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02/12/2015 03:13 CET | Aktualisiert 02/12/2016 06:12 CET

Ungeschützter Sex mit HIV? Toll!

Thinkstock

Früher stand die Deutsche Aidshilfe konsequent für Sex mit Kondom, jetzt hat sie die Richtung komplett gewechselt. „Wir machen's ohne" heißt die neue Devise. Wer sind die Gewinner dieser radikalen Wende in der Gesundheitspolitik?

Angefangen hatte alles Mitte November mit einem ganz normalen Facebookpost eines jungen, sympathisch wirkenden Mannes, der als Homo-Aktivist in Schulen junge Menschen über Schwulsein aufklärt. Er gab in dem Post bekannt:

„Ich habe HIV und würde es wieder tun! Ich habe regelmäßig Sex ohne Kondom." Auch dass er es gar nicht nötig findet, seinen Partner vor dem ungeschützten Sexualverkehr über seinen positiven HIV-Status aufzuklären, teilte er auf seinem Facebookprofil mit. Begründung: „Schutz durch Therapie macht es möglich. Menschen mit HIV sind nicht kriminell!"

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Facebookpost zu Safer Sex beschäftigt Landtag NRW


Der Post machte schnell die Runde und führte im Landtag von Nordrhein Westfalen zu einer „kleinen Anfrage", veranlasst durch einige FDP-Politiker (Ulrich Alda und Susanne Schneider), die sich Sorgen um eine vernünftige Prävention in der Schule machten.

Hinzu kommt, dass die Organisation „SchLAu", für die der junge Mann an führender Stelle damals tätig war und die Schwulen und Lesben bei Schülern ein Gesicht geben will, auch durch öffentliche Gelder subventioniert wird.

Drei Tage nach Veröffentlichung seines Bekenntnisses zu ungeschütztem Sex trat der junge Mann dann von seinem Amt bei SchLAu zurück: „Es tut mir leid, dass ich missverstanden wurde. Dennoch stehe ich zu meinen Aussagen, die durch die Deutsche AIDS-Hilfe und Aidshilfe NRW als inhaltlich richtig bestätigt wurden. Um Schaden von SchLAu NRW abzuwenden, trete ich hiermit als Sprecher zurück."

Dass das letzte Wort in der Sache damit nicht gesprochen war, zeigten die Reaktionen seiner Fans. Der Grünenpolitiker und NRW-Landtagsabgeordnete Arndt Glocke etwa ließ den jungen Mann wissen:

„Ich finde den Schritt bedauerlich, deshalb klicke ich hier auch nicht auf "Gefällt mir". Er schützt die Organisation SchLAu NRW vor weiteren Angriffen, deshalb ist es honorig zurückzutreten. Die Kollegen Alda und Schneider waren mir schon mehrfach vor dieser Aktion durch politischen Dummquatsch im Haus aufgefallen. Sie bestätigen damit alle meine (Vor-) Urteile Ihnen gegenüber."

Wenige Tage später bildete sich auf der Basis des Vorfalls eine eigene Facebookgruppe von Homo-Aktivisten, die offen dazu stehen, dass sie Sex ohne Kondom haben. „Wir machen's ohne" nennt sich die Gruppe passenderweise.

Aidshilfe einverstanden mit Kondomverachtern


Nun wäre die Gründung einer solchen Gruppe, die derzeit gerade mal rund 400 Likes ihr eigen nennt, nichts außergewöhnliches, hätte sie - passend zum Welt-Aidstag nicht die höheren Weihen einer wichtigen Institution bekommen: Die „Deutsche Aidshilfe", immerhin Dachverband von über 100 bundesdeutschen Aidshilfen, erklärte sich mit den Zielen der risikobereiten Gruppe voll einverstanden.

Am 30.11. gab sie in einer Pressemitteilung bekannt: „Seit heute morgen erklären Menschen mit HIV auf einer Facebook-Seite: „Wir machen's ohne - Safer Sex durch HIV-Therapie". Am Vortag des Welt-Aids-Tages machen sie öffentlich, dass sie auf Kondome verzichten ... Die Deutsche AIDS-Hilfe begrüßt diese Selbsthilfe-Offensive.

Dazu erklärt DAH-Vorstand Manuel Izdebski: „Die meisten Menschen wissen noch nicht, dass eine gut wirksame HIV-Therapie auch die Übertragung des Virus verhindert. Menschen mit und ohne HIV nutzen diese Schutzmöglichkeit bereits seit Jahren erfolgreich. Diese Aktion wird die Schutzwirkung der HIV-Therapie bekannter machen. Dieses Wissen wird auch Ängste vor Menschen mit HIV reduzieren und damit Ausgrenzung entgegenwirken."

