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18/08/2015 06:27 CEST | Aktualisiert 18/08/2016 07:12 CEST

Flüchtlinge: Unsere Verpasste Chance

ullstein bild via Getty Images

Kriege, wie auch sonstige Nöte, veranlassen in unserer Zeit eine Vielzahl von Menschen ihre Heimat zu verlassen und sich auf den Weg nach Europa zu begeben, beispielsweise aus Syrien.

Hier erwarten sie oftmals Missgunst, Neid und Ablehnung aber auch Gewalt. Ein Blick in die Vergangenheit, zu anderen Flüchtlingsbewegungen zeigt, dass sich Europa durch dieses Verhalten eine historische Chance entgehen lässt.

Auf kaum seetauglichen Booten über das Mittelmeer

Auf dem Weg nach Europa sind viele Menschen bereit, enorme Strapazen wie auch Gefahren auf sich zu nehmen. In Deutschland angekommen, werden sie allzuoft in miserable Unterkünfte gepfercht und dürfen nicht arbeiten.

Diese Unterkünfte brennen dann oftmals, mutwillig gelegt, es fliegen Steine, im Internet wie auch im realen Leben wird zu Gewalt aufgerufen.

,,Eben nicht besser gewusst"

Konsequenzen folgen selten, für den aufgrund seiner Äußerungen gefeuerten Auszubildenden werden gar Solidaritätsbekundungen laut. Als er dazu aufgerufen hatte, eine Reihe Flüchtlingskinder dem Flammentod zuzuführen, habe er es ,,eben nicht besser gewusst".

Ich schätze, dass sich unter einem einzelnen Facebook-Post von Til Schweiger mehr strafrechtlich relevante Kommentare sammeln, als in einem ganzen Jahr zur Anzeige gebracht werden.

Gesang der Xenophoben

Die kanzlerstellende Partei legt keine Pläne vor, diese Zustände zu verbessern, nein, es wird in den unheilvollen Gesang der Xenophoben eingestimmt. Unter der angeblichen Prämisse, die Rechtspopulisten bekämpfen zu wollen, wird man selbst zu einem.

Flüchtlinge sollen ,,abgeschreckt" werden, die Hilfestellung zu diesem Zweck sogar noch gekürzt. In Nordafrika sollen Auffanglager für Flüchtlinge entstehen, sogenannte ,,Wirtschaftsflüchtlinge" hätten sowieso kein Recht hierher zu kommen.

Schändung, Folter und Tod

Wer denkt, dass sich Menschen, von einer Senkung der finanziellen Hilfe in Deutschland davon abhalten lassen vor Schändung, Folter und Tod zu flüchten, der hat den Bezug zur Realität verloren.

Wer der Meinung ist, dass der Aufbau von Lagern in Ländern, die selbst kaum ihrer eigenen Probleme Herr werden die Situation verbessern kann, der programmiert dort humanitär katastrophale Zustände vor.

Über den qualitativen Unterschied zwischen der Flucht vor Tod durch Kugel und der Flucht vor Tod durch Hunger könnte man des Weiteren durchaus auch diskutieren. Diese Vorschläge und Haltungen sind jedenfalls nichts als reiner Populismus, inhaltslos, unmenschlich.

Aus rein egoistischen Gründen für Flüchtlinge einsetzen.

Für eine verstärkte Aufnahme von Schutzsuchenden. Bereits in meinem letzten Text für die Huffingtonpost habe ich für meine Argumentation auf Geschehnisse der Vergangenheit zurückgreifen können, auch dieses Mal ist mir dies möglich.

Das Phänomen von flüchtenden Menschen ist nicht neu. Flucht aufgrund von religiöser wie auch politischer Verfolgung oder sonstigen Nöten sind vielfach belegt.

Als ein konkretes Beispiel will ich die Verfolgung der Hugenotten in Frankreich im 15., 16. und auch 17. Jahrhundert anführen. Der Grund der Verfolgung war religiöser Natur, eine mindestens sechsstellige Zahl an Menschen hat damals Frankreich verlassen.

Frankreich hat dabei einen wichtigen Teil der eigenen Wirtschaftskraft eingebüßt, das Fehlen der besagten Hugenotten hat neben anderen Faktoren zu den enormen sozialen Verwerfungen geführt, die letztlich die Französische Revolution zur Folge hatten.

Nachbarstaaten profitierten

Die Nachbarstaaten indes profitierten von dieser Flüchtlingsbewegung. Die Hugenotten siedelten sich in der Schweiz, in den deutschen Staaten, in England sowie einigen weiteren Ländern an, gefördert von den örtlichen Herrschern, die diese wirtschaftliche Chance erkannten und nutzten.

Nicht selten gegen den Widerstand der eigenen Bevölkerung, die getrieben wurde von Angst, ihre Habe mit den neuen Nachbarn teilen zu müssen. Parallelen zu den heutigen Flüchtlingsgegnern sind nicht zufällig. Letztlich haben aber auch sie von den Hugenotten profitiert.

Auch wir würden profitieren

,,Die nehmen uns unsere Jobs weg" hört man oft. Was jedoch zu oft übersehen wird: ,,Neue" Menschen benötigen nicht nur Jobs, sie haben auch Bedürfnisse, die wiederum die Notwendigkeit neuer, zusätzlicher Jobs schaffen, die ihrerseits wieder von Einheimischen erfüllt werden könnten.

So wird der knurrende Magen des Geflüchteten ihn zum Beispiel zum Einkauf im heimischen Tante-Emma-Laden oder Supermarkt bewegen und sollte er einen Rohrbruch haben so wird er einen Klempner rufen müssen. Sein Wunsch nach Mobilität wird ihm nach einiger Zeit in ein deutsches Autohaus führen. Und so weiter.

Angst hält uns davon ab

In die zu uns flüchtenden Menschen muss investiert werden, das steht außer Frage.

Beispielsweise durch Sprachkurse, durch die Bereitstellung von Wohnungen bis sie auf eigenen Beinen stehen können, dann haben sie die nicht geringe Chance zu wertvollen und letztlich auch wirtschaftlich gewinnbringenden Mitgliedern der Gesellschaft zu werden.

Angst hält uns davon ab, diesen Weg mutig zu bestreiten. Angst, die von Teilen der Politik noch bewusst gefördert wird, um sie instrumentalisieren zu können. Ich will fragen: ist es nicht peinlich, dass die Herrscher des 17. Jahrhunderts aufgeklärter und mutiger waren als unsere heutigen?


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