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21/04/2016 12:33 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Mehr Flüchtlinge, mehr Daten

Getty Images

Vor dem Eingang des Asam Community Center stehen Wachmänner in kugelsicheren Westen. Sie mustern uns kurz, winken uns durch den Metalldetektor, hinter dem weitere Wachmänner stehen.

Tugce Atak, Office Managerin hier in Gaziantep, schlängelt sich an ihnen vorbei und gibt uns zur Begrüßung die Hand: „Welcome, please, come." So viel Security? Wahrscheinlich, weil das Center mit der UN zusammenarbeitet, so besonders ausführlich mag Tugce Atak das Sicherheitsthema nicht diskutieren.

IS-Anhänger haben es zumindest nicht weit, Gaziantep liegt im Osten der Türkei, keine 30 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Vor kurzem hat einer von ihnen einem IS-kritischen syrischen Journalisten in Gaziantep auf offener Straße in den Kopf geschossen.

Schicksale in Daten fassen

Auf den Bänken in der Wartehalle des Community Centers sitzen etwa 30 Menschen, vor allem geflüchtete syrische Frauen (die meisten Männer und Kinder ab zehn bis zwölf Jahren arbeiten tagsüber). Was die Frauen brauchen? Informationen und Gesundheitsvorsorge. In Beratungsgesprächen erzählen ihnen die sechs Sozialarbeiter, wie sie die non-permanent resident Card beantragen, ihre Kinder in die Schule und Nahrungsmittelgutscheine bekommen können. Außerdem kümmern sich zwei Psychologen täglich um maximal acht traumatisierte Menschen.

Gerade weil es hier um menschliche Schicksale geht, müssen die Sozialarbeiter entsprechend differenziert die Daten der Betroffenen aufnehmen. Neben den biografischen Daten (Name, Alter, Geschlecht etc.) müssen die Helfer wissen, in welchem sozio-ökonomischen Zustand die oder der Betroffene ist, um wichtige Fragen beantworten zu können: Ist die Person berechtigt, einen eVoucher im Wert von umgerechnet 100 Euro pro Monat zu bekommen, um damit Nahrungsmittel und andere Dinge zu kaufen? Ist psychologische Betreuung nötig? Gibt es weitere Probleme?

Die Sozialarbeiter des Asam Community Centers ziehen mit Stift und Fragebogen von Haus zu Haus und befragen die syrischen Familien. „80 bis 90 Prozent der Geflüchteten hier brauchen einen eVoucher, um überleben zu können", sagt Tugce Atak. „1.500 der Plastikkarten, die wie Kreditkarten mit Guthaben funktionieren, haben wir hier bereits verteilt."

In der Türkei - wo fast drei Millionen syrische Flüchtlinge leben - seien insgesamt etwa 24.000 verteilt worden. (In Jordanien können Geflüchtete in UNHCR-Lagern mittlerweile sogar per Iris-Scan Lebensmittel beziehen - sein Auge kann man nicht so leicht verlieren oder auf dem Schwarzmarkt verkaufen wie seine Lebensmittelkarte.)

„Mittlerweile sind unsere Dateien so groß, dass es oft fünf Minuten dauert, bis der Rechner sie geöffnet hat."

Wenn die Sozialarbeiter von den Hausbesuchen an ihren Schreibtisch im Community Center zurückkehren, müssen sie die Daten der Bedarfsanalyse „nur noch" in den Computer eingeben: Sie tippen die handschriftlich ausgefüllten Fragebögen ab, übertragen sie in eine Excel-Tabelle.

„Mittlerweile sind unsere Dateien so groß, dass es oft fünf Minuten dauert, bis der Rechner sie geöffnet hat", berichtet Tugce Atak. Das klingt nicht gerade nach effizienter Verwaltungssoftware. „Stimmt, aber wir sind gerade dabei, ein Online-Tool zu entwickeln, über das wir die Arbeit der verschiedenen Center koordinieren können."

Wenige Tage später erfahren wir, dass es solch ein Tool schon gibt. Die NGO Support to Life, die wir in einem ihrer Community Center in Istanbul besuchen, nutzt beispielsweise die Software Sahana. Darüber könnten sich NGOs vernetzen und bezüglich ihrer Kompetenzen und Bedürfnisse austauschen, was besonders im Katastrophenfall sinnvoll wäre.

Warum soviel Konjunktiv? „Die wenigsten NGOs geben gerne Auskunft über ihre Arbeit - Konkurrenzdenken", erklärt Erdinc Kalintas, der neben seinem Studium vollzeit bei Support to Life arbeitet.

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Erdinc Kalintas von Support to Life mit Philipp Weidmann von Kiron

Hier die UN-unterstützte, große Association for Solidarity with Asylum Seekers and Migrants (Asam), die mit zu großen Excel-Dateien kämpft. Dort die vergleichsweise kleine NGO Support to Life, die mit Tablets zu den Flüchtlingen geht und die Bedürfnisanalysen digital mit der Fragebogen-Software Kobo durchführt. Wie kommt es zu dieser so unterschiedlichen Nutzung digitaler Tools?

Digitale Tools werden nur vereinzelt eingesetzt

Am Bedarf liegt es weniger: Die Monster-Excel-Dateien treiben die Leute bei Asam zum Wahnsinn. Doch mal eben eine neue Software einzuführen, kostet Zeit, besonders bei größeren und damit trägeren Organisationen. Außerdem muss es jemanden geben, der einen Sinn für Digitalisierung mitbringt, der eine entsprechende Geisteshaltung in der Organisation verbreitet.

