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10/02/2016 05:10 CET | Aktualisiert 07/02/2017 06:12 CET

Warum wir durch das Internet verlernt haben zu lieben

Ezra Bailey via Getty Images

Am 14. Februar ist Valentinstag. Die Huffington Post widmet sich eine Woche lang dem Thema „Modern Love".

Was bedeutet Liebe in einer vernetzten Welt: man ist nur so verliebt wie das Facebook-Profil es zeigt? Der nächste Partner ist nur einen Wisch weg? Wir daten über Kontinente hinweg?

Was bedeutet Liebe für euch? Sendet eure Texte an blog@huffingtonpost.de.

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Seit es soziale Medien gibt, leben wir in einer Zeit unzähliger Kontakte, immer rasanter werdender Verbindungen und haben Zugang zu mehr Information denn je. Zudem sind wir vom technischen Fortschritt angehalten, immer schneller und noch produktiver zu werden.

Kein Wunder also, wenn wir vom Angebot überfordert und gestresst von stetiger Beschleunigung, die Komplexität altmodischer Liebesanbahnung scheuen und stattdessen vermehrt online auf Partnersuche gehen.

Einerseits bieten soziale Medien unzählige Chancen einander näher zu kommen, andererseits beeinträchtigen sie zwischenmenschliche Kommunikation und fördern Oberflächlichkeit.

Flirt- und Kennenlerngelegenheiten im Alltag werden häufig verpasst, denn wer gerade nichts in der realen Welt zu tun hat, verbringt die Zeit mit seinem Handy. Flirtwillige Singles klagen mir immer häufiger, wie schwierig es ist, jemanden anzusprechen der gerade mit seinem Smartphone beschäftigt ist.

Fest steht, nie zuvor gab es mehr Singles und Menschen, die alleine leben und noch nie zuvor war das Bedürfnis nach Kontakt und sozialer Anerkennung größer! Tausende Dating- Apps, Partnerbörsen und Dienste wie Tinder versprechen die Partnersuche per Klick zu erleichtern.

Die riesige Auswahl an Partnern, Bequemlichkeit und keine Angst zurückgewiesen zu werden, sind die 3 Hauptgründe, warum Online-Dating zum fixen Bestandteil unseres Paarungsverhaltens geworden ist.

Egofreundliche Erwartungssicherheit

Wer bisher zu schüchtern war, einen Fremden anzusprechen, kann dank Internet schon im Vorfeld abchecken, ob das Gegenüber interessiert ist oder nicht.

Hinter der Onlinefassade fühlen wir uns sicherer und sind geneigt, sofort mehr von uns preiszugeben als wir es offline im ersten Kontakt mit einem Fremden tun würden. Wir plaudern lockerer und haben mehr Zeit persönliche Fragen zu beantworten als im realen Leben.

Persönlichkeit oberflächlich auf den Punkt gebracht

Die Etikette sozialer Medien verlangt, die eigene Persönlichkeit auf wenige greifbare Leistungsmerkmale zu reduzieren.

Die Twitter-Generation ist es gewohnt mit 140 Zeichen oder weniger zu kommunizieren; auf Tinder reicht ein Blick gefolgt von zwei "swipes", um sich näher zu kommen und wer in den ersten Sekunden keinen Eindruck hinterlässt, hat seine Chance, im Meer von Möglichkeiten entdeckt zu werden, vergeben.

Das mag oberflächlich erscheinen, doch die Zielgruppe der 18 bis 35- jährigen Nutzer ist keineswegs abgeneigt (Tinder alleine zählt etwa 30 Millionen Nutzer). statistische Datenerfassung und Simplifizierungen jeglicher Art zu nutzen.

Sie sind es gewohnt und passen sich daran an. Wer online etwas gelten will, zeigt, was er hat, retuschiert Makel und bringt, wenn es der Beliebtheit nützt, nackte Tatsachen, sowie persönliche Intimitäten, knackig auf den Punkt. Userprofile werden als Onlineportal der Marke ICH vermarktet und gestaltet.

Egowettbewerb fördert Selbstzweifel

Um in der virtuellen Welt aufzufallen und möglichst attraktiv, fehlerlos und begehrenswert zu wirken, verzichten wir im realen Leben. Der ständige Wettbewerb und Vergleich mit anderen, der Fokus auf noch zu verbessernde Mängel macht zunehmend unsicher und fördert Selbstzweifel.

Nicht nur junge Leute machen ihren Selbstwert von ihrem Onlinewert abhängig. Auch die Generation 30 plus hat auf meiner Couch regelmässig Ego-Probleme rund um ihren Onlinestatus, die Anzahl ihrer FB Freunde und den eigenen Beliebt- und Bekanntheitsgrad im Netz.

