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10/10/2013 04:44 CEST | Aktualisiert 17/12/2013 06:12 CET

Warum Erzähler niemals sterben

Jedenfalls grassiert die Einsicht, dass gute Geschichten nicht nur zwischen zwei Deckel passen. Erzählen mit allen Mitteln, in allen denkbaren Medien, das scheint die Zukunft zu sein. Und warum auch nicht?

Fahrenheit 451. Bei Ray Bradbury stand diese Zahl für die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt und Bücher brennen. GTA 513. Bei Apokalyptikern stehen diese Ziffern für den digitalen Wandel in der Kultur-Industrie schlechthin. Aufgedröselt ergibt sich diese Gleichung: Das Videospiel Grand Theft Auto 5 macht 1 Milliarde US-Dollar Umsatz in 3 Tagen. Holla! Was ist denn da los? Während sie in Hollywood vom Sommer der Mega-Flops raunen, geht der Klassiker unter den Open-World-Spielen ab durch die Decke.

Was macht den Reiz der virtuellen Spielwelt aus? Mal abgesehen vom wilden Ballern und böse Jungs spielen sicher auch die Möglichkeit eigene Wege zu gehen in diesem verkommenen Moloch Los Santos. Wer will, schreibt abseits der vorgegebenen Missionen seine eigenen Geschichten. Das ist Storytelling at its best. Wir tauchen ein in eine Phantasiewelt und machen das Beste draus: unser eigenes Ding! Digital macht's möglich.

Überhaupt: Geschichten erzählen. Was ist da los? Googeln Sie doch mal „gladwellen". In den USA ist der Autor Malcolm Gladwell schon zum Synonym geworden. Seine Kunst ist es, spannendes Erzählen mit wissenschaftlichem Hintergrund zu verknüpfen. Das ist Pop. Das ist aber auch intellektuell ein Abenteuer. Gladwell ist ein Star. Für einen Auftritt als Redner nimmt er gerne mal 60.000 Euro. Im Interview mit dem „Stern" (26.09.2013) sagte er dazu: „Geschichtenerzählen ist eine unglaublich wertvolle Ware. Steven Spielberg ist auch nur ein Geschichtenerzähler. Ein großartiger. Er ist Milliardär. Vor tausend Jahren gab es in jeder Gemeinschaft einen Platz für jemanden, der Geschichten erzählen konnte. Mich überrascht also nicht, dass ein Geschichtenerzähler wie ich eine wertvolle kulturelle Rolle spielen kann."

Wer mehr wissen möchte über solche Zusammenhänge, sollte ein bisschen „gottschallen". Ohne leicht entzündliches Buch geht das zwar nicht, aber wer sagt denn, dass neue Einsichten und alte Medien nicht zusammenpassen? Gestatten: Jonathan Gottschall. Seines Zeichens US-Professor mit besonderem Augenmerk für Literatur und Evolutionstheorie. Sein Buch „The Storytelling Animal" widmet sich der Frage, wie Geschichten uns Menschen ausmachen. Sein Fazit: Ohne geht es einfach nicht! Wir brauchen sie buchstäblich, und von den Windeln an, wie die Luft zum Atmen.

Gottschalls Schrift hat das Zeug zum Klassiker. Sie ist echt heißer Scheiß im Diskurs der klügsten Köpfe. Noch so einer also. Einer, der munter Thesen aufstellt und Geschichten drumrum packt. Ein Storyteller, der die Wurzeln der Stories ausgräbt.

So tief schürfen sie nicht unbedingt alle in Frankfurt, wo derzeit wieder die Buchmesse tobt. Aber dass es neben Fahrenheit 451 und dem Clinch vom Print und E-Books eigentlich doch immer nur um das Eine geht, das ist einigen dann doch aufgefallen. Beispiel „StoryDrive", ein Symposium nicht nur für Buch-Macher. Unter dem Motto „Fiction is real" sollen sich Vertreter aus Verlags-, Film-, TV und Games- Branche, Querdenker aus Technologie und Wissenschaft treffen, um eine „neue Dimension des Geschichtenerzählens" zu erschließen. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2013.

Was ist da los? Jedenfalls grassiert die Einsicht, dass gute Geschichten nicht nur zwischen zwei Deckel passen. Erzählen mit allen Mitteln, in allen denkbaren Medien, das scheint die Zukunft zu sein. Und warum auch nicht? Evan Ratliff, Mitbegründer der schicken US-Multimedia-Plattform Atavist, sagt dazu: „The only real question is what form stories will take." Ob Print oder Online. Ob Apple oder Amazon. Text in Reinform oder multimedial komponierte Geschichten. Noch nie kannten wir so viele Wege zu erzählen. Noch nie gab es so viele Medien Plots zu verbreiten. Stories sind ein Milliarden-Markt. Storytelling will survive!

Und nicht nur das. Wir sind auf dem besten Weg, die Erzähler wieder zu Stars zu machen, die eigentlichen Urheber zu feiern für das, was sie sind: unverzichtbar! Nehmen wir als weiteres Indiz all die Self-Publisher mit ihren E-Books, von denen viele nie einen Verlag finden werden. Na und? Do it yourself und für dich selbst. Erzählen ist frei nach Gottschall ein Menschenrecht. Erfolg kann später kommen - siehe all die Success-Stories über Autoren von John Locke bis Amanda Hocking.

Und wenn diese neue Wertschätzung ein Effekt der digitalen Evolution ist, und wenn sich das Geschäftsmodell „Geschichte vermarkten" tatsächlich zugunsten der Erzähler verlagert - dann herzlichen Dank dafür!

Fortsetzung folgt.