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23/12/2016 08:46 CET | Aktualisiert 24/12/2017 06:12 CET

Die verlorene Unschuld

dpa

Die verlorene Unschuld des Westens gibt es nicht. Und gab es nie. Seit dem Tag, an dem sich unsere Urväter, die Homo Sapiens, sich gegenseitig die Keule über den Kopf gezogen haben, hat die heile Welt, nach der sich so viele zurücksehnen, die "Unschuld" verloren. Zu sagen, das erst jetzt Angst und Gewalt in unser Land gekommen ist, ist daher falsch.

Aber wie kann es sein, dass es jetzt Leute gibt, die in bräsiger Selbstgefälligkeit die Berliner Opfer und Helfer verhöhnen, indem sie Dinge posten wie "Geschieht euch recht" und "Das habt ihr nun davon"?

Sieht so Vaterlandsliebe aus? Mitmenschen mit verachtendem Überlegenheitsgefühl à la "Haben wir doch gleich gesagt", "Danke Merkel" und "Selbst Schuld" zu verspotten, obwohl die Sirenen der Rettungswagen an der Gedächtniskirche nicht einmal verklungen sind?

Sind die Berliner Opfer und ihre Angehörigen Mittel zum Zweck, um Hass zu verbreiten?

Wie armselig dieses Verhalten doch ist. Sind das die christlichen Werte, die es im Abendland zu verteidigen gilt?

Ich werde keines dieser unwürdigen Tweets etc. reposten, es reicht, wenn ein Blick auf Twitter die ganze Bandbreite des emotionalen Versagens zeigt. Viel lieber halte ich mich an Dingen fest, die Mut geben -- wie der couragierte Zeuge, der zur Ergreifung des Täters beitrug.

Mehr zum Thema: Als würde man jemals Terror mit Terror besiegen können

Die zentrale Aufgabe und Frage, die wir uns selber stellen müssen, ist, wie wir mit der neuen Realität umgehen werden. Ob Eskapismus, Hass, Vergebung, Mut Lösungen bieten.

Ich frage mich, wie ist es in der Erziehung? Dort baut (idealerweise) ein Großteil darauf, die Werte vorzuleben, die wir von unseren Mitmenschen erwarten. Die erste Reaktion, auf eine Provokation mit einer Backpfeife zu reagieren, wurde den meisten von uns, hoffentlich, im Kindesalter "aberzogen".

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Dass so viele Menschen in den sozialen Netzwerken komplett enthemmt und mit emotionaler, sozialer Kälte eine virtuelle Backpfeife nach der anderen verteilen, macht mich fassungslos.

Die Angst wird nicht mehr aus unserem Alltag weggehen, aber wir können, müssen und werden der Angst begegnen. Zusammen. Vereint. Mit Wut im Bauch und Ölzweig in der Hand.

In dem Sinne:

Love endures. Hate explodes.

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