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20/01/2016 10:46 CET | Aktualisiert 20/01/2017 06:12 CET

Der Tsunami der Lebensstilkrankheiten

ullstein bild via Getty Images

Nicht Hunger und Mangelernährung, sondern ungesunde Ernährung und Übergewicht sind inzwischen weltweit das größte Krankheitsrisiko. Auch für Deutschland gilt: Übergewicht und Fettleibigkeit sind zu einem Problem geworden. Über die Hälfte der Frauen und Zweidrittel der Männer sind übergewichtig. Auch bei Kindern ist die Entwicklung besorgniserregend. Kurzum: Deutschland verfettet.

Kein Wunder, wenn man sieht, was zum Beispiel wirklich in den Pommes von McDonald’s steckt:

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Was sind die Folgen? Die Lebensstilkrankheiten breiten sich rasant aus. Mehr als 6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Diabetes, jedes Jahr kommen Hunderttausende hinzu. Übergewicht, Herz-Kreislaufleiden, Krebs und Atemwegserkrankungen sind zum größten Teil durch unsere Lebensweise verursacht.

In den fünfziger Jahren kannten wir diese Krankheiten kaum und Medizinprofessoren waren „froh", wenn sie ihren Studenten einmal einen Herzinfarktpatienten vorstellen konnten. Die Ursachen für die heutige Entwicklung sind bekannt: Wir bewegen uns zu wenig.

Selbst für den Gang zum nächsten Briefkasten nehmen wir das Auto. Wir essen doppelt so viel Fett, Zucker und Salz und halb so viel Ballaststoffe wie uns guttäten. Hinzu kommen Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum.

Wir steuern auf eine Gesundheitskatastrophe zu

Langsam erkennt auch die Politik, dass wir da auf eine Gesundheitskatastrophe zusteuern. Vor allem die Sorge, dass die Kosten nicht mehr in den Griff zu bekommen sind, weckt sie auf. Allein die Folgen des Diabetes kosten uns jährlich ca. 35 Milliarden Euro an Behandlung, Pflege, Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung.

Inzwischen werden vor allem zwei Strategien als Gegenmaßnahmen diskutiert: Mehr Aufklärung und Information des Verbrauchers oder staatliche Regulierungsmaßnahmen.

Die offizielle Gesundheitspolitik lehnt Regulierungsmaßnahmen ab und befürwortet eine bessere Information des Verbrauchers wie sie auch Teil des 2015 verabschiedeten Präventionsgesetzes ist. Sie möchte ihn dazu bringen, aus eigener Einsicht weniger Fastfood, gesüßte Getränke und Snacks zu essen. Dieser Appell an die Vernunft des Einzelnen ist jedoch immer wieder gescheitert, wie die Fakten eindrucksvoll belegen.

Die Gründe hierfür sind relativ klar. Unser tägliches Umfeld steht einer Verhaltensänderung diametral entgegen. Das Essen wird zunehmend nicht mehr selbst zubereitet, findet zunehmend außer Haus statt oder wird von vielfältigen Snacking-Angeboten abgelöst. Zu Essen und zu Trinken gibt es an jeder Ecke und zu jeder Zeit.

Die Werbung sendet uns permanent Bilder und Botschaften von delikatem Fastfood

Die Werbung sendet uns permanent Bilder und Botschaften von delikatem Fastfood, bequemen Convenience-Produkten und durstlöschenden Softdrinks - und das alles möglichst hochkalorisch und in vermeintlich kostengünstigen XXL-Portionen.

Hinzu kommt eine völlige Unübersichtlichkeit von mehr als 180.000 Lebensmittelprodukten und ein enormer Werbedruck der Lebensmittelindustrie, gegen die die Aufklärungsversuche der Gesundheitspolitik rührend hilflos wirken müssen.

