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28/10/2015 07:15 CET | Aktualisiert 28/10/2016 07:12 CEST

Soldatentrauma: Für Deutschland in den Krieg

Thomas Trutschel via Getty Images

Der verkürzt zitierte Spruch, Deutschland am Hindukusch zu verteidigen, begründete auch in seiner ursprünglichen Version keinen Einsatz in Afghanistan. Über die Wortwahl von Politikern ist viel geschrieben worden und auch über ihren Unwillen, Krieg beim Namen zu nennen. Doch auch in der Bundeswehr selbst werden sprachliche Weichmacher benutzt oder mit einer formalisierten militärischen Sprache Berichte über die Realität von Einsätzen vernebelt.

Das oft zu vernehmende Argument, man könne die Grausamkeit eines Krieges in der friedensliebenden, allumfassende Sicherheit suchenden Gesellschaft nicht kommunizieren, vermag ich nicht zu teilen. Im Gegenteil, die Tabuisierung des Gewalterlebens, die in Bereichen der Bundeswehr selbst praktiziert wird, führt zum Leben in einer parallelen Welt.

Extremerfahrungen

In Publikationen wird von jungen Offizieren bereits gefordert, andere Normen und Werte zu leben als die Bevölkerung. Es mögen Anfänge sein, Für Deutschland in den Krieg doch ihnen gilt es zu begegnen. Deswegen setze ich mich dafür ein, Dinge beim Namen zu benennen, Tabuisierungen zu bekämpfen, Soldaten auf alle Höhen und Tiefen menschlicher Reaktionen in Extremerfahrungen vorzubereiten sowie darüber ehrlich und in der Öffentlichkeit zu sprechen.

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Soldaten lieben es, ihren Waffen Kosenamen zu geben und sie mit martialischen Bildern zu schmücken, deren Aggressivität den Betrachter oftmals erschreckt, vermutet der doch eine humanitäre Operation. Zudem erfinden Soldaten auch für die Zivilbevölkerung in den Einsatzgebieten und insbesondere für die Gegner Namen, die sie herabsetzen.

Im Gegensatz dazu wird der interkulturellen Kompetenz bei den weltweiten Einsätzen der Bundeswehr eine Schlüsselqualifikation zuerkannt, um sich in fremden Kulturen angemessen zu verhalten. Zweifelsohne sind deutsche Soldaten in den Einsatzgebieten anerkannt und oft willkommen. Es darf aber bezweifelt werden, ob dies das Ergebnis einer interkulturellen Kompetenz ist. Selten liegen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie auf diesem Gebiet.

Ausbildung zum Töten

Pazifistische Kreise behaupten oft, Soldaten würden in der Ausbildung zum Töten gedrillt. Als seelenlose Maschinen würden sie gut trainiert im Extremfall funktionieren. Nichts ist so falsch wie diese gerne geglaubten Vorurteile. Doch wie begründet man den Einsatz von Waffen, der letztlich Menschenleben tötet? Die dem Töten zugrunde liegende Ethik wird kaum thematisiert, Einsätze eher unter juristischen Aspekten beurteilt.

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Dietger Lather war selbst im Kosovo im Einsatz und als Kommandeur in Afghanistan. Sein Buch ist nicht nur ein praktischer Ratgeber für Soldaten und deren Angehörige. Er will auch einer breiten ւentlichkeit vermitteln, was es heißt, wenn deutsche Soldaten im Auftrag ihres Landes im Kriegseinsatz sind. Die Spannweite der Themen reicht dabei von Mängeln in der Ausrüstung der Soldaten über den außergewöhnlichen Fall des Oberst Klein und persönliche Gewalterfahrungen bis hin zu Überlegungen zu einer oft verdrängten „Ethik des Tötens".

Kein Einsatz gleicht dem anderen. So banal dieser Satz auch klingen mag: Er bedeutet im Umkehrschluss, dass man die Eigenheiten eines jeden Einsatzes in der Vorbereitung auf ihn berücksichtigen muss. Soldatenfamilien oder auch Partnerschaften mit Soldatinnen und Soldaten werden Strategien entwickelt haben, wie sie mit einer zeitweisen Trennung aufgrund eines länger andauernden Lehrganges, von Übungen, einer Wochenendbeziehung oder einer Fernbeziehung umgehen.

Diese Strategien können zum großen Teil auf den Auslandseinsatz übertragen werden. Eines jedoch unterscheidet sich extrem von den bisher erlebten Trennungszeiträumen: Die Ungewissheit, ob der Partner, der Geliebte, die Mutter oder der Vater nach Monaten wieder unversehrt nach Hause kommen wird.

