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22/10/2015 05:45 CEST | Aktualisiert 22/10/2016 07:12 CEST

Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein!

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Der folgende Beitrag ist sehr persönlich. Er spricht zunächst nur über mich und meine Erfahrungen. In zahlreichen Gesprächen konnte ich aber die Erfahrung machen, dass es viele Männer meiner Generation ähnlich „ticken".

1968 ist nicht nur mein Geburtsjahr, sondern auch jenes Jahr, das die Mentalität meiner Eltern ganz gut kennzeichnet. Sie zählten sich ganz bewusst zur Generation 68, die den Muff von tausend Jahren unter den Talaren wegfegen und neue gesellschaftliche Wege beschreiten wollte.

Zwischen meinen Eltern gab es viel Streit, aber ich kann mich nicht wirklich erinnern, dass es jemals eine Auseinandersetzung gab, die sich indirekt oder direkt um die Geschlechterrollen drehte.

Meine Kindheit war geprägt von Menschen, von den Großeltern bis zu den Geschwistern, die durchgehend zufrieden waren, mit ihrem Mann- und Frausein - ohne auf dieser Basis irgendwelche Machtstrukturen oder Hierarchien aufzubauen.

Wahrscheinlich hat sich auch das auf mich übertragen: selbst noch in Zeiten von Frauenquoten und einer sträflichen Vernachlässigung der Bildung von männlichen Kindern und Jugendlichen, habe ich mich immer in meiner Haut als Mann wohlgefühlt - aber es war ein Gefühl der Dankbarkeit, nicht irgendeiner bornierten Überlegenheit.

„Mein Schwulsein hat mein Männlichsein nie irritiert"

Auch als ich im Laufe der Pubertät mein Schwulsein entdeckte, löste dies kein Nachdenken über mein Mannsein aus. Schwulsein fand ich toll und gleichzeitig war mir bewusst, dass ich schwul nur als Junge bzw. Mann sein konnte.

Und die klassischen Männlichkeitsattribute zogen mich an: Tiefe Stimme, ein athletischer oder muskulöser Körper, die spannungsreiche durch den gegenüber den Frauen höheren Testosteronspiegel verursachte Mischung aus cooler Fairness, praktischem Denken auf der einen und einer sanften, Vorwärts drängenden Aggressivität auf der anderen Seite.

Von daher war ich auch reichlich erstaunt, als ich viele Jahre später entdeckte, dass sich in der schwulen Szene Männer als Frauen verkleideten, sich Frauennamen gaben usw. Nicht dass es mich störte , irritierte oder heimliche Gelüste weckte -, ich fand es nur lustig, verstand aber nicht wirklich, wie man - sieht man von inzwischen kaum noch existierenden heteronormativen Vorurteilen ab - darauf gekommen war bzw. wo der Reiz des Femininen für den schwulen Mann lag.

Gleichzeitig verstand ich aber auch nicht den Hass anderer schwuler Männer auf die Tunten, weil es irgendwie immer so ein bisschen den Verdacht nahe legte, dass sich diese Männer ihres eigenen Mannseins auch nicht so richtig sicher waren.

Queere Genderideologien sind der Tod für das Schwulsein

Das alles ging viele Jahre gut. Bis die durch den Feminismus ausgelöste allgemeine „Krise des Männlichen" auch die schwule Welt erreichte. Auf einmal war man politisch unkorrekt, wenn man sich als „ganz normalen Mann verstand", der Sex mit anderen Männern suchte.

Homo-Aktivisten wurden breitflächig zu Gender-Anhängern, nannten sich - nach dem amerikanischen Vorbild der Gender-Ideologin Judith Buttler - nicht mehr schwul, sondern waren auf einmal alle queer.

Sein biologisches Mannsein musste ein gutes Queer nun immer wieder erneut hyperkritisch in Frage stellen. Verkleidung als Frau galt nun nicht mehr als lustiger Jux, den auch Heterosexuelle von Zeit zu Zeit lustig fanden, sie gehörte auf einmal zum guten Ton und es gab nichts Innovativeres als Schwule, die sich auf Partys, aber auch auf Galas und Politikerempfängen als Frauen verkleideten.

Die „Tunte" wurde zum politischen Idealbild des schwulen Mannes. Wer nicht mitmachte, galt als „straight-acting", was ihm zwar massenhaft Sexanfragen einbrachte, aber eben politisch nicht mehr korrekt war.

"Deutsch-Aids-Hilfe"

Seinen Höhepunkt erreichte die ganze Sache, als die „Deutsche Aids-Hilfe", eigentlich für Prävention und Unterstützung von Kranken zuständig, zum Richter darüber machte, welches Männerbild in der queeren Community richtig und welches falsch ist.

Ein zu männlicher Mann, der sich in seiner Haut ganz wohl fühlte, bekam sofort die Prädikate „Rechtspopulist" und „misogyn" umgehängt. Vereinfacht gesagt: Besser als das Männliche ist auf jeden Fall das Weibliche, noch besser allerdings das Unbestimmte, Geschlechtslose. Ephebenhafte Zwischenwesen wurden auf einmal zu den eigentlichen Helden, die eine bessere, weil von Testosteron freie Welt schaffen sollten.

Was vielen noch nicht klar ist: Mit dem soziologischen Mann- und Frausein stirbt auch die Homosexualität aus. Schwulsein wird unmöglich. „Gay" verschwindet zugunsten von „queer". Ein Paradigmenwechsel, der vielen Schwulen, die queer einfach als anderes Wort für „schwul" und „lesbisch" verstehen, überhaupt nicht klar ist.

Da ich selbst viele Jahre die Homo-Szene beobachtet, einige Jahre mich auch als Aktivist engagiert habe, muss ich am Ende sagen: Dafür habe ich und habt Ihr nicht gekämpft! Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein, die andere Männer begehren, lieben und Sex mit ihnen haben!

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