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19/03/2016 05:43 CET | Aktualisiert 20/03/2017 06:12 CET

Guido Westerwelle: Ein Realist, der Mut zum Leben machen wollte

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Guido Westerwelle und ich trafen uns im Juni des vergangenen Jahres in seinem Haus auf Mallorca, um über seine Leukämie-Erkrankung zu sprechen. Wir redeten über den Schock der Diagnose, die physisch und psychisch sehr belastende Chemotherapie und vor allem über die dramatischen Wochen auf der KMT-Station des Kölner Universitätsklinikums, wo sich Guido Westerwelle im Sommer des vorvergangenen Jahres einer Stammzellen-Transplantation unterzogen hatte.

Vor allem aber sprachen wir über das Leben - und was das Leben so lebenswert macht. Die Politik, die Guido Westerwelles Denken und Handeln über Jahrzehnte hinweg bestimmte und prägte, spielte eine Rolle, aber gewiss keine große Rolle.

Ein Lebensbuch, das Mut zum Leben macht

Natürlich fragte ich ihn gleich zu Beginn unseres Buchprojekts, was ihn dazu motiviere, sich der Belastung stundenlanger Interviews und der Wiederkehr düsterster Gedanken auszusetzen. Und ehrlich gesagt glaubte ich ihm anfangs nicht recht, als er antwortete, es ginge ihm vor allem darum, mit solch einem Buch anderen Betroffenen und deren Angehörigen Mut zu machen.

Ich dachte vielmehr, es gehe ihm nicht zuletzt auch um die Rechtfertigung seiner Politik und um den einen oder anderen Seitenhieb. Denn so glaubte man Guido Westerwelle zu kennen. Doch so war er längst nicht mehr.

Als aber die Tage vergingen, als wir Stunde um Stunde miteinander redeten, als ich mich später immer tiefer in die unzähligen Briefe und E-Mails einlas, die Guido Westerwelle von ehemaligen Patienten erhalten hatte, da begann ich ihm sein Anliegen abzunehmen, tatsächlich so ein „Lebensbuch" veröffentlichen zu wollen. Ja, „Lebensbuch" nannte er das immer wieder, was er dem drohenden Tod da abringen wollte: Ein Buch, das Mut zum Leben macht. Den Krebskranken ebenso wie den Menschen in deren Umfeld. Ganz egal, wie die Geschichte enden werde. Auch seine Geschichte.

Westerwelle blieb immer Realist

Mit aller Kraft widmete er sich diesem Ziel. Er versuchte, sich an Ängste zu erinnern, die er aus Selbstschutz längst verdrängt zu haben schien; er sprach mit einer Ehrlichkeit über seine Schwächen, die mir großen Respekt abnötigte. Er war selten heiter und selten melancholisch. Er blieb immer Realist.

Das Buch, das ihm so wichtig war, geleitete viele Menschen durch dunkle Täler und half ihnen, den Glauben an das Licht nicht zu verlieren. Davon zeugen zahlreiche Briefe, Anrufe und Mails. Und es bewog während der vergangenen Monate zehntausende Menschen, ihr Knochenmark in einer der Spenderkarteien typisieren zu lassen. Guido Westerwelles Einsatz und sein Engagement werden deshalb künftig dazu beitragen, das Leben anderer Erkrankter zu retten.

„Jeder Gedanke an das Ende kann auch der Anfang von etwas Neuem sein." Mir war immer bewusst, dass dieser letzte Satz des Vorwortes irgendwann einmal ein Teil von Guido Westerwelles Vermächtnis sein werde. Ich glaube, er wusste das ebenfalls und zu jedem Zeitpunkt während der vergangenen eineinhalb Jahre. Auch an jenem Juninachmittag in seinem Haus auf Mallorca.

Am frühen Abend verabschiedeten wir uns mit einem Nicken voneinander. Guido Westerwelle vermied noch monatelang jedweden Körperkontakt, um sein angegriffenes Immunsystem nicht zu gefährden. Auf seine Frage, was ich an diesem Abend noch so vorhabe, antwortete ich ihm, nun im Hotel noch die Bänder unseres Interviews abtippen zu wollen. „Trinken sie lieber ein Glas Rotwein und genießen sie den Abend", empfahl er mir mit einem Lächeln. „Glauben sie mir."

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