BLOG
18/09/2015 08:02 CEST | Aktualisiert 18/09/2016 07:12 CEST

„Mir geht es um Tabubruch"

2015-09-18-1442562325-6606274-SanteriaVorschaubild.jpg

Ein Mann revolutioniert derzeit den Mainstream-Porno in Deutschland und verschiebt ihn in Richtung Sadomasochismus. Deswegen nennen ihn viele nur „Hatefucker". Ich habe Rafael Santeria und seine lesbische Dehpartnerin Aurelia Rauf getroffen, um zu sehen, wie die beiden wirklich drauf sind.

Schon der Blick in das Facebookprofil von Rafael Santeria dürfte jenen, die auf harte Kerle stehen, Neugier auf mehr bereiten: Tattoos vom großen Zeh bis zum Scheitel, im Vorschaubild satanistische Fantasiewelten und Werbung für nicht jugendfreie Musikvideos.

Und der Beobachter liegt mit der Einschätzung, die sich daraus ergibt, erst mal völlig richtig. Rafael Santeria, Jahrgang 1988 und bis vor einigen Jahren noch in der Antifa-Szene unterwegs, lebt seit einigen Monaten ohne Wohnung in Berlin. Das Ziel: „Arbeitsfrei leben, Ungebundenheit, Lebensgenuss, Zeit für die eigenen Leidenschaften."

Eigene Leidenschaften, das ist das Stehen vor der Kamera. Nicht in den Horrostreifen, die er auf facebook als seine Lieblingsfilme präsentiert, sondern in Pornos. Natürlich nicht irgendwelchen Pornos. Nein, er hat sozusagen für den deutschen Markt des straight porn (heterosexuelle Pornoproduktion) ein ganz neues Untergenre begründet: den Hatefuck-Film. Und Rafael, das ist der Hatefucker.

Vorbei die Zeiten, als Dad-Bods mit jungen blonden Frauen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr vor der Kamera hatten, der vom sexuellen Alltagsleben vieler deutschen Paare nur wenig unterschieden war. Nun geht es richtig hart zur Sache, unterwirft sich Rafael die Frauen mit Aggression und eindeutiger Dominanz und das von Anfang an klare Machtspiel zieht sich durch den ganzen Porno hin.

Politisch korrekte Pornos? Will keiner sehen!

Dass es dabei politlisch völlig unkorrekt zu geht, wird keinen wundern. Auf meinen Hinweis, dass es sowohl im heterosexuellen wie schwulen Bereich immer wieder häufige vom Feminismus und Gendertheoretikern motivierte Diskussionen darüber gibt, dass ein Porno politisch korrekt sein muss - vom Kondomgebrauch bis hin zu Rollenmustern und Aggressivität - zuckt er nur lässig die Schultern:

2015-09-18-1442562387-2941314-SanteriaKaputze.jpg

„Wer möchte überwiegend konsensual wirkende Facefuck-Szenen sehen? Niemand? Danke! Ich bin der Meinung, zeitgemäße Pornographie muss sich mindestens an den Maßstäben halbwegs erträglicher Musikvideos und bestenfalls am technischen Niveau professioneller Non-Adult-Filme orientieren: Bevor das nicht gewährleistet ist, lassen sich weder ich noch die alten Männer, die politisch unkorrekte Pornos bevorzugen, all zu sehr in die inhaltliche Gestaltung reinreden!"

Dass er im Porno gerne auf solche Korrektheit verzichtet, zeigt sich besonders anschaulich an einer seiner Dreh-Partnerinnen, Aurelia Rauf, die er zu unserem Treffen mitgebracht hat. Die ist nämlich eigentlich lesbisch, wollte Sex mit Männern nur mal ausprobieren und lernte im Swingerclub dann einen Pornoproduzenten kennen, der sie mit Rafael zusammenbrachte. Ob das Machtgefälle denn besonders groß sei, wenn er eine Lesbe dominiere, will ich wissen. Nein, ganz im Gegenteil, sei ihm hier das Dominieren irgendwie auch unangenehm. Sie habe ja als Lesbe sowieso schon „gegenüber männlicher Sexualität kapituliert".

