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20/03/2016 07:52 CET | Aktualisiert 21/03/2017 06:12 CET

Rappen, Theater und Sprayen gegen Rassismus - München setzt ein Zeichen

Dominik Sarota

Schauplatz Deutschland im 21. Jahrhundert: Die politische Stimmung überschlägt sich. Aufgrund der Zunahme von schutzsuchenden Asylantenbewerbern ist die Bevölkerung gespalten. Viele haben offene Arme, andere aber verschränken sie oder hetzen. Rechtspopulistische Parteien gewinnen an Zulauf, in vielen Städten sieht man Pegida-Demonstrationen auf der Straße.

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Rassismus ist nach wie vor ein großes Thema! Alles schreit nach einer Lösung. Die Stadt setzt München dagegen ein Zeichen. Vom 10. bis 23. März 2016 finden die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt.

Das Programm ist bunt: es gibt Lesungen, Podiumsdiskussionen,Pantomime-Theater, Tischgespräche, Musik, Kundgebungen, Filme, politische Gebete, laute Abende, Preisverleihungen,Buchpräsentationen, Seminare, Fachtagungen, Publikumsgespräche und Ausstellungen. Vorurteile sollen mit kreativen Waffen bekämpft werden. Es soll Vernetzung und ein Raum für Begegnung geschaffen werden.

Die Gäste kommen aus Bulgarien, Palästina, Deutschland, Frankreich, Italien, Bulgarien, Kurdistan, dem Libanon, Jordanien, Spanien und England.

Auch in der Kranhalle des Feierwerks in München findet ein Projekt von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage statt. Lautstark rappt und die Berliner Musikerin Sookee gegen Rassismus. "Es gibt genug Rapper die nur selbstbezogen über Parties und Koks verticken rappen. Ich empfinde mich als politische Person. Mir sind Dinge nicht egal.", sagt sie. Besonders liegen ihr Kinder am Herzen:

„Sie erleben Rassismus viel stärker an ihrer eigenen Haut. Von ihrem Wissen her sind Kinder noch nicht so stark politisiert und können sich nicht wehren."

Musik kann Menschen Kraft geben. Da können Dinge passieren wie beim Auftritt des schwarzen Musikers Kendrick Lamar bei den Grammy Awards, der zu einem Symol der Bewegung wurde. Rap ist immer politisch und gegen Rassismus ist ein Vers in einem Song von Sookee. In Workshop sprayen Jugendliche mit Schablonen Wörter und Zeichen gegen Rassismus. Neue Schimpfwörter werden erfunden - „Du AFD´ler!" ist vorne mit dabei.

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90 Schüler sind an diesem Morgen im Feierwerk, die an diesem Tag frei bekommen haben. Einer von ihnen ist Isaac Martinéz, der mit einem jungen Mädchen die Veranstaltung moderiert. Isaac besucht die 10. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning und ist schon ein bekanntes Gesicht in der Anti-Rassismus-Szene München.

„Rassismus erlebt man täglich und irgendwann stumpft der Sinn für diese Ungerechtigkeit ab", berichtet der 15-Jährige. „Das fängt schon als Kind im Kindergarten an. Auch jetzt an der Schule muss man immer 120 % geben um besser zu sein als deine weissen Mitschüler."

Frappierend ist vor allem, dass Rassismus in den Köpfen vieler Lehrer steckt. Wegen eines Vorfalls mit dem Direktor eines Gymnasiums hat er sogar einmal die Schule wechseln müssen. „Ja, ich habe Mobbing erlebt. Rassismus fängt schon mit den Schulbüchern im Geographie-Unterricht an. Oft kommen Kommentare und blöde Sprüche. Es ist schon so normal geworden, dass es mich gar nicht mehr schmerzt.".

Zum Abschluss wird von den Kinderreporterinnen - Leo TV der 6 B des Adolf-Weber-Gymnasiums ein Film gezeigt. Diskriminierung kann an Schulen auch über WhatsApp und über das Internet verlaufen. „Wir sind da, damit ihr die Augen nicht verschließt, wenn andere wegschauen", ist da ein mutmachendes Statement.

Creating Community: Kulturelle Bildung - Migration - Partizipation. So heißt ein internationales Forum, das einen Tag später im Kreativquartier stattfindet. Ein sonniger Tag. Jung und alt finden kommen an diesem Tag zusammen um an Workshops teilzunehmen. Von Außen sehen sie aus wie bunt gemischtes Volk aus Idealisten, Lehrern, Alt-68 ´er und eine junger Frau mit Kopftuch. Es sind Menschen die etwas bewegen wollen, das spürt man.

Andere verfolgen die Vortragsredner mit Kopfhörern - es wird simultan in Fremdsprachen übersetzt. Marian Offman, Stadtrat der Landeshauptstadt München, ist für die Grußworte zuständig. Er spricht davon, was er mit eigenen Augen gesehen hat: dass 5100 junge minderjährige Flüchtlinge angekommen sind. 14- und 15-Jährige, die ihre Eltern verloren haben die er selbst am Bahnhof in München empfangen hat.

