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21/04/2016 12:25 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Digitale Tools in der Flüchtlingskrise der Türkei

Sean Gallup via Getty Images

Zwölf Frauen aus Syrien sitzen im Klassenraum des Red Crescent Community Centers in Istanbul und tippen auf ihren Smartphones herum. Es ist Pause im Türkischunterricht. Ein paar Kinder hängen gelangweilt kopfüber auf ihren Stühlen oder zupfen ihrer Mutter an der Jacke.

Smartphones haben viele der Syrer, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Geschätzt - viele sind noch nicht registriert - leben fast drei Millionen von ihnen in der Türkei, mehr als 300.000 in Istanbul, viele bereits seit einigen Jahren. Genaue Zahlen zur Smartphone-Quote gibt es nicht, aber jeder hier sagt, dass mindestens die Hälfte der Syrer ein Smartphone besitzt - vor allem die jüngeren.

Etwa 10 Euro muss man in der Türkei fürs Telefonieren und zwei Gigabyte Datenvolumen monatlich ausgeben. Das ist auch für jene Syrer, die sich hier mit Billig-Lohn-Jobs durchschlagen (um die 300 Euro Monatsgehalt), machbar.

Was sie mit ihren Samsung-Android-Geräten machen? "Whatsaaaaaapp!" rufen die Frauen im Klassenraum. "And facebook!". Und sonst so? Andere Apps oder Webseiten? Stille.

Mit Freunden in Kontakt bleiben

"Über Whatsapp bleiben wir mit Freunden und Verwandten in Kontakt. Auch auf facebook kriegen wir alles Nötige mit."

Dort gibt es unzählige Gruppen, in denen sich die Leute mit speziellen Themen austauschen. Eine der größeren ist die "Union of Syrians Abroad" mit rund 14.000 Fans. Und dann ist da noch Youtube. Und manchmal auch Viber oder Telegram als Alternative zu Whatsapp.

Wie wäre es mit einer Sprachlern-App? Die türkische Sprache ist doch Herausforderung Nummer eins für Syrer mit ihren arabischen Schriftzeichen. Duolingo zum Beispiel? "Ja, kenne ich, aber ich nutze eher google translate", sagt eine der Frauen.

Namen nennen wir hier übrigens nicht, um kein Risiko für Verwandte und Freunde der Geflüchteten einzugehen, die noch in Syrien leben. Und während es deshalb auch keine Fotos von unseren Protagonisten zu sehen gibt, fotografieren diese fleißig selber mit ihren Handys.

Und zwar nicht nur Selfies, sondern viel wichtiger: Sie haben in Syrien Diplom-, Geburts- oder Heiratsurkunden fotografiert. Weil diese wichtigen Dokumente im Krieg oder auf der Flucht oft verloren gehen, können die Leute zumindest eine Art Farbkopie vorzeigen. Viele der Geflüchteten, die wir treffen, haben ihr Handy für solche Sicherheitskopien genutzt.

Und die Behörden sind froh, überhaupt eine Grundlage für die Registrierung der Geflüchteten zu haben. Ein syrischer Englisch-Lehrer, den wir treffen, erzählt: "Um die Fotos zu validieren, fragen wir Details ab: Du warst zum BWL-Studium an der Uni in Damaskus? Wie hieß denn dein Professor?". Serhan Alemdar, Program Advisor beim Merci Corp in Gaziantep, bestätigt: "Wir akzeptieren Fotos von Heirats- und anderen Urkunden".

Im Minibus gen Norden

Und wie wichtig ist das Handy während der Flucht? Welche Apps und Webseiten sind besonders hilfreich? Richtig: Facebook und Whatsapp. Muhammad Al Shammary, unser Übersetzer, wohnt seit über einem Jahr in Gaziantep, kann sich an seine Flucht aber noch gut erinnern: "Als es in meiner Heimatstadt Deir ez-Zor zu gefährlich wurde, bin ich mit meiner Familie in einen Minibus gen Norden gestiegen.

