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25/06/2015 12:01 CEST | Aktualisiert 25/06/2016 07:12 CEST

Japan: Probleme lösen auf höchstem Niveau

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Japan ist mit seinen Weltkonzernen, modernem Gesundheitssystem und hohem Bildungsstandard eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Doch die alternde Gesellschaft und starre Strukturen sind Herausforderungen, mit denen die Gesellschaft langfristig zu kämpfen hat. Junge Leute mit digitalen Lösungen treiben den Aufbruch in eine Zeit des Sozialunternehmertums, der Start-ups und der Ideen von unten.

Japaner legen viel Wert auf Stabilität. Veränderung bedeutet Risiko, doch das gehen die meisten nur in den lärmenden Pachinko-Hallen ein, wenn sie dort kleine Kugeln in Geldspielautomaten werfen.

Eine Karriere im Großkonzern ist zwar noch immer für viele das große Lebensziel. Die wirtschaftliche Stagnation, die alternde Gesellschaft und Wachrüttel-Momente wie der Tsunami 2011 lassen aber immer mehr Menschen am Status quo zweifeln.

Chiaki Hayashi möchte den Status quo sogar „hacken", wie sie es nennt. Sie sitzt an einem Tisch im von ihr gegründeten FabCafe in Tokio, der 3D-Drucker brummt, daneben schneidet ein Lasercutter Schablonen aus einem Stück Holz. „Dies ist ein Ort des ewigen Experimentierens", sagt Chiaki, „hierher kommen die Leute mit ihren Ideen und probieren sie aus. Hier entstehen neue Möglichkeiten des Unternehmertums."

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Chiaki Hayashi hat nicht nur das FabCafé gegründet, sondern arbeitet auch noch in einer von ihr mitgegründeten Werbeagentur.

Und weil das nach Geldverdienen klingt, beteiligen sich auch immer mehr Großkonzerne daran.

Wie bei Hackathons finanzieren sie Makeathons, um die Perlen unter den vielen Ideen zu entdecken. Aber auch die Zivilgesellschaft profitiert davon.

So modernisierten Ikebana-Lehrer auf einem Makethon im FabCafe die über 1000 Jahre alte Tradition des Blumenbindens, indem sie 3D-Drucke aus neuen Materialien in neuen Formen integrierten. „So bleibt die Tradition interessant und lebendig und versauert nicht im Museum", sagt Chiaki.

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Ein mit dem Laser-Cutter hergestellter Dodekaeder, ein zwölfseitiger Würfel und in diesem Fall Jahreskalender, sowie weitere ausgedruckte Dinge.

Etwas nicht nur weiterentwickelt, sondern neu erfunden hat Junto Ohki: Das erste „Wörterbuch" für Gehörlose. Junto lernte aus reinem Interesse Gebärdensprache und kam über Dolmetscher-Jobs in die Szene.

Ihm fiel auf: Für Eigennamen wie „Starbucks" gibt es keine einheitliche Geste. „Die Firmen zeigen ja nicht, wie sie in Gebärdensprache heißen, sie geben keinen Standard vor", schildert der 27-jährige Junto das Problem.

Seine Lösung: SLinto. So heißt das weltweit erste Verzeichnis der Gesten der Gebärdensprachler. Die Plattform funktioniert nach dem Wikipedia-Prinzip und ist offen für jeden. Und weil sich Gesten nur umständlich beschreiben lassen, filmen sich die Leute, etwa mit einem Vorschlag für die Geste „Starbucks".

Andere kommentieren die Idee oder laden eine eigene hoch. Die Gemeinschaft bewertet die Ideen, so daß sich schließlich ganz demokratisch jene Gesten durchsetzen, welche die meisten Befürworter haben.

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Junto Ohki im Dean & Deluca Café in Tokio. Wie stellt man Dean & Deluca am besten in Gebärdensprache dar?

Sozialunternehmer wie Junto - er verdient mit einem Skype-Gebärdensprachen-Übersetzungs-Service Geld - gibt es immer mehr. Deshalb hat Haruo Miyagi auch so viel zu tun. Der Gründer von ETIC, dem Entrepreneurial Training for Innovative Communities, erzählt, dass damals, 1993, kaum jemand Sozialunternehmer werden wollte.

Also gründete er ETIC und baute es zu einem landesweiten Netzwerk aus Regierungsinstitutionen, Unternehmen, Universitäten und sozialen Organisationen aus.

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Haruo Miyagi vernetzt mit seinem ETIC halb Japan, um Sozialunternehmertum zu fördern.

„Nach dem Erdbeben haben sich viele gefragt: Wofür will ich leben?", erklärt Miyagi den Sinneswandel. Die Katastrophe zeigte den technikoptimistischen Japanern, dass sich die Natur nur begrenzt kontrollieren lässt. „Viele 20- bis 30-Jährigen wollen nun nicht wie ihre Eltern lebenlang in einer großen Firma arbeiten. Sie haben viel Geld und Zeit und können machen, was sie wollen", sagt Miyagi. „Und mit digitaler Technik ist es wegen der geringen Kosten sehr einfach, ein Social Business zu gründen."

