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14/10/2015 08:56 CEST | Aktualisiert 14/10/2016 07:12 CEST

Deutsche Gesellschaft: Macher, Überwacher, Besserwisser

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Wenn ich mal einen Albtraum habe, dann sitze ich meist wieder in der Schule bei einer Klassenarbeit und habe nicht gelernt. Aber gelegentlich träume ich auch, ich würde unversehens Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Das ist dann auch noch ein umweltgefährdender Betrieb mit naher Wohnbebauung, Betriebsrat und allen möglichen Überwachungsbehörden, der von Bankkrediten und Auslandsgeschäft abhängig ist.

Und aus irgendeinem Grund, den der Traum offen lässt, muss ich den ohne Vorwarnung, Einarbeitung oder die Begleitung des Vorgängers übernehmen. Und tatsächlich, schon bald stehen alle möglichen Menschen in meinem Büro und fordern mich nachdrücklich auf, Entscheidungen zu fällen. Schwitzehändchen.

Nun mag das in der Realität so brutal natürlich nur selten oder gar nicht vorkommen. Da wachsen Chefs langsam in ihre vielfältigen Aufgaben hinein. Aber dennoch, die Ansprüche an Unternehmer werden immer umfangreicher. Sie sollen sie die besten Produkte liefern, diplomatisch alle - vom Mitarbeiter, über Behörden, Banken und Gewerkschaften - mit einbinden.

Sie sollen früher als andere erkennen, wo Risiken drohen. Umweltschutz, Gesetze und Verordnungen zu beherzigen ist selbstverständlich. Aber natürlich sollten sie auch soziales Engagement zeigen, Randgruppen berücksichtigen und am besten noch ein Museum stiften. Und wenn sie bei alledem passabel verdienen, sollten sie in der Lage sein, sich entsprechend intelligent rechtfertigen zu können.

In Deutschland gibt es drei Gruppen: Macher, Überwacher, Besserwisser

Wenn ich das Grundproblem dabei mal grob skizzieren soll: Es haben sich in Deutschland drei Gruppen gebildet. Die einen sind die Macher, die was machen, das müssen keine Unternehmer, das können auch engagierte Angestellte sein.

Dann gibt es die Überwacher, die in vielfältigen Funktionen vom Beamten, über den Verbraucherschützer, den Journalisten, den Juristen oder auch den Verbandsmann/frau schauen oder begleiten, was die Macher so treiben.

Und schließlich eine dritte Gruppe: die Besserwisser, die die Anderen so werkeln lassen und nur von Fall zu Fall - wenn was schief geht - ihren Senf dazu geben.

Die Voraussetzung für das Funktionieren des gesamten Systems aber ist, dass es immer genug Macher gibt.

Mögen die Überwacher auch noch so ehren- und gewissenhaft, mag ihre Notwendigkeit bis zu einem gewissen Grad dringend erforderlich sein - sie stellen nun mal keinen einzigen Schuh oder keine exportfähige Maschine her. Von den Besserwissern gar nicht zu reden. Mehr noch, wenn die beiden letztgenannten Gruppen überziehen, kann das Lager der Macher gefährlich schrumpfen.

Nun scheinen alle menschlichen Systeme einen gewissen Hang zur Beharrung auf Hergebrachtem zu haben. Es schmeißen offenkundig nicht alle Unternehmer und Manager schlagartig den Bettel hin und verweigern den Dienst. Zum einen laufen die Erschwernisse nur tröpfchenweise ins Fass und Menschen trennen sich nur ungern von dem, womit sie sich lange beschäftigt haben.

Aber es gibt erste Anzeichen, dass man in dieser Hinsicht etwas wachsamer werden sollte. Denn es kann auch sein, dass über Langzeitwirkungen ein Ungemach erst viel später sichtbar wird. Etwa, wenn der Unternehmer seinem Sohn von der Übernahme der Firma abrät und lieber an einen Konzern verkauft.

Dann kann der Filius als gut ausgebildeter und weltgewandter Unternehmensberater oder Anwalt in Zukunft ohne Risiko am Erfolg der verkauften Gesellschaft per Stundenhonorar teilhaben. Da verdient er sogar noch, wenn die Aufsichtsbehörde die Produktion wegen einer neuen Verordnung stilllegt.

Wie bei mir gewohnt, habe ich versucht, diese eher persönlichen Eindrücke auch statistisch zu unterlegen. Liebe Wirtschaftsprofessoren unter den Lesern: Mir ist durchaus bewusst, dass die Zahl der Gewerbeanmeldungen für sich genommen noch kein Beweis für eine generell nachlassende unternehmerische Begeisterung in deutschen Landen ist. Aber ein seit 2004, also über ein Jahrzehnt, stabiler Abwärtstrend sollte zumindest als Anhaltspunkt für eine stärkere Beobachtung dieses Phänomens ausreichen.

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Und an die werten Damen und Herren Überwacher und Besserwisser: Sie sollten nicht den Ast absägen, auf dem Sie sitzen. Ein paar Ochsen müssen den Karren ziehen, in dem die fröhlich feiernde Festgesellschaft sich zuprostet.

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