Das letzte Stück zur türkischen Grenze sind wir mit dem Taxi gefahren, und kaum ausgestiegen empfingen uns Leute mit der Frage: "You need smuggler?" Und so bin ich mit meiner Frau und den Kindern nachts rüber.

In Gaziantep habe ich mir einen Job und uns Apartment gesucht, und einige Wochen später klopften Mitarbeiter der städtischen Behörden bei uns an. Sie waren sehr freundlich und haben uns die Temporary Protection Status Card ausgestellt."

Zumindest Muhammad brauchte auf seiner Flucht nicht einmal google maps. Aber um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben und das Leben sonst zu organisieren, war das Handy unersetzlich - um zu telefonieren, für whatsapp und facebook.

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Ayberk Celikel, Projektleiter des Red Crescent Community Center Istanbul

Im Red Crescent Community Center Istanbul sitzt ein Stockwerk über den zwölf Frauen aus Syrien Ayberk Celikel - noch mit Anzug und Krawatte - in seinem Büro und berichtet von seiner Arbeit mit den Geflüchteten.

Vor gut einem halben Jahr wurde das Center eröffnet und hat seitdem rund 2500 Menschen versorgt - vor allem Frauen und vier bis 13-jährige Kinder, die im Spielzimmer unter anderem mit hellblauen UNHCR-Matchbox-Autos spielen können. "Die Sprache ist das größte Problem", sagt der Projekt-Manager.

Weil das Community Center außerhalb vom Zentrum im Stadtteil Sultanbeyli liegt, sei der Transport ein weiteres: Den weiten Weg zum Center schreckt einige ab, und ein Shuttle-Service würde das Budget des Centers sprengen.

Warum also nicht e-Learning anbieten? Oder zumindest vermitteln? Lernvideos und andere Inhalte gibt es schon zu Hauf, man könnte in einer Art flipped Classroom den Menschen zu Hause online Inhalte vermitteln und sie nur vereinzelt zu Präsenz-Phasen ins Center einladen.

Nicht genug Geld für Computer-Kurse

"Gute Idee!", sagt Celikel und freut sich, dass wir ihn inspiriert haben. "Unten gibt es ja auch einen Computer-Raum mit 22 Rechnern, aber der liegt ungenutzt brach. Für Computer-Kurse fehlt es an entsprechenden Lehrern".

Als eine Art Internet-Cafe wird das Potential auch nicht genutzt: Die Kinder würden nur den ganzen Tag spielen, und ein wenig Kontrolle über das, was die Leute im Internet machen, sei schon wünschenswert. Dann zieht Celikel sein Jackett aus und eine rote Red-Crescent-Weste an: "Draußen nur in rot", sagt er und verabschiedet sich.

Wir haben während unserer einwöchigen Recherche in Istanbul und Gaziantep drei Mal mit Gruppen von Geflüchteten gesprochen. Vor allem mit Frauen, da die Männer und auch viele der Kinder ab etwa zehn Jahren tagsüber arbeiten müssen.

Fast alle, mit denen wir sprachen, hatten ihr Smartphone ständig in der Hand und hätten es auch nicht hergegeben - zu wichtig sind die Geräte im Alltag. Der Nutzen ist klar: Zugang zu relevanten Informationen.

Doch dafür braucht es keine speziellen Apps oder Services. Wer diese Menschen erreichen möchte, wer sie über wichtige Dinge wie Arbeitserlaubnis, medizinische Versorgung oder Zugang zu Schulen und Universitäten auf dem Laufenden halten möchte, der sollte eine entsprechende Seite auf facebook einrichten - und zwar auf arabisch.

Hintergrund

Das betterplace lab beobachtet und analysiert seit Monaten die digitale Flüchtlingshilfe. Was in der Türkei und in Griechenland passiert, haben wir uns jetzt für unsere Forschungsreihe lab around the world angeschaut.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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