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19/05/2014 04:23 CEST | Aktualisiert 19/07/2014 07:12 CEST

Indien nach den Wahlen: Gemeinsame Chancen nutzen - Beziehungen vertiefen

Allein die hohe Wahlbeteiligung ist ein großer Erfolg, denn sie zeigt, dass der Wille zur Mitbestimmung durch alle Schichten Indiens, seien es Hindus, Muslime, Christen, Sikhs oder andere, ungebrochen ist. Die neue Regierung steht jetzt vor großen Aufgaben.

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Viele Reiseberichte über Indien beginnen mit dem Satz: "Kaum ein anderes Land spaltet die Reisenden so wie Indien - entweder man liebt es oder man hasst es. Dazwischen gibt es kaum Abstufungen." Für mich trifft das Erste zu. Nach einem beruflichen und privaten Aufenthalt lassen mich dieses Land und seine Menschen einfach nicht los. Seine schiere Größe, seine unbeschreibliche Vielfalt, seine traditionsreiche Geschichte, aber auch seine politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen und vielschichtigen Probleme lassen mich nicht unberührt. Allein die Tatsache, dass Indien in den kommenden zwei Jahrzehnten China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen wird, zeigt, welche Bedeutung Indien in Zukunft (wieder) zukommen kann.

Als stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag ist es mir ein großes Anliegen, die guten Beziehungen von Deutschland zu Indien weiter zu vertiefen und auszubauen. Dabei streben wir eine Partnerschaft auf Augenhöhe an. Als Freunde Indiens verfolgten wir den Wahlkampf der vergangenen Wochen aufmerksam.

Mehr als 66 % aller 814 Millionen Wahlberechtigten haben in der größten Demokratie der Welt jetzt eine neue Regierung gewählt. Das verkündete Endergebnis mit einer deutlichen Mehrheit für die BJP um Narendra Modi bringt eine große Verantwortung für die kommende Regierung mit sich. Der Grundsatz von „Einheit in der Vielfalt - Unity in Diversity", der immer zu den Stärken von Indien gehörte, muss erhalten und oberste Maxime bleiben und darf nicht in Frage gestellt werden. Aktuelle Besorgnisse der religiösen Minderheiten müssen ernst genommen werden.

Allein die hohe Wahlbeteiligung ist ein großer Erfolg, denn sie zeigt, dass der Wille zur Mitbestimmung durch alle Schichten Indiens, seien es Hindus, Muslime, Christen, Sikhs oder andere, ungebrochen ist. Die neu gewählte Regierung steht jetzt vor großen Aufgaben. Nach Jahren des Booms sind die Wachstumsraten abgerutscht, Staatsverschuldung und Inflation haben deutlich angezogen. Zusätzlich ist das Vertrauen der Bevölkerung durch eine Vielzahl von Korruptionsskandalen auf allen Ebenen erschüttert worden. Gesellschaftliche Probleme im eigenen Land müssen angegangen werden und der zunehmenden Gewalt gegen Frauen Einhalt geboten werden.

Es liegt im Interesse von Indien und Deutschland, eine noch engere wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit aufzubauen und damit die bereits bestehenden guten Beziehungen noch weiter zu vertiefen.

Ziel muss dabei gerade eine vertiefte Wirtschaftspartnerschaft sein. Innerhalb der EU ist Deutschland für Indien der wichtigste Handelspartner, die Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen laufen zwischen Indien und der Europäischen Union seit 2007. Erst im April betonten die Bundeskanzlerin und der scheidende Premierminister, Manmohan Singh, bei einem gemeinsamen Auftritt in Deutschland, dass man diese Verhandlungen nun zügig zum Abschluss bringen werde. Auch wenn Punkte wie hohen Einfuhrzölle für europäische Autos und ein freier Zugang zum indischen Markt noch Hürden in den Verhandlungen darstellen, scheint ein Abschluss der Verhandlungen in erreichbarer Nähe zu liegen. Gerade im Infrastrukturbereich und bei den erneuerbaren Energien kann Deutschland ein wichtiger Partner sein.

(Der Autor ist Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Gesprächskreises Südasien/ Südostasien der SPD-Bundestagsfraktion)

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