Wer sich unsicher und "nicht gut genug" fühlt, neigt besonders zur Eifersucht und hat nun dank sozialer Medien mehr potentielle Feinde und auch mehr Möglichkeiten, seinen Partner zu kontrollieren.

Im Zeitalter permanenter Erreichbarkeit hat man auch erreichbar zu sein, und wer es nicht ist, geht vielleicht fremd oder hat ein Geheimnis. Vom ausspionieren der Freundesliste, Nachsehen, wer wann auf Whats App online war, bis hin zur heimlichen Kontrolle des Handys vom Partner; Eifersüchtige haben Dank sozialer Medien mehr Gelegenheit denn je ihrer Sucht nachzugehen.

Egoistische Liebe

Beschäftigt mit den Fragen "Werde ich geliked? Wie sehr werde ich geliked und wie viele liken mich?" blicken wir im Schnitt 50 Mal pro Tag auf unser Handy. Darauf bedacht, unsere Online -Existenz möglichst glanzvoll wie einen Dauerwerbespot wirken zu lassen, verbringen wir auf der Jagd nach Bestätigung täglich viele Stunden in diversen sozialen Netzwerken.

Liebe in der modernen Form dient wohl eher dem Bedürfnis danach geliebt (geliked) und begehrt zu werden, als dem Wunsch danach selbst aktiv jemanden zu lieben.

Der Partner hat die Aufgabe, uns glücklich zu machen; kann er das nicht, so wird er ausgetauscht, denn Medien, vor allem so genannte soziale Medien, suggerieren uns: Es geht immer noch besser. Auch die Beziehung wird so zu einer Theaterbühne mit ständig wechselnden Akteuren.

Nach dem Motto: Ich lade dich in mein Leben ein - solange du mitspielst, darfst du bleiben. Wenn nicht, finde ich einen besseren Darsteller.

Wie findet man den richtigen Partner, wenn der nächste nur einen Klick entfernt ist?

Die Wahl ist tatsächlich eine Qual! Das technisch aufbereitete Buffet der Möglichkeiten erschwert eindeutige Entscheidungen und macht es laut Glücksforschern auch schwierig, mit unserer getroffenen Wahl zufrieden zu bleiben.

Im Meer der Möglichkeiten kann man nie wissen, ob es nicht einen noch "passenderen" Partner gibt. Zudem kommt: Wer daran gewöhnt ist im Internet nach Aufmerksamkeit und Bestätigung zu suchen und dabei fündig wurde, greift bei Schwierigkeiten in der Beziehung gerne auf diese Bequemlichkeit zurück und sieht sich rascher nach Alternativen um.

Als Beziehungscoach empfehle ich jenen, die sich online mehr als bloß Sex erhoffen und auf der Suche nach längerfristigen Partnerschaften sind, sich zunächst der eigenen Werte und Bedürfnisse bewusst zu werden.

Wer bedürftig ist und einen Partner braucht, wird online eher enttäuscht werden.

Wer wählerisch ist mit dem, was er will und was er nicht will und zudem mit sich selbst im Reinen ist, wirkt attraktiver auf andere und erkennt leichter, ob eine Onlinebekanntschaft das Potential zu mehr hat.

Wer bedürftig ist und einen Partner braucht, wird eher enttäuscht werden. Wer jedoch unabhängig vom Ausgang gerne neue Leute kennenlernt, kann das Internet als ideales Übungsfeld für Flirtkontakte und Spaß nützen.

Wer darauf gehofft hatte, dass auf Grund von mehr Barrierefreiheit die Online-Paarungen der Zukunft unabhängiger von sozialem Status und gewohntem Umfeld zustande kommen würden, hofft laut Untersuchungen vergebens.

Auch online bleiben Mann und Frau gerne unter Ihresgleichen und die Märchen von Aschenputtel und ihrem Prinzen oder der Schönen und ihrem Biest, bleiben trotz grenzüberschreitenden Kontaktmöglichkeiten überwiegend Märchen.

Fluch oder Segen für die Zukunft der Liebe?

Fazit: Ob soziale Medien ein Segen oder ein Fluch für unsere Liebesbeziehungen sind, hängt maßgeblich von der Dosis und vom individuellen Umgang mit ihnen ab.

Wer offline Quantität vor Qualität stellt, tut es auch online, Romantiker bleiben romantisch und oberflächliche Menschen oberflächlich. Ob es gelingt die wahre Liebe online zu finden ist demnach vom User abhängig.

Sex und Lust auf den ersten Blick scheinen online leichter verfügbar. Liebe allerdings ist ein Ort an den du gehst um etwas zu geben, und dafür gibt es (noch) keine App!

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