Support to Life beispielsweise wurde 2005 von fünf Frauen gegründet, die zuvor als Not- und Sozialarbeiter in Pakistan gearbeitet haben. Ihr Ziel: Mehr Rechenschaft und Effizienz in der Nothilfe. „Bei uns haben alle im Team diesen Spirit", sagt Erdinc Kalintas. „Wir kippen nicht einfach Reis von einem Laster, wir gucken vorher, wer was braucht und helfen dann gezielt - auch wenn es so etwas länger dauert."

Dass Support to Life Tablets und spezielle Software einsetzt, mag den meist jungen Mitarbeitern normal vorkommen. Mit Blick auf viele andere Community Center ist der Grad der Digitalisierung hier jedoch vergleichsweise hoch. Ein treibender Faktor: Einer der Direktoren ist „IT-minded" und hält ständig Ausschau nach digitalem Optimierungspotential.

Auch für Spark, eine internationale 80-Mitarbeiter-NGO, die sich für Bildung unter anderem in Syrien einsetzt, sind digitale Tools eine Selbstverständlichkeit. Daphne Mulder, eine junge Frau aus Holland, spricht im Spark-Büro in Gaziantep über den digitalen Prozess, mit dem Spark Stipendiaten auswählt. 10.000 Leute bewerben sich im Schnitt auf 500 Stipendien.

„Weil nicht jeder die Möglichkeit hat, sich online zu bewerben, gehen wir mit Tablets zu den Menschen in ärmeren Gegenden. Und um die vielen Daten leichter verarbeiten zu können, sind selbst die Fragen zur Motivation Multiple Choice", sagt Daphne Mulder.

Digitalität hat nicht immer Priorität. Software macht weder satt noch gesund.

Dass manches Community Center das Potential digitaler Organisation noch nicht ausgeschöpft hat, ist verständlich. Träge Strukturen, Mindset und das Umrüsten auf neue Systeme wurden als Gründe schon genannt. Hinzu kommt, dass Digitalität nicht immer Priorität hat: Wichtiger ist zunächst, dass Menschen in Not ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und Zugang zu Gesundheitsversorgung haben - und das funktioniert mit Stift und Zettel eben auch.

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Marouf Babelli (links), CEO bei Namaa Solutions

Es mag also etwas länger dauern, aber alle Organisationen, die wir in der Türkei getroffen haben, sehen digitale Tools als große Chance. Besonders im Bildungsbereich ist die Dynamik groß:

  • Syrian Education Commission: Die in Istanbul ansässige Organisation oppositioneller Syrer startete die Online-Learning-Plattform elmedresa.org Mitte März 2015, auf der mehr und mehr Englisch-, Philosophie-, Chemie- und andere Videokurse angeboten werden.
  • Namaa Solutions: Die von einem aus Syrien geflohenen Informatik-Professor und einem seiner ehemaligen Studenten gegründete IT-Firma möchte den drei Millionen Syrern, die zur Zeit wegen des Krieges nicht zur Schule gehen können, mit 50-Dollar-Tablets helfen.

    Die Lerninhalte sind vorinstalliert und funktionieren auch offline, was besonders in ländlichen Gebieten wichtig ist. „Über e-learning lässt sich außerdem der politisch-ideologische Einfluss der Lehrer reduzieren. Der 'Mann da vorne' hat nicht mehr das Informations- und Meinungsmonopol", sagt Marouf Babelli, CEO bei Namaa Solutions.

  • Syrian Economic Forum: Die Organisation oppositioneller Syrer in Gaziantep fördert junge syrische Unternehmer mit einem Zweiwochen-Trainingsprogramm. Seit Anfang des Jahres werden die Lernmaterialien (Texte und Videos) digitalisiert und sukzessive online gestellt. „We want to reach more people", sagt Rami Sharrack, Excecutive Manager beim Syrian Economic Forum.
  • Paper Airplane: Dieses kleine Netzwerk Freiwilliger hilft seit Mitte 2014 syrischen Studenten per Skype beim Englischlernen, damit sie die TOEFL-Prüfung bestehen. 130 Freiwillige treffen sich wöchentlich auf eine Stunde mit 130 Studenten (Einzelunterricht). Paper Airplane ist dezentral organisiert (kein Budget, kein Büro), sucht nun aber wegen der wachsenden Nachfrage Finanzierung und festere Strukturen.

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Syrian Economic Forum

Unsere Forschung in der Türkei zeigt: Der Nutzen digitaler Tools ist auch in der Flüchtlingshilfe unverkennbar. Soziale Organisationen haben das Potential erkannt. Doch Tech-Enthusiasten müssen verstehen, dass Software weder satt noch gesund macht. Dass Hilfsorganisationen noch andere Dinge zu tun haben, als neue Programme zu lernen. Dass es aufwändig ist, neue Software einzuführen. Geduld - die meisten Organisationen haben ja schon damit angefangen, ihre Arbeit zu digitalisieren.

Hintergrund

Das betterplace lab beobachtet und analysiert seit Monaten die digitale Flüchtlingshilfe. Was in der Türkei und in Griechenland passiert, haben wir uns jetzt für unsere Forschungsreihe lab around the world angeschaut.

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