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18/01/2017 07:50 CET | Aktualisiert 19/01/2018 06:12 CET

Wir sind die Stimme der Menschen, die in Deutschland nie eine Lobby haben werden

vuk8691 via Getty Images

Ratlosigkeit, Sorgen und Existenzängste: Wahrscheinlich hat jeder erwachsene Mensch in seinem Leben schon einmal Post bekommen, die ihm oder ihr einen Schrecken eingejagt hat.

Die Benachrichtigung eines Inkassoverfahrens, ein Bescheid vom Sozialamt oder ein unerfreulicher Brief vom Vermieter - das alles sind Nachrichten, die viele erst mal ratlos machen.

Die Schreiben, die häufig in verschwurbelten Beamtendeutsch verfasst sind, verhindern es oft, dass Betroffene genau verstehen, in was für einer Situation sie sich befinden.

Besonders schwierig wird es, wenn man zu den etwa 12 Millionen Menschen in Deutschland gehört, die bedürftig sind. Millionen Alleinerziehende, Arbeitslose und Rentner gelten hier als sozial abgehängt.

Bekommen sie rechtliche Schwierigkeiten, geraten sie häufig in einen Teufelskreis, aus dem ohne Hilfe ein Ausweg unmöglich erscheint. Denn viele wissen überhaupt nicht, dass ihnen rechtliche Hilfe zusteht und sie diese auch gratis bekommen können.

Ich will etwas ändern

Zusammen mit einem Kommilitonen will ich das ändern. Ich bin Jura-Student und absolviere gerade mein Referendariat. Unsere Idee: Eine Rechtsberatung für Bedürftige.

Denn viele Leute, die von Armut bedroht sind, haben häufig Ärger mit dem Amt. Zudem haben sie Hemmungen, sich Hilfe zu suchen und wissen meistens nicht, wo sie suchen sollen. Das Vorurteil: Rechtsberatung sei zu teuer, schwer zugänglich und stehe ihnen überhaupt nicht zu.

Doch eins möchte ich an dieser Stelle klarstellen: Man muss nicht auf sein Recht verzichten, nur weil man keine Mittel hat, es durchzusetzen - und das ist es, was wir den Leuten klarmachen.

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Zweimal im Monat haben Bedürftige die Möglichkeit unsere zweistündigen Beratungsgespräche zu nutzen. Die werden immer von einem Jurastudenten und einem Rechtsanwalt geleitet, der eingreift, sollte der Student nicht weiter wissen.

Das Ziel ist es, den Menschen erst einmal klarzumachen, wie ihre Situation aussieht. Was sind ihre Rechte, was ihre Möglichkeiten? Wie können sie sich in ihren juristischen Dilemmas zur Wehr setzen? Wir helfen ihnen dabei, sich ein eigenes Bild von ihrer Lage zu machen.

Diese Menschen haben keine Lobby

Denn wer am Rande der Gesellschaft steht und sich rechtlich nicht zu helfen weiß, hat keine Lobby in Deutschland. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, solchen Menschen eine Stimme zu geben und ihnen zumindest mit Rat zur Seite zu stehen.

Zwar gibt es auch die sogenannte Amtsgerichtshilfe, doch die wird viel zu selten von den Betroffenen benutzt.

Die Leute haben oft überhaupt keine Ahnung, dass sie existiert. Im Internet und auf den Ämtern findet man Broschüren, doch die sind meistens schwer zu verstehen und 40 Seiten lang - das liest so gut wie niemand.

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Auf der anderen Seite gibt es genügend Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Pro Treffen kommen im Schnitt sechs Leute mit ihren Problemen zu uns, Tendenz steigend - und wir agieren nur im Raum Osnabrück.

Ähnliche Projekte gibt es bereits auch in anderen Städten. Sie sind für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation. Die Studenten haben die Möglichkeit ihr Wissen in der Praxis anzuwenden und die Betroffenen bekommen schnelle professionelle Beratung.

Außerdem helfen wir mit unserem Projekt Bedürftigen nicht nur in akuten Fällen. Über Mundpropaganda wollen wir unsere Botschaft verbreiten: Wer rechtliche Probleme hat, der muss in Deutschland damit nicht alleine klarkommen.

Aufgezeichnet von Julius Zimmer.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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