Wichtig ist, dass auch unsere Werte mitgeteilt werden. Wird die Integration dieser Kinder schwierig? „Wie kommt der Elefant auf den Baum?", heißt ein Workshop an diesem Tag. Europa erlebt momentan große Brüche und Unsicherheiten. Seine Vision ist die einer pluralen und lebendigen Gesellschaft, transnational und divers.

Der Kabarettist Christian Springer schließt sich ihm mit bayerischem Dialekt als nächster Redner an.

„Warum soll man den ankommenden Geflüchteten aufzwingen, das Grundgesetz auswendig zu lernen? Kaum ein Deutscher hat es gelesen", wirft er in den Raum. Gut wäre es, die ganze Situation mit einem Lächeln zu sehen. Doch er selbst sah Bilder des Schreckens:

Erst 24 Stunden zuvor war er selbst in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Und das nicht zum ersten Mal. Während einer Reise hatte er eine Begegnung mit zwei hungernden und frierenden Kindern, die schlagartig ihre Heimat, ihr Kinderzimmer und ihre Eltern verloren haben.

Seitdem kann er nicht anders, als sich humanitär zu engagieren. Bei 20 Millionen Flüchtlingen seien fünf UN-Konvois nichts. Und er legt seinen Finger auf einen Wunden Punkt, indem an Missstände in Deutschland erinnert: Selbst deutsche Offiziere lernen in ihrer Laufbahn im Höheren Dienst, dass arabische Völker nicht zu Demokratie fähig seien.

Das hat er auch in einem 80-seitigen Brief an seinen Ministerpräsidenten Horst Seehofer dargelegt. Auf die Antwort wartete er vergebens. Gleichzeitig findet im Stadtteil Giesing an der Städtischen Fachoberschule für Gestaltung eine andere Veranstaltung statt.

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In der Aula stehen den Schülern eine Journalistin, Andreas Bieberach vom Verein München ist bunt , Ameen Nasir von heimaten ev. sowie Dr. Miriam Heigl von der Fachstelle gegen Rechtsextremismus Frage und Antwort: Warum wird von der der Lügenpresse gesprochen? Gibt es Populismus in den Medien? Ist Flüchtlingskrise nicht ein falscher Ausdruck? Wie kommt es, dass Muslime in den Köpfen der Deutschen scheinbar zu einem Feindbild werden ? Unter den Schülern sind auch Nadim* und Mia *, die hier zur Oberstufe gehen. Die Eltern von Nadim kommen Zentralafrika, er ist hier geboren und aufgewachsen.

Wegen seiner Hautfarbe hatte er bereits Konflikte. Offen sagt er: „Angst hatte ich paarmal. Vor allem bei einer Schlägerei. als ich klein war." Mias Eltern sind Amerikaner. „Nicht alle Schulen sind so offen, wir haben hier Glück mit unser Schulleiterin.", findet sie. Die beiden jungen Erwachsenen haben sich vorher nicht für Politik interessiert.

Nadim ist manchmal müde von all den Diskussionen und Fragen: „Nicht immer fühle ich mich wie ein Deutscher. Ein bisschen identifiziere mich schon mit dem Land meiner Eltern."Oft ist er einfach nur genervt von den Fragen nach seiner Nationalität:

„Ich sehe mich eigentlich als Mensch. Ich will mich nicht immer einem Land zuordnen. Der ganze übertriebene Patriotismus ist einfach kindisch."
Und ja, Vorurteile gäbe es noch auf beiden Seiten.

Einer der Gäste, die heute auf dem Podium sind, ist Ameen Nasir. Er kommt aus Syrien und tritt oft in der Öffentlichkeit auf. Obwohl der 25-Jährige er noch nicht gut deutsch kann, engagiert sich in vier Vereinen und tritt im Radio auf.

Geflüchtete müssen auf Deutsche zugehen und Deutsche mit Flüchtlingen sprechen", ist seine Meinung. Aufgewachsen ist er in Deir ez-Zor, studierte Literatur, wollte ein normales Leben leben. Der Krieg machte es nicht möglich. Zwei Monate und zehn Tage dauerte seine Reise über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland. Seine Eltern sind in Syrien, - über WhatsApp halten sie den Kontakt zu ihrem Sohn.

Diese Tage in München sind ein Farbfleck im bunten, oft aber noch grauen, schwarzen oder sogar braunen Deutschland. Noch ist es kein Wunderland. Um es mit den Worten der Rapperin Sookee zu sagen:

Working on Wonderland - statt: Waiting on Wonderland.

Wir arbeiten daran, damit es zu einem Wunderland wird. Und damit die Welt zu einem etwas besseren Ort wird.

* (Namen vom Autor geändert)

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