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02/03/2015 04:30 CET | Aktualisiert 02/05/2015 07:12 CEST

Kinder, Karnickel und Kondome - Ist Papst Franziskus schizophren?

Thinkstock

Papst Franziskus - Zwei Jahre ist Papst Franziskus nun im Amt. Der fast einhellige Jubel der ersten Monate schlägt zunehmend in Enttäuschung um. Nicht nur, weil sich konkret nichts an den neuralgischen Punkten verändert hat. Auch die Aussagen des Papstes offenbaren in ihrer Widersprüchlichkeit ein zutiefst schizophrenes Denken.

Zwei Jahre werden es am 13. März her sein, dass Mario Jose Bergoglio als Papst Franziskus über die römisch-katholische Kirche herrscht. Innerhalb kürzester Zeit avancierte er zum Lieblingskind der Medien. Einer der kirchenkritischsten Journalisten Deutschlands, Peter Wensierski vom „Spiegel", war schon bei der wenige Tage später stattfindenden Amtseinführung in seiner Papst-Euphorie nicht mehr zu bremsen.

Diese Begeisterung ist geblieben, sie ist aber seit geraumer Zeit eingetaucht in ein Wechselbad der Gefühle auf Seiten der Medien, aber auch der Politiker, die sich regelmäßig in kirchenpolitischen Fragen in Deutschland zu Wort melden. Neben immer wieder neuem Jubel über eine auf Erneuerung der Kirche ausgerichtete Geste oder einen Toleranz andeutenden Nebensatz, treten zunehmend Nachrichten über Äußerungen des Papstes, die das blanke Entsetzen selbst der wohlmeinendsten Kommentatoren hervorrufen.

Die päpstliche Sympathie für das Kinderschlagen brachte das Fass zum Überlaufen

Zuletzt war dies ganz deutlich bei der päpstlichen Äußerung zur Prügelstrafe für Kinder der Fall. In einer ausgerechnet der Rolle des Vaters in der Familie gewidmeten Generalaudienz, ließ er die Väter wissen, dass es für sie völlig in Ordnung sei, ihre Kinder zu schlagen, wenn dies ihrer wichtigsten Vateraufgabe, dem „Korrigieren mit Bestimmtheit", entsprechend und ohne dabei die Würde des Kindes zu verletzen, geschehe.

Bereits wenige Tage zuvor hatte er sich mit einer Äußerung hervorgetan, die wenig mit der dem Gründer des Christentums nachgesagten Sanftmut zu tun hat. Im Zusammenhang mit den Terrorakten von Paris äußerte er implizit Verständnis für die Gewalttätigkeit der Islamisten. Provokativer Spott über die Religion sei nicht hinnehmbar. Wenn jemand, und sei er auch ein guter Freund, etwa seine Mutter beleidige, dann „kriegt er eins mit der Faust."

Hätte sein Vorgänger solche brutalen Äußerungen getätigt, hätte man diese seiner Vorliebe für die Fundamentalisten in den eigenen Reihen zugeschrieben. Tauchte doch die Prügelstrafe etwa an den Schulen der einstmals von Papst Benedikt XVI warm umworbenen Piusbruderschaft auch im erzkatholischen Zusammenhang bereits öfter in den Medien auf .

Aber Franziskus hat nun wirklich keine geheimen Vorlieben für die Traditionalisten. Ja, kurz vor seinen Prügeläußerungen machte er noch Aussagen, die eine ganz andere Einstellung hätten vermuten lassen. Er beklagte nämlich ausführlich und wiederum von den Medien als großen Fortschritt beklatscht den Machismo sowohl in seiner Männerkirche wie in den diese Kirche prägenden und umgekehrt von ihr wieder geprägten Gesellschaften: „Wir sind zu oft Macho und lassen Frauen keinen Raum", ließ er die Öffentlichkeit bei einer Rede an der Universität in Manila wissen.

Auch seine übrigen Gesten stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis zu seiner Vorliebe für die Prügelstrafe: so etwa wenn er bei den römischen Generalaudienzen auf dem Petersplatz oder Pastoralreisen, Kinder in den Arm nimmt und - darin sehr authentisch wirkend - liebkost.

Auch bezüglich der Fragen des Gottesdienstes, die seinem Vorgänger eine Herzensangelegenheit waren, zeigt er sich in höchstem Maße widersprüchlich. In einem Atemzug forderte er bei einem Empfang für den Klerus der Ewigen Stadt im Februar dieses Jahres in der Liturgie mehr Sinn für das Geheimnisvolle, das Mysterium. Um zugleich zu verlangen, dass sich die Priester weniger auf die Zeremonien und mehr auf die Predigt konzentrieren sollen. Jeder Theologiestudent lernt schon im ersten Semester, dass wortreiche Belehrung und zelebriertes Mysterium starke Gegenpole sind.

