BLOG
25/04/2014 09:42 CEST | Aktualisiert 25/06/2014 07:12 CEST

Gibt es Alternativen zum Dispokredit?

Bankkunden hatten gehofft. Kurzzeitig stand in der großen Koalition die Deckelung der Zinsen für Dispositionskredite zur Debatte. Die Hoffnung war allerdings vorerst vergebens. Union und SPD einigten sich für die kommenden vier Jahre lediglich auf Transparenz und Warnhinweise anstatt auf verbesserte Konditionen für Verbraucher.

Banken sollen lediglich verpflichtet werden, Kunden bei Überziehung ihres Girokontos zu warnen und, wenn möglich, günstigere Alternativen zum Dispokredit anzubieten. Bei „dauerhafter und erheblicher Inanspruchnahme" sollen Banken eine Beratung über mögliche kostengünstigere Alternativen zum Dispositionskredit anbieten müssen, heißt es im Koalitionsvertrag.

Bereits diese Pläne hält Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen für realitätsfern. Es sei bereits heute üblich, dass Kunden, die Ihren Dispositionsrahmen über einen längeren Zeitraum nutzen, von den Banken kontaktiert werden. Wer dagegen schon nach einer Woche einen Anruf bekommt, weil er mit 1000 Euro im Dispo ist, „kann sich möglicherweise nicht beraten, sondern vielleicht eher belästigt fühlen", argumentiert Fitschen.

Auch der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, verteidigt die heutige Gebührenstruktur: Dispositionszinssatz und EZB-Leitzins korrelierten nur begrenzt. Die hohen Dispo-Zinsen würden sich durch erhebliche Eigenkapital- und Liquiditätskosten erklären.

Verständlich, dass die Banken Gegenwehr leisten: immerhin gehören die Dispositionskredite zu einer attraktiven Einnahmequelle der Banken im Privatkundengeschäft. Auffällig ist in der Diskussion vor allem, dass Dispositionskredite kaum als Kredite wahrgenommen werden. Allerdings können Dispositionskredite der erste Schritt in eine schleichende Überschuldung sein. In der medialen Debatte wird derweil lieber über mögliche, längst überfällige Verbesserungen gesprochen, nicht aber über echte Alternativen - geschweige denn Lösungen. Banken verbinden die Diskussion wohl mit der Hoffnung, dass eines Tages auch diese wieder in Vergessenheit gerät.

Die ING-DiBa hatte zuletzt in der Diskussion um Dispozinsen für Aufmerksamkeit gesorgt: Die Bank will zukünftig keinen Überziehungszins mehr verlangen. Dieser wurde bisher fällig, wenn Kunden nicht nur ihr Girokonto, sondern darüber hinaus noch ihren Dispositionsrahmen überzogen haben. Ob es sich bei der Aktion der ING-DiBa um echten Reformwillen oder nur eine geschickte platzierte PR-Aktion handelt, bleibt offen. Sicher ist allerdings, dass es andere Banken in Rechtfertigungsnöte bringt. Das Gros der deutschen Banken nimmt für eine über den Dispositionskredit hinaus gehende, geduldete Überziehung einen erheblichen Zinsaufschlag vor. Erst im Juni 2013 hatte die Stiftung Warentest - Finanztest Überziehungszinsen von bis zu 22,5 Prozent festgestellt. Fast das Hundertfache des derzeit historisch niedrigen Leitzinses der Europäischen Zentralbank (EZB) von 0,25 Prozent.

Immerhin 80% der deutschen Haushalte - über 40 Millionen - wurde bereits ein Dispositionsrahmen eingeräumt. Dabei treffen die hohe Dispozinsen ausgerechnet diejenigen, die ohnehin nur wenig haben: Alleinerziehende und Geringverdiener machen einen besonders großen Prozentsatz der Disponutzer aus.

Diese Kunden haben es besonders schwer, auf einen günstigeren Ratenkredit umzuschulden. Nicht etwa, weil sie als nicht kreditwürdig eingestuft würden, sondern wegen der mangelnden Rentabilität kleinerer Ratenkredite für Banken.

Dabei gehören Nutzer der Dispositionskredite zu den verlässlichsten Schuldnern. Mit einem durchschnittlichen Ausfallrisiko von nur 0,3 Prozent unterbieten Dispokredite das 2,5 Prozent hohe Ausfallrisiko regulärer Konsumentenkredite deutlich. Verwehrt man diesen Kunden weiter die Inanspruchnahme günstiger Konsumentenkredite, ändert sich an ihrer Situation wenig.

Bankkunden bleiben weiterhin gezwungen, den Dispositionskredit zu nutzen, verbunden mit der Gefahr einer schleichenden Überschuldung.

Die Situation wird sich erst ändern, wenn Banken echte Konkurrenz bekommen. Eine solche ist Peer-to-Peer Lending. Das Prinzip macht Banken bei der Kreditvergabe entbehrlich. Kredite werden von Verbrauchern für Verbraucher gewährt. Weltweit wurden 2013 auf den neuen P2P-Kreditmarktplätzen mehr als 3 Milliarden Euro Verbraucherkredite vermittelt.

Die Marktplätze schalten Banken als Geldvermittler aus und geben die so erzielten Kostenersparnisse direkt an ihre Kunden weiter. Das Ziel ist simpel: bessere Konditionen sowohl für Kreditnehmer als auch Anleger zu bieten und den Antragsprozess so einfach wie möglich zu gestalten. Die Hochzinspolitik der Banken für Kredite befeuert derzeit das Wachstum der Kreditmarktplätze. Daran werden medienwirksame Aktionen wie die Abschaffung von Überziehungszinsen dauerhaft nichts ändern. Echte Alternativen sehen anders aus.