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05/04/2016 09:03 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Der Zaun. Wie Europa an seine Grenzen stößt

Anadolu Agency via Getty Images

Hafen von Augusta, Sizilien

Er mag jetzt nicht hinschauen. Mutaz möchte die Menschen im Hafen nicht sehen. Während sie an Bord schon zum Ausstieg drängen, rufen, winken, die Hände ausstrecken, bleibt er auf dem Deck reglos sitzen, den Rücken zur Reling, das Gesicht abgewandt, die Stirn auf den Unterarm gestützt.

So oft hat er davon geträumt, aber jetzt, wo er es endlich geschafft hat, wo die „Fiorillo" in den Hafen von Augusta einfährt, will er von Europa nichts mehr wissen. Mutaz will niemandem in die Augen sehen.

Er ist wütend auf sich und auf seine Leute, die mit ihm auf das Meer gefahren sind, von denen sie zu Beginn fast 500 waren und jetzt noch 352. Er weiß, dass nun auch darüber gesprochen werden muss, was an diesem Abend auf dem Boot geschehen ist.

Es ist Dienstag, der 26. August 2014, als Mutaz auf dem Schiff der Küstenwache Europa erreicht. Es ist der erste und letzte Sommer der Rettungsoperation „Mare Nostrum". Jeden Tag dringen die Schiffe der italienischen Marine und der Küstenwache weit in das Seegebiet vor Nordafrika vor, um Flüchtlinge zu retten.

Sie greifen sie wenige Meilen vor der libyschen Küste auf, Frauen, Männer, Kinder auf Fischkuttern mit röchelnden Motoren und leckenden Planken. Sie retten mehr als 4000 Menschen in diesen Tagen und bringen auch die wenigen der vielen Toten, die sie bergen können, in die sizilianischen Hafenstädte Augusta und Pozzallo.

"Am Ende des Sommers werden mehr als 3000 Menschen ertrunken sein."


Drei Boote sind gesunken. Die Zeitungen werden schreiben, dass es die bisher tödlichsten Tage in diesem Jahr waren. „Invasione", sagen sie uns in den Bars von Sizilien, „Apocalisse", eine Apokalypse, murmeln sie, bis wenig später neue Rekorde die alten verdrängen. Denn schon im September wird es eine neue tödlichste Woche geben. Und am Ende des Sommers werden mehr als 3000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein.

Mutaz bewegt sich nicht. Auch als keine 100 Meter entfernt die Korvette „Fenice" anlegt. 24 Leichen aus Mutaz' Boot konnten von dem Schiff geborgen werden. Sie liegen in blauen und schwarzen Säcken verpackt auf dem Achterdeck. Der Geruch der Toten, die eineinhalb Tage lang auf See waren, kriecht über den Hafen. Leichenwagen fahren vor, drei, vier, dann werden sie feststellen, dass sie nicht reichen werden und sie einen Kühlwagen benötigen.

Der Gerichtsmediziner Francesco Coco geht an Bord, beugt sich über die Toten und verschwindet hinter einem Sichtschutz. An Land werden die Sargdeckel verschraubt. Und wieder wird gewartet. Das Banner mit dem Schiffsnamen an der Gangway muss neu drapiert werden, damit es auch in den Abendnachrichten zu sehen ist. Italien will, dass die Welt sieht, was seine Marine in diesem Sommer leistet. Dann erst werden die Leichen in Särgen von Bord geholt.

Mutaz, so erzählt er uns, wollte weg vom syrischen Krieg, der kein Ende zu nehmen scheint. Er sollte zum Militärdienst, aber er wollte nicht töten und vor allem: Er wollte nicht sterben. Mutaz flüchtete nach Jordanien. Dort erkundigte er sich, welche Möglichkeiten es gäbe, in Deutschland Schutz zu erhalten. Aber sie machten ihm keine Hoffnung.

Er arbeitete, verlor den Job, und als sein Erspartes nicht mehr reichte, nahm er den Weg, den so viele schon vor ihm genommen haben. Amman, Beirut und von dort nach Algerien, weil das Land von Syrern im Jahr 2014 kein Visum verlangte.