Kraftvolle Sprüche vom katholischen Stammtisch

Ähnlich diametral widersprüchlich auch die Zeichen, die er im Hinblick auf die Sexualmoral setzt. Auch hier ein wirkungsvolles Umsichwerfen mit Sprüchen, die man sonst nur von Stammtischen kennt und die wie gemacht sind für verkaufsfördernde und klickreiche Schlagzeilen:

Der auf der Pastoralreise auf die Philippinen gefallenen Spruch „Gute Katholiken sollen sich nicht wie Karnickel vermehren!" machte innerhalb weniger Stunden weltweit die Runde. Dass der Papst in gleichem Atemzug gemahnt hatte, künstliche Verhütungsmittel wie Pille und Kondome seien nach kirchlicher Lehre weiter verboten und es seien natürliche Verhütungsmethoden zu praktizieren, fiel dann angesichts des lauten Grölens angesichts des Kanickel-Vergleichs unter den Tisch.

Ein Grölen übrigens, das selbst den ansonsten sehr dem derzeitigen Papst gewogenen "Tagesspiegel" aufschrecken ließ: "Dass ein Papst die menschliche Fortpflanzung diskreditiert, ist neu. Es macht deutlich, wie weit verbreitet der Rückzug aus dem Leben bereits ist".

Die philippinischen Bischöfe jedoch hatten verstanden: das war auch eine Ermutigung, ihren erbitterten politischen Kampf gegen Kondome in ihrem Land fortzusetzen - Während man gleichzeitig die vom Papst empfohlene natürliche Verhütung schon seit der Pillenenzyklika Pauls VI in den 70er Jahren als „Vatikanisches Roulette" bezeichnet .- wohl wissend um die Wirkungslosigkeit von Knaus-Ogino & Co.

Homosexuelle: Revolution der kirchlichen Einstellung, aber alles bleibt beim alten

Ähnliche Wirkung hatte das päpstliche Diktum zur Einstellung der Kirche zu Homosexuellen: "Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten", ließ er die Journalisten bereits auf seiner ersten Pressekonferenz wissen. Jubel auch diesmal allerorts. Der WDR zeigte schon wenige Stunden danach Interviews mit schwulen Männern aus Köln, die sich überwältigt zeigten von der Homo-Revolution, die nun den Vatikan erfasst habe.

Dass der Papst gleichzeitig den Journalisten ganz klar gesagt hatte, dass homosexuelle Handlungen weiterhin eine schwere Sünde darstellen, Homosexuelle selbstverständlich Zeit ihres Lebens enthaltsam zu leben hätten, und sich eine „Werbung für diesen Lebensstil verbiete", kam in den meisten Medien erst einmal nicht vor. Passte es doch so überhaupt nicht zu dem Nicht-Richten-Wollen und stellte in seiner Widersprüchlichkeit eine komplette Überforderung der theologisch meist kaum versierten Journalisten und kommentierenden Politiker dar.

Die angeführten Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Ob es nun um wiederverheiratete Geschiedene, um Regierungsstrategien (Ein Autokrat im Gewand des Demokraten) oder Transsexuelle geht: wer genauer hinschaut, der blickt in ein Rattennest voller Widersprüche.

Berechnende Bösartigkeit, Fettnäpfchen oder Schizophrenie?

Diese zur Signatur dieses Pontifikats avancierende Widersprüchlichkeit kann nun mehrere Gründe haben.

1.) Sehr liberale Katholiken ventilieren in Gesprächen immer eine Art Verschwörungstheorie: der den Papst umgebende Hofstaat, die Kurie stelle Franziskus permanent Fettnäpfchen auf, in die er in seiner naiven Ahnungslosigkeit hineintrete. So erhoffe man sich bei den Kurialen eine extreme Schwächung des Papstes, mit der ihm das versprochene, bislang aber nur in Ansätzen versuchte „Aufräumen" im Vatikan nicht mehr möglich sei.

2.) Sehr konservative Katholiken erklären einem entweder regelmäßig, Papst Franziskus sei intellektuell so schwach auf der Brust, dass ihm diese im Jubel der Massen und ihrer Medien untergehenden Widersprüche überhaupt nicht auffielen. Oder er sei so gewieft, dass er bewusst harte Knochen ummantelt mit zartem Fleisch, das heißt unliebsame kirchliche Regeln und Dogmen in der Verpackung netter oder lustiger Aussagen verkaufe.

Beide Positionen können sich auf eine Selbst-Charakterisierung des Pontifex berufen, der gegenüber Journalisten ganz unumwunden erklärte: „Ich bin ein bisschen gewieft und zugleich arglos."

Womit sich tatsächlich ein dritter Grund abzeichnet. Die Frage nämlich, ob die Schizophrenie, die er vor Kurzem aufs heftigste bei der Kurie geißelte, nicht genau das Problem ist, unter dem der "Stellvertreter Christi auf Erden" leidet.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit GAYSTREAM.INFO


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