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27/10/2015 08:03 CET | Aktualisiert 27/10/2016 07:12 CEST

Warum Hunde mehr über den Sinn des Lebens wissen als Philosophen

Christopher Malcolm via Getty Images

In den ersten Tagen und Wochen mit Hund gaben die Überraschungsmomente einander die Klinke in die Hand. Bobbas Ankunft war für mich eine willkommene Ausrede, Descartes und Spinoza beiseitezulegen und mich erst einmal um wichtigere Dinge zu kümmern.

Der Hund sollte sich schließlich gut einleben, und so war ich die ganze Zeit bei ihm, zeigte ihm den Park, fuhr mit ihm in den Wald, spielte viel mit ihm draußen Ball und setzte dieses Spiel auch oft in der Wohnung fort, was nicht immer gut für das Interieur war.

Ich redete mir ein, das für ihn zu machen, aber in Wirklichkeit machte ich das alles für mich selbst. Als guter Zen-Meister unterstützte Bobba mich dabei freudig.

Es war wirklich Zeit für mich, aus dem Kopf in das richtige Leben zu kommen, mich selbst zu spüren und die Welt um mich herum wahrzunehmen.

War ich bislang nur ein Gehirn in einer Nährstofflösung gewesen wie Professor Simon aus »Captain Future« oder mir wie die Köpfe in Einmachgläsern bei »Futurama« vorgekommen, kam ich nun langsam zurück in meinen Körper und in ein unmittelbareres Verhältnis zum Leben.

Wenn ich mit Bobba durch den Park getobt war, fühlte ich mich lebendig und geistig wie körperlich anwesend, wenn ich mich dagegen mit der Prädestinationslehre des Augustinus befasste, war mir, als würde mein Gehirn zu einem traurigen Klumpen Gelee werden.

Alles zu analysieren, zu sezieren und gedanklich in Kategorien einzuteilen war mir schon seit langer Zeit zur zweiten Natur geworden. Und so war meine Welt eine zersplitterte, jeder Ganzheit beraubte, armselige Konstruktion, in der ich ebenso zersplittert und meiner eigenen Ganzheit ledig agierte.

Taisen Deshimaru sagte ganz richtig: »Die Philosophen werden am Ende manchmal verrückt, weil sie nur die vorderen Bereiche des Gehirns gebrauchen.« Das ist keinesfalls als rein antiintellektuelle Haltung aufzufassen.

Jeder Zen-Lehrer misst dem Intellekt großen Wert bei, denn im Alltag benötigen wir ihn, um unsere Geschäfte zu erledigen. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass es neben dem Intellekt noch andere Arten der Erkenntnismöglichkeit gibt. So fährt Deshimaru fort: »Wir können jedoch mit dem Körper denken, Unendliches mit den Gedanken umfassen - nur, man darf keine Kategorien bilden.«

Mit Kategorien reden wir unsere Welt klein und verpassen das Wesentliche. Einer meiner Dozenten hatte mal die Philosophie, die heute in den Universitäten stattfindet, als »europäische Begriffslehre« definiert und uns Studierende davor gewarnt, sie allzu ernst zu nehmen.

Je länger ich mich damit befasste, Begriffe zu durchdenken, für mich zu klären und sie vermeintlich sinnvoll einzuteilen, desto weiter entfernte ich mich von der Welt. Erst die Lektüre von Alan Watts öffnete mir die Augen:

Weil aber Wahrheit lebendig ist, kann man sie nicht festlegen durch irgendetwas Lebloses, nämlich durch einen Begriff, dessen Gültigkeit, wie man meint, zum Teil auf der Tatsache beruht, dass er unveränderlich ist. Denn sobald wir glauben, wir hätten die lebendige Wahrheit in der Hand, ist sie verschwunden. Wahrheit kann ja nicht irgendjemandes Eigentum werden, aus dem einfachen Grunde, weil Wahrheit Leben ist und weil der Glaube eines Einzelnen, er besitze alles Leben, ein offenkundiger Unsinn ist.

Einige Zeit früher, etwa im 7. oder 8. Jahrhundert (niemand weiß das so genau), hatte das schon Hanshan in seinen berühmten Gedichten vom kalten Berg formuliert:

Es gibt zu viele Intellektuelle auf der Welt, Die haben ausgiebig studiert und wissen einfach alles. Doch kennen sie ihr ursprüngliches Wahres Wesen nicht und wandeln fern, so fern vom Weg. Wie eingehend sie auch die Wirklichkeit erklären - Was nützen ihnen all die leeren Formeln denn? Wenn du ein einziges Mal dein Selbst-Wesen erinnerst, Dann tut sich dir die Einsicht eines Buddha auf.

Nun, von der Einsicht eines Buddha war ich noch weit entfernt, aber immerhin hatte ich einen Zen-Meister an meiner Seite, der nicht lockerließ, mich in die Wirklichkeit zu schubsen, und dem dabei jedes Mittel recht war. Zum einen war er mir in diesen ersten Wochen ständig körperlich nah.

Vielleicht hatte er Sorge, auch aus diesem neuen Zuhause wieder fortzumüssen, vielleicht wollte er mir völlig absichtslos seine Zuneigung zeigen, vielleicht wollte er einfach ganz praktisch darauf hinweisen, dass ich mehr war als nur Denken. Schmusen statt grübeln wäre ein guter Titel für eines seiner Zen-Bücher gewesen, die er - aus gutem Grund - nie geschrieben hat.

Jedenfalls klebte er förmlich an mir, wich mir nicht von der Seite, kuschelte sich zu jeder erdenklichen Gelegenheit an mich, legte seinen Kopf auf meinen Schoß oder an meine Schulter und gab mir ungefragt das eine oder andere Küsschen mit seiner erstaunlich flinken Zunge, was ich nicht sonderlich angenehm fand.

Wenn ich morgens noch liegen blieb, nachdem meine Partnerin sich auf den Weg zu ihrer wissenschaftlichen Hilfskraftstelle in der Psychologie-Fakultät aufgemacht hatte, wachte ich irgendwann von einem seltsamen, an die Nordsee erinnernden Geruch auf.

Und wenn ich dann die Augen öffnete, lag neben mir auf dem Kopfkissen ein grinsendes Hundegesicht, das mich voller Freude über mein Aufwachen und das zu erwartende baldige Ballspielen mit seinem Seelachsatem von letzter Woche anhechelte. So musste sich wohl Käpt'n Iglos Ehefrau jeden Morgen fühlen!

Ich brauchte eine Weile, ihm abzugewöhnen, dass er sich ins Bett legte. Ehrlich gesagt hörte das erst komplett auf, nachdem ich meinen Futon ausgemistet und mir ein »richtiges« Bett gekauft hatte. Offenbar war bei der Matte, die einfach auf der Erde lag, für ihn kein großer Unterschied zu seinem eigenen Deckenlager zu bemerken gewesen. Ich denke, das sollte man einem Hund verzeihen ... Der Kleine wollte doch bloß kuscheln!

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch Der Buddha auf vier Pfoten. Wer braucht schon einen Zen-Meister, wenn er einen Hund hat?, das im August 2015 erschienen ist.

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Gebundenes Buch, 232 Seiten, 13,5 x 17,5 cm

Durchgehend vierfarbig

ISBN: 978-3-424-63112-8

Preis: €14,99

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