Über Tunesien geht es nach Libyen


Sie sind zu fünft auf ihrer Flucht. Abdurahman, 25, ist einer davon. Mutaz und Abdurahman stammen beide aus Damaskus und mögen sich sofort. Über Tunesien reisen sie zur Grenze nach Libyen. In Libyen herrscht nach Gaddafi die nackte Gewalt. Milizen kämpfen um die Macht, der Flughafen geht in diesen Tagen in Flammen auf, und am Ende des Sommers wird sich das Parlament aus der Hauptstadt zurückziehen.

Es sind die besten Arbeitsbedingungen für kriminelle Schlepper. Sie nehmen Flüchtlingen ab, was diese nicht verstecken können, sie schießen für ein Handy, sie töten für einen Pass. Abdurahman macht Mutaz Mut, er ist da, wenn Mutaz zweifelt, er heitert ihn auf, wenn ihm zum Heulen zumute ist. Sie brauchen sich gegenseitig in diesen Tagen.

In Zuwarah erreichen sie das Anwesen der Schlepper. Vor dem großen Tor stoppen Geländewagen und laden Flüchtlinge ab. Es ist finster, kein Licht brennt in den Gebäuden. Mutaz bezahlt 2000 Euro an einen, den sie Abu Hasan nennen, ein groß gewachsener Mittdreißiger mit knarzender Stimme, erinnert sich Mutaz.

Am 24. August brechen sie schließlich auf. Ein Schlauchboot fährt sie etwa einen Kilometer auf See hinaus. Dort wartet der Fischkutter, der sie nach Europa bringen soll. Zwölf Meter lang ist das azurblaue Schiff. „In Gottes Hand", steht am Bug. Weitere Flüchtlinge kommen hinzu.

Das Unterdeck füllt sich, das Deck, dann auch das Oberdeck. Dort, am hinteren Ende, findet Mutaz seinen Platz. Viel zu viele sind an Bord, die meisten kommen aus Syrien. Nur wenige tragen Rettungswesten. Es ist bis heute nicht bis ins letzte Detail geklärt, was dann geschieht. Man weiß: Der Motor des Schiffes setzt nach kurzer Zeit aus. Über Satellitentelefon kontaktieren die Flüchtlinge die Schleuser in Libyen.

Diese schicken ein Schiff, das sie einige Meilen weiter auf See schleppt. Sie fahren gerade so weit, bis die Besatzung eines Öltankers das überfüllte Boot bemerkt und die Marine kontaktiert. Schon nähert sich ein Helikopter.

Die Schleuser kappen das Seil und überlassen die Flüchtlinge ihrem Schicksal. Wasser sickert in das Boot. Mit Pumpen und Eimern kämpfen die Menschen an Bord gegen das Wasser an. Sie sind gerade 20 Meilen vor der libyschen Küste, als sich die ersten Helfer in Schlauchbooten nähern und Rettungswesten werfen.

Aber die Westen sind nicht die Rettung - für viele bedeuten sie den Tod. Überlebende berichten später, dass unten im Deck, wo viele Afrikaner untergebracht sind, die Luft immer dünner wird. Die Menschen drängen nach oben. Das Boot gerät ins Wanken. Die Ersten greifen nach den Rettungswesten, drängen auf eine Seite, das Schiff neigt sich immer mehr.

Panik bricht aus. „Bleibt ruhig", ruft Mutaz, aber es gibt die, die nicht warten können. Sie springen von Bord und schwimmen auf die Rettungsboote zu. Das Schiff verliert die Balance, neigt sich nach Backbord und kentert. Auch Mutaz und Abdurahman stürzen ins Wasser. Es ist der 24. August, 19.58 Uhr, als Mutaz seinen Freund Abdurahman das letzte Mal sieht.

Der Beitrag basiert auf dem dem Buch Der Zaun. Wie Europa an seine Grenzen stößt von Dietmar Telser

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