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08/05/2016 07:23 CEST | Aktualisiert 09/05/2017 07:12 CEST

"Ganz jesuitisch raffiniert": das Tierwohl-Argument

Jerry Yulsman via Getty Images

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Pädagoge und Erziehungswissenschaftler in Frankfurt am Main habe ich gewissermaßen seit Jahren regelmäßig Umgang mit Personen, die sich als politisch progressive Kräfte verstehen. Im weitesten Sinne nehme ich das für mich auch in Anspruch, wenngleich mit einigem mir notwendig erscheinenden Abstand. Ich habe mir jedenfalls gedacht, es ist Zeit für ein Resümee:

"Ganz jesuitisch raffiniert": das Tierwohl-Argument

Wir als Aktionsbündnis sind zunächst ein Zusammenschluss von Personen, die unterschiedlichen politischen Strömungen angehören, wenngleich wir uns alle dem demokratischen Rechtsstaat verpflichtet fühlen. Das führt dann mitunter auch zu spannenden und manchmal auch kräftezerrenden Diskussionen, zu denen wir offensichtlich aber in der Lage sind. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zu eigentlich allen unseren Gegnern, deren Philosophie mit dem Statement "Du musst Dich ändern!" zusammengefasst werden kann.

In meinen Texten habe ich oft kritisiert und auch analysiert, wie sich weite Teile der politischen Linke in diesem Land vor einen solchen Karren spannen lassen. Ob Delphinarium, Zoo, Zirkus oder die private Haltung exotischer Wildtiere, sie alle bekommen ihr Fett weg. Zirkusfreunde, wie Gregor Gysi, sind da die große wenngleich erfreuliche Ausnahme.

Doch heute will ich eine ganz persönliche Bilanz ziehen.

Ich selbst habe an der Universität in Frankfurt am Main Erziehungswissenschaften studiert. Historisch gesehen sind dieser und ähnliche Fachbereiche des einen (Sigmund) Freud und des anderen Leid, jedenfalls zumindest über einen langen Zeitraum Stätten von mehr und manchmal auch weniger verheißungsvollen Formen dessen, was man als Gesellschaftskritik bezeichnen kann.

Eigene Motive für eine kritische Aufarbeitung hat es für mich viele gegeben, alleine schon, weil auch ich die wenig verheißungsvolle Ehre gehabt habe an einem ganz klassischen deutschen Gymnasium zu erfahren, was es heißen kann in Deutschland zur Schule zu gehen:"To Kill a Mockingbird"ist gut, um Schüler einer bestimmten Jahrgangsstufe an überzogenen Ansprüchen scheitern zu lassen, schlecht, um den damals von der Schule errichteten zusätzlichen Zaun, zur Abschirmung gegen die "asoziale" Klientel anderer Schulen, sprich der Haupt-, Real- und Gesamtschulen, zu hinterfragen, so wie Kultur überhaupt fast ausschließlich dafür da gewesen ist die Spreu vom Weizen zu trennen.

Es ist ein politisch linker Professor aus der 68er-Bewegung gewesen, der den entscheidenden Anstoß zu meinen gegenwärtigen Überlegungen gegeben hat, dass eine naturhistorische Biologie gewissermaßen das kritisch gewendete Pendant zu dem Lügenmärchen aus Schulzeiten darstellt, wonach klassische Zoologie Kinderkram, Molekularbiologie die buchstäbliche Krone der Schöpfung darstelle. Denn wenn Biologen faktisch nur noch Physik und Chemie betreiben, kann man ihre Disziplin eigentlich auch abschaffen. Das kommt davon, wenn meist jene Abitur machen, die das entsprechende Elternhaus haben und die alles daran setzen, dass es an der Schule nicht zu intellektuell zugeht, aber bis zur geistigen Selbstauflösung ganz hoch hinaus wollen. Wehe dem Nicht-Bürgertumskind, das anderes im Sinn hat.

Obendrein ist besagter Professor noch das glatte Gegenteil von all dem gewesen, wogegen wir als Aktionsbündnis kämpfen: keine wandelnde Halbbildung, wie manch einer aus der damaligen Neuen Linken, von den Zuständen heute ganz zu schweigen.

Ich bin dankbar für bestimmte Begegnungen an der Universität, wie ich sie habe noch erleben dürfen. Doch ich kann genauso wenig darüber hinwegsehen, dass das Kernproblem der heutigen Tierschutz- und Tierrechtsdiskussion in einem Milieu begründet liegt, bei dem gewissermaßen die progressive Boheme die Wurzel des Übels darstellt.

So hat mir ein anderer 68er-Veteran des Fachbereichs zum Thema Zoo- und Zirkustierhaltung einmal weis machen wollen, dass dies ja eine Form von Präsentation und eine solche abzulehnen sei. Amphibisch lebende Ohrenrobben sind in diesem Zusammenhang dann gleich als rein aquatisch ausgewiesen worden, um Vorführungen an Land der Tierquälerei zu überführen.

