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21/02/2016 05:42 CET | Aktualisiert 21/02/2017 06:12 CET

Wir sind das Volk!

ARNO BURGI via Getty Images

"Wir sind das Volk!"

Das bekomme ich in dem viralen Video aus Clausnitz zu hören. Dort, wo Hilfesuchende stundenlang von einem Mob terrorisiert wurden. Und nicht nur da, auch an anderen Orten wird derselbe Satz, der einst Freiheit und Toleranz symbolisierte, aus rechten Kehlen gegrölt.

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Nun ja. Meine erste Reaktion war, dies sofort zu verneinen. Nein, sagte ich mir, diese Leute sind auf keinen Fall "das Volk", niemals. Aber genau diese Abwehrreaktion macht es einem sehr leicht, sich selbst in eine Blase aus schützender Ignoranz zurückzuziehen.

Die schmerzhafte Wahrheit ist: Dieser pöbelnde Mob gehört in der Tat zum Volk. Vielleicht laufen sogar die Großeltern, der nette Nachbar oder die Freundin dort mit, wenn nicht physisch, dann geistig.

Nur wenn man akzeptiert, dass es anscheinend Personen gibt, die sich mit ihrer radikalen Gesinnung wohlfühlen und sich als Teil Deutschlands betrachten, kann man nach Lösungen suchen und dann Taten folgen lassen.

Durch Ausgrenzung und Verdrängung wird man dieses große Problem nicht ausmerzen

Es würde sogar reichen, die Fragen der Sesamstraße abzuarbeiten: Wer, wie, was - wieso, weshalb, warum?Die größten Probleme liegen auf der Hand:

Eine Fehlende und falsche Bildung, keine Perspektive, keine Integration.

Moment mal, Integration? Ja, Integration ist keine Einbahnstraße und lebt vom Geben und Nehmen. Um es mit einer Metapher zu umschreiben: Es muss ein Nährboden vorhanden sein, damit etwas wachsen kann. Dieser Boden ist in vielen Teilen Deutschlands bereits verbrannt.

Genauso verhält es sich übrigens in anderen Dingen: Hier der muslimische Attentäter, nach dessen Anschlag sofort behauptet wird, er habe mit dem Islam nichts zu tun oder der katholische Priester, der über Jahre hinweg Kinder missbraucht und plötzlich außerhalb der Kirche steht.

Nein.

In ihrer subjektiven Wahrnehmung sind die rechtsradikalen Pöbler "das Volk", der Attentäter ein strammer Gläubiger und der Priester ein unfehlbarer Teil der Kirche.

Es nützt uns allen nicht, zu leugnen, dass diese fehlgeleiteten Menschen nicht "zu uns" gehören, das tun sie in ihrer eigenen Vorstellung durchaus.

Das Eingestehen, dass zum Volk leider auch ein wachsender Personenkreis mit radikalem Gedankengut gehört, kommt für mich keiner Resignation gleich - durch Ausgrenzung und Verdrängung wird man dieses große Problem nicht ausmerzen und schafft nur tiefere Risse. Es müssen umgehend Aktionen folgen - Worte des Bedauerns und der Scham sind billig, Taten zählen.

Es wäre schön, wenn die etablierten Parteien einmal an einem Strang ziehen könnten, ohne sich durch geistige Brandstiftung profilieren zu wollen und hausgemachte Probleme zu schaffen.

Ja, ihr seid das Volk.

Ihr seid aber nicht das ganze Volk.

Noch nicht.

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