Ungewissheit schürt Ängste

Diese Ungewissheit schürt die Ängste, die geliebte Person aufgrund ihrer Traumatisierung nicht wiederzuerkennen oder im Extremfall durch Gefechte zu verlieren. Auch wenn die statistische Wahrscheinlichkeit denkbar gering ist, in einem Auslandseinsatz verwundet oder getötet zu werden, wird dies die Sorgen der zu Hause Gebliebenen nicht mildern.

Ausschlaggebend für die Ängste der Soldaten, die in den Einsatz gehen, könnte die persönliche Konfrontation mit einer Extremsituation sein und das Wissen, als Soldat Ziel eines Anschlages oder eines Angriffes zu werden. Der Mensch, der morgens in seinem Auto zur Kaserne oder Arbeitsstelle fährt, sieht die mehreren Tausend Tote und traumatisierten Unfallopfer im Straßenverkehr nicht als persönliche Bedrohung.

Wenn überhaupt, nimmt er es als Lebensrealität einer von Mobilität geprägten Industriegesellschaft wahr. Die gleiche Person verlässt als Soldat im ersten Einsatz mit gespannter Erwartung und gespürter Nervosität zum ersten Mal das Lager. Sie beachtet nicht nur den Straßenverkehr, sondern die Umgebung und sucht nach den Erkennungszeichen, die auf einen möglichen Anschlag weisen.

Statistische Wahrscheinlichkeit

Selbst wenn die statistische Wahrscheinlichkeit, in einen Anschlag verwickelt zu werden, der Wahrscheinlichkeit gleicht, in Deutschland im Straßenverkehr einen Unfall zu erleiden, überträgt sich diese statistische Tatsache nicht auf das persönliche Empfinden im Einsatz.

Die Persönlichkeit eines jeden Soldaten entwickelt sich durch die Erlebnisse im Einsatz weiter, insbesondere beim ersten. Generell kann festgestellt werden, dass junge Menschen daran reifen und ältere weitere Erfahrungen sammeln. Von der überwiegenden Mehrheit wird ein Einsatz als positiv für die eigene Persönlichkeitsentwicklung erlebt.

Demgegenüber steht das Wissen, in jedem Einsatz der Gefahr einer Krankheit, einer Verletzung, Verwundung oder Traumatisierung ausgesetzt zu werden. Diese Gefahren lauern in jedem Einsatz. Bedingt durch den Afghanistaneinsatz, den dort stattgefundenen Anschlägen und Gefechten hat jedoch die Öffentlichkeit das Gewaltpotenzial als auslösendes Moment für Traumatisierungen wahrgenommen.

Banda Aceh

Doch ein ausschließlich humanitärer Einsatz kann genauso traumatisieren. Der verheerende Tsunami, der im Dezember 2004 auch Sumatra traf, führte die Bundeswehr nach Banda Aceh und traumatisierte Soldaten. Sie erlebten die »Hölle«.

Neben den ungeheuren Verwüstungen, die durch die Naturgewalten verursacht wurden, waren sie mit den klimatischen Bedingungen konfrontiert, die den Gestank verwesender Menschen beschleunigten und die Seuchengefahr erhöhten. Der damit einhergehende Verwesungsgeruch bleibt lebenslang in Erinnerung. Vor allem waren die Soldaten mit dem unermesslichen Leid der Menschen konfrontiert, die alles verloren hatten.

Rückkehr

Nach ihrer Rückkehr erlebte ich, wie einige Soldaten über das durchlebte Grauen nur bis zu einem gewissen Punkt sprechen konnten. Dann versagte ihnen die Stimme und das gesehene Leid stand ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Erst nach der Aufarbeitung in einem Seminar, das zuvor von den Betroffenen als nicht notwendig erachtet wurde,konnte die Distanz zu dem Erlebten wiederhergestellt werden, die notwendig ist, um über das zunächst Unsagbare wieder sprechen zu können.

Auszüge aus dem Buch von Dietger Lather:

Für Deutschland in den Krieg - Auslandseinsätze der Bundeswehr und was Soldaten, ihre Angehörigen und die deutsche Gesellschaft darüber wissen müssen

2015-10-28-1446026795-9272244-3535_Lather.jpg

ca. 280 Seiten | Paperback

Format 14,8 x 21 cm

19,95 € [D] | 20,60 € [A]

ISBN 978-3-8288-3535-1

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