Da kann man sich allenfalls noch trösten mit: DIE progressiven Pädagogen gibt es nicht! Das ist überhaupt DIE rhetorische Floskel, hinter der vor allem "kritische" Pädagogen, mit Bezug auf was auch immer, sich nur zu gern verstecken. Sie fühlen sich mit auffallender Häufigkeit falsch verstanden und erheben die von ihnen dekonstruierten Fälle, wie es so schön heißt, welche zudem immer nur zu ganz wenigen ausgewählten Personengruppen gehören, ebenfalls in den Stand der ewig falsch Verstandenen: ein ewiger Kreislauf der immer selben platten Attitüden.

Tiefgründige kulturhistorische Grundsatzdiskussionen werden da wenn überhaupt schnell zur Fassade. Und Sinnhorizonte, wie Glück, Begehren, Tod oder Liebe haben ohnehin nur langsam in die erziehungswissenschaftliche Diskussion Einzug gehalten, um dann im nun kulturwissenschaftlich-alternativen Sumpf, der vermeintlich großen Wende, sogleich wieder entstellt zu werden. Weltreligion statt Marx, aber kein Abschied von der Illusion, damals nicht und heute nicht. Die meisten Pädagogen lieben Illusionen, genauso wie weite Teile der deutschen Linken: kein Raum für kulturelle Schwärmereien mit kritischem Antlitz. Die neue Veggie-Boheme, die fest im Glauben steht, ist da kein Deut besser und meist noch schlimmer.

Der Hass vieler Linker gegen die Tierhaltung als eine Form von Unterhaltung, Kunst, freudigem Erleben oder wie auch immer hält sich hartnäckig und ist ebenso erstaunlich wie idiotisch. Der Zoo als Fabrik im Dienste des Artenschutzes ist da gerade noch akzeptabel. Im 19. Jahrhundert und darüber hinaus hat der Tierschutz in den europäisch-bürgerlichen Gesellschaften mitunter als Vorwand gedient die menschlichen Folgen der Klassengesellschaft zu kaschieren: Wer gut zu Tieren ist, kann beim Menschen auf Sparflamme schalten. Die Kunstfelswüsten des Carl Hagenbeck sind nicht nur zoologisch nutzlos gewesen, sondern auch die perfekte Kulisse, um Menschen aus fremden Ländern als lebendige Schubladen für kolonial-europäische Stereotype zu missbrauchen: der historisch-ästhetische Ausgangspunkt für das Modell vom Öko-Zoo. Und kein anderer als die Nazis haben es besser verstanden Tierliebe und Menschenhass zur größten Synthese zu bringen.

Post-rousseausches Revoluzzertum hatte eigentlich spätestens seit Marx und Freud seine kulturpessimistischen Höhenflüge weitgehend hinter sich gelassen, da als bürgerliche Schaumschlägerei enttarnt. Kritische Wissenschaft in ihrer intellektuellsten Gestalt geht eben von Realitäten aus. Ohne Annahme einer Realität kann es keine kritische Wissenschaft geben: aber warum? Das ist ganz einfach. Es gibt zwei Richtungen von Gesellschaftskritik. Die eine Richtung will jede Diskussion vermeiden und setzt an die Stelle der Auseinandersetzung ein uns drohendes Dogma, wie den allmächtigen Vater, mittels dessen sich die Realität zurechtgebogen wird, z. T. ohne es zu merken, Freud zum Trotz. Die andere Richtung will methodologisch-inhaltlich vielfältige Analysen, also über die Plausibilität von Interpretationen diskutieren, welche sich auf die eine einzige Realität beziehen, die wir haben. Es gibt kein Auto, das gegen eine Wand fährt und gleichezeitig nicht gegen eine Wand fährt, genauso wenig wie einen Löwen mit niedrigem und gleichzeitig hohem Cortisol-Wert, außer man folgt dem Modell vom grünen Christen.

Dann ist alles relativ und trotzdem Ausdruck ein- und desselben Prinzips. Toleranz gibt es für jene, die mit dem Leben abgeschlossen haben, die sich erpressen lassen mit protestantischer Arbeitsethik und katholischem Schuldbewusstsein, seien es nun waschechte Christen oder jene, welche nicht merken, dass sie christlich-fundamentalistisch argumentieren. Und manchmal kommt sogar ein Papst um die Ecke und bricht eine Lanze für die Zirkusleute, während die alternative Boheme in ihrer Tristesse fast ersäuft.

Das Tierschutz-Argument ist für diese Klientel nur eine Waffe von vielen, genauso wie sie auch andere Personengruppen gegeneinander ausspielen.

Und wir müssten nicht einmal das Rad neu erfinden, um dem entgegenzuwirken. Doch bis dahin gilt, analog zur Tierrechtsproblematik in linken Kreisen, ein Ausspruch Herbert Wehners zu Karl Marx, damals an Franz Josef Strauß gerichtet:

"Wenn Sie das Wort Marxist hören, gehts Ihnen so, wie Goebbels damit operiert hat, nichts anderes, nich. Sie sind nämlich genauso dumm in dieser Frage, wie jener war, nur war er ganz jesuitisch raffiniert."

Geschrieben von:

Dennis Wilhelm

Erziehungswissenschaftler und Pädagoge aus Frankfurt am Main

www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

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