".

Es ist in der Tat diese Größe, die nicht nur Amerika zeigen und beweisen muss, wenn es darum geht, die Politik, den Stil und die moralisch-ideologische Landkarte Donald Trumps einzuschätzen, zu beurteilen und schließlich zu bewältigen. Auch Europa muss dies tun.

Wir müssen zugeben, dass wir es nicht für möglich gehalten haben, dass Menschen allein aufgrund ihres Glaubens und ihrer Herkunft die Einreise in ein freies Land von heute auf morgen verweigert würde und dass ein fünfjähriger Junge deshalb über mehrere Stunden ohne seine Eltern an einem Flughafen in Washington festgehalten würde, wofür man sich im Anschluss von offizieller Seite nicht etwa entschuldigt, sondern bekräftigt, dass natürlich auch ein Kind eine Gefahr für die Sicherheit der Nation darstellen könne.

Wir müssen zugeben, wir sind schockiert

Es ist ein Schock-Moment, der mit jedem Dekret verschlimmert wurde, das in diesen ersten Tagen der neuen amerikanischen Zeitrechnung den Schreibtisch des US-Präsidenten verließ. Irgendwann helfen auch die unzähligen Memes als geistige und humoristische Schutzwesten der sozialen Medien nicht mehr gegen die Geschosse der Unmenschlichkeit.

Medizinisch betrachtet ist ein Schock eine Kreislaufstörung mit verminderter Blutzirkulation. Im schlimmsten Fall kann es zu Stoffwechselversagen kommen. Umgangssprachlich bezeichnen wir auch eine akute Belastungsreaktion als Schock. Beide Konnotationen passen auf den Zustand, in dem Europa sich im Moment zu befinden scheint.

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Wobei der Wahlsieg Trumps nur das vorläufige Ende einer Kette von schockierenden Ereignissen darstellt. Die Flüchtlingssituation, die Lage in der Türkei, die Bestrebungen Russlands und der Aufstieg der extremen Rechten und Linken haben einen vereinten Kontinent in eben jenen Zustand versetzt, der durchaus lebensbedrohliche Züge nehmen kann.

Der islamistische Terrorismus hängt sich wie ein nimmersatter Blutegel in die Wunden und reißt sie gleichsam weiter auf. Was nun sicherlich weder reanimierend noch blutdrucksenkend wirkt, sind Panik und Angst. Ein Arzt, der aufgeregt über die Flure einer Intensivstation hetzt und das Ende der Welt verkündet, wird keinen einzigen Patienten retten.

Was hilft sind Besonnenheit und unbedingter Lebenswille, aus dem sich ein Selbstbewusstsein herausbildet, dass uns nicht in die Ecken des gesellschaftspolitischen Fatalismus verkriechen lässt, sondern uns mit einem Selbstbewusstsein ausstattet, das uns gegenüber den neuen Kraftmeiern des 21. Jahrhunderts mindestens zu gleich starken Mitspielern auf der Bühne der Weltpolitik macht.

Warum Trump scheitern wird

Im Verhältnis Europas zu den USA hilft uns persönliche Abneigung nicht weiter, sondern hier gilt es, auf Basis unserer gemeinsamen über Jahrzehnte gewachsenen Werte in eine transatlantische Partnerschaft mit einer veränderten Verantwortungsverteilung zu gehen.

So wie Trump an der Größe Amerikas scheitern wird, so wird er auch gegen die über mehr als ein halbes Jahrhundert politisch und gesellschaftlich gewachsene Verbindung unserer Nationen kläglich untergehen.

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Wenn er glaubt, mit ein paar Federstrichen und personellen Umstrukturierungen die historische Verbundenheit unserer Kontinente hinweg zu streichen, die aus Feinden Freunde und Partner gemacht hat, dann wird sich dieser Glaube als Irrtum erweisen.

Was Generationen von Politikerinnen und Politikern, Bürgerinnen und Bürgern über Jahrzehnte aufgebaut haben, reißt ein politisch unerfahrener Twitterkönig nicht in vier und auch in acht Jahren nicht wieder so ohne Weiteres ein. Die Geschichte Europas wurde nicht wie eine Mauer an der Grenze zu Mexiko erschaffen, sondern ist durch beharrliche Arbeit, Diplomatie und demokratisches Feingefühl erwachsen.

Europa muss selbstbewusst und seiner selbst bewusst sein

Europa hat eine neue Rolle zugeteilt bekommen und es wird ganz wesentlich an Deutschland liegen, dieser Rolle gerecht zu werden. Europa muss selbstbewusst und seiner selbst bewusst sein, um nicht mehr nur neben den USA zu stehen, sondern ihnen, wenn nötig auch führend, gegenübertreten können, wie es in jeder langjährigen und so fruchtbaren Partnerschaft sein sollte.

Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass sich Europa gerade in einem reinigenden Gewitter befindet, und der Himmel von heißen Blitzen durchzuckt wird, die sich aus verschiedenen Krisenherden der Erde kommend, gerade über uns entladen.

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Europa sammele sich unter dem einst gemeinsam errichteten Dach und gehe ins sich, trete dann gestärkt durch die Selbstvergewisserung dessen, was uns verbindet und ausmacht, hervor und stelle sich vereint und mit durch ein stabiles Wertegerüst gestärkter Brust gegen den Sturm.

Menschenrechte, Pressefreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Freiheit des Einzelnen, Respekt, Rechtsstaatlichkeit, die Freiheit der Religion und der sexuellen Orientierung, Respekt gegenüber menschlichem Leben und gegenüber anderen Kulturen - sie alle sind keine Geschütze, mit denen wir mit einem kalten Lächeln oder geschürzten Lippen zurückschlagen können.

Aber sie alle sind die Schutzvorkehrungen, die wir in diesem weltpolitischen Unwetter benötigen und die die Blitze von Diktatur und Demokratiefeindlichkeit in den Erdboden der zukünftigen Geschichte ableiten.

Dessen müssen wir uns bewusst werden. In Deutschland und in Europa.

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