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09/11/2014 07:20 CET | Aktualisiert 09/01/2015 06:12 CET

Die Mauer retten

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November hat der frühere Berliner Parlamentspräsident Reinhard Führer in einem Interview mit der Huffington Post dazu aufgerufen, die vom Verfall bedrohten Reste der Berliner Mauer in der Niederkirchnerstraße gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus zu retten.

In der deutschen Hauptstadt sind nur noch an drei Stellen Überreste des 1961 von der DDR errichteten „antiimperialistischen Schutzwalls" erhalten, die allerdings den wahren Charakter der einstigen Mauer nur noch bedingt erkennen lassen. Am bekanntesten ist die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery am Ostbahnhof in Friedrichshain.

Dieses Stück Mauer wurde 1990 von 118 Künstlern aus 21 Ländern bemalt und ist bereits zwei Mal - in den Jahren 2000 und 2008 - saniert worden. Daneben befindet sich in der Bernauer Straße als Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer das letzte Stück der Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermittelt.

Am authentischsten und geschichtsträchtigsten aber ist das 200 Meter lange Mauerstück in der Niederkirchnerstraße zwischen Martin-Gropius-Bau und Wilhelmstraße. Mit Reinhard Führer sprach Detlef Untermann.

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Detlef Untermann: Herr Führer, warum setzen Sie sich für den Erhalt gerade dieses Mauerstücks ein?

Führer: An dieser Stelle ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Händen zu greifen. Das ehemalige Gestapo-Hauptquartier mit seinen Folterkellern im nicht mehr existierenden Prinz-Albrecht-Palais, dort, wo sich heute das Gelände der Topographie des Terrors befindet, weist auf die braune Diktatur der Nazis hin. Sie wiederum hat direkt zur roten Diktatur der SED und damit 1961 zum Bau der Mauer geführt. Dieses sichtbare Nebeneinander zweier Diktaturen ist in dieser Form einmalig. Und deshalb muss dieses Stück Mauer unbedingt erhalten bleiben.

Detlef Untermann: Ist die Mauer dort denn ernsthaft bedroht.

Führer: Mehr als das. Direkt nach dem Mauerfall waren es erst die Mauerspechte, die der Mauer zugesetzt haben. Jetzt ist es die Witterung, die unerbittlich den Verfall beschleunigt. Der Beton ist bereits so verwittert, dass Teile davon einzustürzen drohen. Und jedes weitere Stück Stahl, das vom Rost befallen wird, entwickelt eine enorme Sprengkraft. Noch ein paar strenge Winter und von der Mauer ist in ein paar Jahren nichts mehr übrig. Ein Gutachten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bescheinigt dem Mauerstück übrigens nur noch eine Reststandzeit bis maximal 2020.

Detlef Untermann: Was könnte man denn Ihrer Ansicht nach tun?

Führer: Man könnte die beschädigten Stellen durch intakte originale Mauersegmente, die sich noch an verschiedenen Orten befinden, ersetzen.

Detlef Untermann: Was würde die Sanierung kosten?

Führer: 300.000 Euro wird man wohl veranschlagen müssen. Das wird angesichts der Finanzlage des Landes Berlin nicht ohne Sponsoren und Spenden der Bürger gehen. Ich bin aber zuversichtlich, dass so viel Geschichtsbewusstsein in der Stadt vorhanden ist, dass dieses einmalige Zeit-Zeugnis erhalten werden kann.

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Reinhard Führer ist ehemaliger Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V