Was bleibt als realistische Gegenstrategie? Im Prinzip nur staatliche Regulierungsmaßnahmen. Besonders diskutiert wird zurzeit folgendes:

1. Eine Steuer auf verarbeitete Lebensmittel mit einem besonders hohen Anteil an Zucker, Fett und Salz, und eine entsprechende Verbilligung von gesunden Lebensmitteln. Länder wie Finnland, Frankreich, Ungarn, Dänemark oder Mexiko haben solche Lebensmittelsteuern bereits eingeführt. Eine Zucker-/Fettsteuer würde endlich auch für die Lebensmittelindustrie einen Anreiz schaffen, ihre Rezepte zu verändern. Dies wird sie aber erst dann machen, wenn für alle Wettbewerber die gleichen Rahmenbedingungen herrschen und der einzelne Hersteller keine Wettbewerbsnachteile befürchten muss.

Wir müssen unsere Kinder schützen

2. Verbot von an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung: Die Lebensmittelindustrie bewirbt für Kinder fast ausschließlich ungesunde Lebensmittel, die viel Zucker, Fett oder Salz enthalten und die Entstehung von Übergewicht fördern. Da die Ernährungsgewohnheiten in Kindheit und Jugend geprägt werden, versucht die Lebensmittelindustrie, Kinder als Kunden von Morgen mit Hilfe spezieller Kinderprodukte und entsprechender Werbung frühzeitig an sich zu binden.

Kinder können häufig Werbebotschaften als solche nicht erkennen. Daten belegen, dass Kindermarketing das Risiko erhöht, überschüssiges Gewicht zuzulegen. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie hat sich als wirkungslos erwiesen.

3. Eine klare Lebensmittelkennzeichnung: Gerade die Gesundheitspolitik, die auf Informationen und Aufklärung des Verbrauchers setzt, sollte sich einsetzen für eine klare Lebensmittelkennzeichnung, z.B. nach dem Ampelprinzip, die sich die Mehrheit der Verbraucher wünscht. Mit der Ampel-Kennzeichnung könnten Käufer auf einen Blick erkennen, ob ein Lebensmittel besonders viel, mittel oder wenig Zucker, Salz oder Fett enthält.

Leider hat sich die Gesundheitspolitik dem Druck der Lebensmittelindustrie gebeugt, solch eine klare Lebensmittelkennzeichnung nicht einzuführen. Eine Milliarde Euro soll die Lebensmittelindustrie aufgewendet haben, um diese Kennzeichnung auf EU-Ebene zu verhindern.

Die positiven Effekte einer Zucker-/Fettsteuer lassen sich an Beispielen aus der Vergangenheit deutlich ablesen

Aber die Zeiten ändern sich. Die positiven Effekte einer Zucker-/Fettsteuer lassen sich an Beispielen aus der Vergangenheit deutlich ablesen: Schon bei der Alkopop-Steuer haben wir gesehen, wie gut sie funktioniert.

Alkopops sind nach Einführung der entsprechenden Steuer praktisch vom Markt verschwunden. Und das wirksamste Instrument gegen das Rauchen sind nachgewiesenermaßen die Tabaksteuererhöhungen.

Jetzt zeigen neueste Untersuchungen über die Effekte der mexikanischen Softdrinksteuer, dass die Mexikaner seit der Einführung deutlich weniger Softdrinks zu sich nehmen, dafür aber mehr ungezuckerte Getränke. Das hat in Großbritannien zu einer heftigen Debatte geführt.

Sogar Premierminister Cameron, ein hartgesottener Marktwirtschaftler, der bislang eine Steuer kategorisch ablehnte, zieht sie jetzt in Erwägung. Und die internationale Debatte auf Ebene der UN und Weltgesundheitsgesellschaft WHO hat diese Maßnahmen schon seit Jahren gefordert.

Natürlich ist es richtig, dem Einzelnen die Verantwortung nicht abzunehmen, für seine Gesundheit selbst zu sorgen. Daher ist es gut, staatliche Verbote möglichst zu vermeiden, aber wir sollten es dem Einzelnen leichter machen, sich gesundheitsbewusst zu entscheiden.

Dafür dienen eine Zucker-/Fettsteuer, eine klare Lebensmittelkennzeichnung nach dem Ampelprinzip und das Verbot von Werbung für sogenannte Kinderlebensmittel, die in Wahrheit keine Kinderlebensmittel sind, sondern reine Zuckerbomben.

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