„Starkes Problem mit sehr maskulinen Lesben"

Aurelia sieht das ähnlich. Gefragt, ob der Sex mit einem Mann und dazu noch in diesem Stil, nicht ein Verrat an den Idealen der stark vom Feminismus geprägten Lesbenbewegung sei, antwortet sie:

„Zu den lesbischen Schwestern muss ich sagen, dass ich mich aus der Homo-Szene soweit fernhalte, wie es nur geht. Ich bin definitiv keine Klischee-Lesbe." Da verwundert es dann auch nicht, dass sie „ein starkes Problem mit maskulinen Lesben" hat, „sofort ein abstoßendes Gefühl" entwickelt, wenn sie ihnen begegnet: „Ich bin der toleranteste Mensch überhaupt, aber was das betrifft, bin ich leider, wieso auch immer, extrem intolerant."

Wenn Kuschelsex zum Tabu wird ...

Je länger wir reden, zeigen sich beiden dann doch viel harmloser als ihr Ruf. Schon als ich Aurelia frage, wieso sie sich gerade einen „machohaften Hatefucker" als Porno-Partner ausgesucht hat, stellt sie klar: „Rafael ist alles, aber kein machohafter Hatefucker. Ich würde nur mit Menschen solche Filme produzieren, mit denen ich das habe, was ich mit Rafael habe. Wir verstehen uns wahnsinnig gut und ich muss sagen, ich war mit einem Mann nie so auf einer Wellenlänge, wie mit ihm."

2015-09-18-1442562445-1345693-SanteriaAurelia.jpg

Und auch als ich Rafael nach dem Grad seiner Exzessivitäten frage, hebt er die Hand und schwört feierlich: „Ich bin im normalen Umgang mit Menschen eigentlich sehr umgänglich" - was sich auch in der Disziplin rund um den Job zeigt: „Ich nehme seit 2007 kein Nikotin, seit 2009 kein THC und seit 2010 keinen Alkohol mehr zu mir. Ich bin also völlig raus mit Drogen, aber ich helfe gerne mal mit etwas Sildenafil nach bei größeren Drehs."

Aber warum dann das völlig andere Bild, das er in den Filmen abgibt, die ihn bekannt gemacht haben? Ganz eindeutige Marktorientierung lässt Rafael wissen, nicht ohne dadurch an dem Mythos des Hatefuckers zu kratzen: „Die ganze Psycho-Schiene wird von der Öffentlichkeit sehr gerne angenommen, aber spiegelt nur sehr eingeschränkt meine Bedürfnislage wider. Bei mir geht es eher um ‚Tabubruch' und ‚Freistrampeln'".

Was aber, wenn das Tabu endgültig gebrochen ist und keinen Reiz mehr ausübt? Auch da ist Rafael nicht um eine Antwort verlegen: „Wenn das Tabu dann aber nicht SM, sondern Kuschelsex heißt, dann reizt mich oft eine ganz normale Mainstream-Sexualität mehr." Und er würde sich sogar in ganz unbekannte Gewässer wagen:

„Ich habe sogar schon mal erwogen, entgegen meinen hauptsächlichen Neigungen Gay-Porn zu versuchen, nur um nur um sich endgültig die letzten Freunde zu vergraulen" - Während der das sagt, lacht er halb ironisch, halb amüsiert. Was die Hoffnungen der schwulen Santeria-Fans etwas dämpfen dürfte.

Gay Porno für Frauen

Sollte es dennoch zum Unwahrscheinlichen kommen: mit Kuschelsex dürfte er im schwulen Pornogeschäft ganz gut ankommen. Amerikanische Pornolabels wie die „Cockyboys" krempeln dort derzeit ähnlich gründlich den Markt um, wie das Rafael in Deutschland tut - die „Cockyboys" allerdings mit netten jungen Männern, die sich - wenn sie nicht Picknick machen oder mit dem Familienhund spielen - dauernd sagen, dass sie sich lieben.

Darum, dass ihm das einen Publikumsschwund bescheren könnte, muss sich Rafael dann keine Sorgen machen: etwa die Hälfte der Kunden und Fans der „Cockyboys" sind Frauen.

Und auch Aurelia hat keine Probleme damit, das nächste Tabu mit vielen Blümchen und eine lieben Frau zu knacken:

„Auf meiner "Must Produce"-Liste steht ein Dreh mit einer anderen Frau ganz oben. Ein Lesben-Filmchen eben. Weniger hardcore, mehr Blümchen. Mit dieser Frau möchte ich aber absolut auf einer Wellenlänge sein. Solche Menschen findet man leider nicht ebenso."

Im Pornogeschäft scheint es also - trotz anderslautender Meldungen - viel friedlicher zuzugehen als in den meisten sozialen Netzwerken, in denen Pornographie streng verboten ist.

(c) Fotos: PR/privat

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Das passiert in deinem Gehirn, wenn du Pornos schaust

Hier geht es zurück zur Startseite