Dass Sozialunternehmen die besseren NGOs sind, glaubt Miyagi aber nicht. Wegen des Kostendrucks sei die Qualität der Produkte und Dienstleistungen bei Sozialunternehmen oft besser. Aber ohne NGOs geht es nicht. Ob Armenspeisungen, Obdachlosenhilfe oder Vorlese-Engagement im Altenheim: Es gibt viele soziale Taten, mit denen sich kein Geld verdienen lässt.

Menschen zu sagen, wann sie voraussichtlich auf Toilette müssen, lässt sich aber schon monetarisieren. Davon ist D Free Gründer Atsushi Nakanishi überzeugt.

Er möchte den Markt der Inkontinenten mit einem streichholzschachtel-großen Ultraschallgerät erobern. Um den Bauch geschnallt misst D Free den Pegelstand in der Blase, und für den Darm schickt es Mitteilungen wie „In ten minutes your food reaches the end" auf das Handy.

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Atsushi Nakanishi buhlte mit seinem Pegestandsmesser für die menschliche Blase auf der Slush Konferenz in Tokio um das Geld der Investoren.

13 Millionen Menschen in Japan haben eine schwache Blase. Viele von ihnen müssen Windeln tragen, denn besonders unterwegs, wenn die nächste Toilette nicht im Nebenzimmer ist, schaffen sie es nicht rechtzeitig dorthin. Atsushi möchte sie von den lästigen diapers (Windeln) befreien, deshalb der Name D Free.

Das Harn- und Stuhldrang-Warnsystem soll mehr als nur ein Pegelstandsmesser sein.

Den „Output" der Menschen nutzt das Gerät als Input für Algorithmen, um Zusammenhänge aus dem Big-Urin-Data zu fischen.

Weil auch andere Körperfunktionen mit Ultraschall gemessen werden können, träumt Atsushi von einer Ultraschall-Daten-Plattform, auf der man als einzelner Nutzer seinen Gesundheitszustand checken kann; auf der Forscher und Ärzte aber auch neue Erkenntnisse zum Verlauf und zur Vorhersage von Krankheiten in der Gesellschaft finden können.

2018, nach Kooperationen mit Krankenhäusern und Pflegeheimen, will Atsushi sein D Free zu einem Preis von rund 40 Euro auf den Markt bringen.

Kostenlos ist hingegen die App Ishinomaki Tsunami AR. Digitale Möglichkeiten werden hier optimal eingesetzt, um den Betrachter emotional aufzurütteln.

Ishinomaki war 2013 die am schwersten vom Tsunami betroffene Gemeinde, die über sieben Meter hohe Welle tötete hier knapp 3000 Menschen und zerstörte 28.000 Gebäude völlig. Sandsäcke, verbogene Vordächer und freie Flächen, auf denen einst Häuser standen, erinnern den Besucher an die Katastrophe.

Doch die App schafft es tatsächlich, das direkte physische Erlebnis zu verstärken. Per Augmented Reality geht man mit seiner Handy-Kamera durch die Stadt und auf dem Bildschirm ist die damals aktuelle Höhe der Flut eingezeichnet. Steht man zum Beispiel vor der Monroe Bar auf dem neu gemachten Pflaster der Straße, denkt man: Hier wäre ich ertrunken, der Tsunami Level Indicator zeigt 2,2 Meter an.

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Heute wieder hergerichtet wäre man vor der Monroe Bar in Ishinomaki 2011 beim Tsunami ertrunken, wie die Ishinomaki Tsunami ARApp eindrücklich zeigt.

Und beim Manga-Museum, das eine Art Wahrzeichen der kleinen Stadt ist (150.000 Einwohner), kann man vom aktuellen Bild der Handykamera auf Fotos von damals überblenden - vom frisch gemähten Rasen auf das brutale Chaos von damals.

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Sauber wie alles in Japan: Der Eingangsbereich des Manga-Museums in Ishinomaki...

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..doch die App zeigt die Zerstörung genau hier kurz nach dem Tsunami. Mit dem Regler unten lassen sich das aktuelle Bild des Jetzt und die Archivaufnahme ineinander überblenden.

Die Beispiele zeigen, dass Japan sich Innovationen von unten öffnet.

Nicht nur ist das Sozialunternehmertum ein Konzept, dass auch immer mehr gut ausgebildete junge Menschen reizt. (Viele Japaner sagen, dass das Erdbeben und der Tsunami als Art „Erweckungserlebnis" wesentlich dazu beigetragen haben).

Auch die Regierung gibt Verantwortung ab - muss sie wegen sinkender Steuereinnahmen auch - und fördert Innovationen in der Zivilgesellschaft. So präsentiert das Wirtschaftsministerium auf einer seiner Webseiten die seiner Meinung nach 55 besten Sozialunternehmen.

Die Themen hierbei: Engagement in der Gemeinde und Nachbarschaft (das hat eine lange Tradition in Japan), Kindererziehung und Altenpflege, Umwelt- und Arbeitsschutz und Förderung des Unternehmertums. Das zeigt, dass der Staat sich nicht mehr um alles kümmern kann und will.

Die Dynamik im Bereich der digital-sozialen Innovationen in Japan ist also vor allem in den Zwängen begründet, die wirtschaftliche Sättigung und alternde Gesellschaft mit sich bringen. Und der Tsunami hat viele wachgerüttelt. Doch ungewiss ist, ob auch genug Menschen wach bleiben.


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