Ansteckungsrisiko besteht weiterhin


Was die DAH und die Anti-Kondomaktivisten allerdings verschweigen: die Pharmaindustrie, die die HIV-Medikamente herstellt, warnt ausdrücklich vor dieser Strategie. In allen Beipackzetteln zu den Medikamenten heißt es so oder ähnlich: „Auch während der Einnahme dieses Medikamentes können sie HIV auf andere Menschen übertragen ..." Sollte es also tatsächlich zu Ansteckungen kommen, sind die Hersteller fein raus.

Früher war die DAH dadurch bekannt, dass sie für den Kondomgebrauch ohne Wenn und Aber wirbt. Ja man warf zum Beispiel Papst Benedikt XVI vor ein Mörder zu sein, weil er den Gebrauch von Kondomen ablehnte

Nun scheint man vor allem bemüht, der HIV-Infektion und den medikamentösen Therapien ihren Schrecken zu nehmen. HIV-positiv zu sein, Medikamente zu nehmen und ungeschützten Sex zu haben, scheinen immer mehr die Elemente zu sein, aus denen die Deutsche Aidshilfe das Paket schnürt, das zum festen Bestandteil schwulen Lifestyles gehört.

Cui bono? Wem nützte das Ganze, fragt sich der Kritiker immer wieder. Eines ist klar: Weder schwulen Männern noch unserem Gesundheitssystem. Die Zahlen der HIV-Neuinfektionen gehen dadurch natürlich nicht zurück.

Durch den sorglosen Umgang mit der Sexualität verzeichnet man jedoch einen explosiven Anstieg anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen in der schwulen Sexszene. In Berlin geht das soweit, dass sich derzeit resistente Gonorrhoe-Bakterien (Tripper) gebildet haben, die immer schwieriger zu behandeln sind.

Der Gewinner: die Pharmaindustrie


Sieht man einmal von dem Verdacht ab, die Deutsche Aidshilfe würde so dafür sorgen, dass sie aufgrund einer anhaltend hohen Zahl von Neuinfektionen weiterhin stark subventioniert wird, gibt es in jedem Fall einen ganz großen Gewinner: es sind die Hersteller von HIV-Medikamenten.

Sie haben durch ihre klare Erklärung in den Beipackzetteln keinerlei Risiko, aber maximalen Gewinn - ermöglicht auch dank der Glorifizierung der Medikamente durch einen Verein, der vielen Schwulen noch immer als besonders glaubwürdig gilt.

Und ganz erstaunlicherweise hat sich ein Pharmariese auch schon - sozusagen indirekt und nur für Insider wirklich erkenntlich - auf der Facebookseite der innovativen Kondomverachter zu Wort gemeldet. Die Facebookeite war noch keine drei Tage online, als ein Fan der Gruppe folgenden Eintrag publizierte:

„Der beste Tag meines Lebens"


„Der Tag an dem ich begriff dass ich nicht mehr ansteckend bin, war einer der besten Tage in meinem Leben. Ich wünschte alle Menschen würden begreifen, dass die Teilnahme am Straßenverkehr viel gefährlicher ist als ungeschützter Sex mit einem Menschen mit HIV unter der Nachweisgrenze."

HIV- Medikamente und ungeschützter Sex sorgen also für den besten Tag im Leben eines schwulen Mannes? Klingt fast so, dass man sich als HIV-Negativer schleunigst nach einem Virenspender und dann der nächsten Apotheke umschauen sollte.

Forscht man etwas genauer nach, erkennt man, dass der Autor dieses überschwänglichen Kommentars laut Facebookeintrag „Senior Patient Relator" bei dem Pharma-Riesen AbbVie Deutschland ist, zuvor in einer ähnlichen Eigenschaft bei Abbot Careers tätig war.

Eines der Spezialgebiete von AbbVie ist die Entwicklung von HIV-Medikamenten, ähnlich wie bei Abbot. Dass der Mann, der den besten Tag in seinem Leben so freimütig schildert, vor seinem Umstieg in die Pharmaindustrie bei der Münchner Aidshilfe sein Brot verdiente und die Connections in diese Bereiche immer noch florieren, ist natürlich reiner Zufall. Auch hat er diese Aussage sicher rein privat getätigt und sie hat mit seinem Arbeitgeber gar nichts zu tun. Sapienti sat!*

* Lateinisch: Für den Klugen, ist genug gesagt.

So schlimm wie HIV vor 40 Jahre: An dieser Krankheit können bis 2050 75 Millionen Menschen sterben

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