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26/10/2015 04:39 CET | Aktualisiert 26/10/2016 07:12 CEST

Katholische Kirche und Sex: Alles bleibt beim Alten!

dpa

Gestern hat die Vatikanische Familiensynode in Rom ihr Abschlussdokument verabschiedet. Das Schreiben ist eine große Enttäuschung für alle, die auf eine Öffnung der Kirche in Sachen Ehe, Familie und Sexualität gehofft hatten. Ein Kommentar von David Berger

Drei Wochen hat die Synode getagt und herausgekommen ist ein Dokument mit 94 Abschnitten, die versuchen das gegenwärtige katholische Denken zum Themenfeld Familie, Ehe und Sexualität wiederzugeben. Gestern haben es die 270 Synodenväter verabschiedet.

Ohne auf alle Details des Dokuments einzugehen, lässt sich zusammenfassend sagen: Für all jene, die auf eine Öffnung der Kirche in den neuralgischen Punkten gehofft hatten, ist das Ergebnis eine große Enttäuschung. In Sachen Zweitehe, künstliche Empfängnisverhütung, Sex vor der Ehe, Onanie und Homosexualität bleibt die Kirche bei ihrer bisherigen Doktrin.

Es bleibt also alles beim Alten, beim sehr Alten und Veralteten.

Lediglich das typisch katholische Prinzip, dass der einzelne Priester durchaus auch mal aufgrund der individuellen Situation ein Auge zudrücken kann, euphemistisch als „discernimento" (Unterscheidungsgabe) beschrieben, scheint man nun zum ersten mal in einem Dokument festgeschrieben zu haben.

Als Gegenleistung haben die Konservativen ihre Aufwertung der Ehe bekommen.

Galt bislang in der Kirche, dass die Berufung zum zölibatären Priestertum höher zu werten ist als die Ehe, spricht man nun auch von einer Berufung zur Ehe. Und wertet diese dadurch theologisch enorm auf.

Während man also bemerkt, dass alte Konzepte im Hinblick auf die Ehe nicht mehr so recht wirken, versucht man sie noch ins Extrem zu treiben. Um in einem Bild zu sprechen: Das halb tote Pferd lässt man nicht etwas ruhen und erleichtert die Lasten, sondern packt es erst so richtig voll und treibt es im Galopp durch die Arena des Zeitgeistes.

Was es noch schwerer gemacht haben dürfte, in Sachen Homosexualität irgendwelche Zugeständnisse zu machen.

Noch während sich die deutschen Bischöfe in einer Relatio u.a. bei Homosexuellen für die Zurücksetzungen der Vergangenheit entschuldigten, arbeiteten sie an jenem Dokument mit, dass an der Lehre, die praktizierende Homosexuelle als Sünder einschätzt, keinen Deut verändert.

Kardinal Schönborn ließ in der Pressekonferenz am Samstag Abend wissen, die Unterschiede zwischen den einzelnen Bischöfen der Weltkirche bzw. den Synodenvätern seien so groß gewesen, das man sich zu einer gemeinsamen neuen Position nicht habe durchringen können.

Im Stil des „Katechismus der Katholischen Kirche" aus den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts räumt man zunächst ein, dass jeder Person unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung die Menschenwürde zukommt. Homosexuellen zunächst einmal mit Respekt begegnen werden soll, dem man jedem anderen Menschen auch entgegenzubringen hat.

Mit aller Entschiedenheit wendet man sich aber zugleich gegen die zivile Homo-Ehe als „Legalisierung des Bösen":

"Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn." 

Eine eigene Herangehensweise an das Thema Homosexualität in den jeweiligen Ortskirchen, wie von einigen liberalen Bischöfen vorgeschlagen, lehnt man ebenfalls ab. Und verurteilt, „dass internationale Organisationen Finanzhilfen gegenüber armen Ländern davon abhängig machen, dass sie in ihrer Gesetzgebung eine 'Ehe' unter Personen des gleichen Geschlechts einführen."

Rätselhaft bleibt ein Beschluss der Bischöfe, dass sie katholischen Familien, die homosexuelle Familienmitglieder haben, Hilfe anbieten möchten.

Wie diese genau aussieht, bleibt unklar. In den USA werde nunter fundamentalistischen Christen Ex-Gay-Therapien immer beliebter, in Afrika versucht man immer wieder homosexuelle Neigungen durch Exorzismen (Teufelsaustreibungen) zu bekämpfen. Ist das die Hilfe, die die Catholica Homosexuellen zukommen lassen will?

Die Synode also als ein „großes Ja" zur traditionellen Familie, zur traditionellen Ehe?

Ja, wenn man Tradition auf die letzten 200 Jahre einengt. Von dem, was die Synodenväter zu Ehe, Familie und Sexualität zu sagen wussten, hören wir aus dem Mund Jesu, aber auch der großen Tradition der Kirchenväter und der Scholastiker des Mittelalters ganz andere Töne.

Wer glaubt mit dem Begriff „Berufung zu Ehe" bzw. einer Überbetonung der Ehe und Familie das Vorbildhafte des Lebens Jesu (der nie verheiratet war) und die große Tradition der Kirche über Bord werfen zu können, der hat etwas Grundsätzliches am Katholizismus nicht verstanden.

Und er wird unglaubwürdig, wenn er sich auf eben jene Tradition beruft, um gelebte Homosexualität weiterhin als sündhaft einzustufen.

Die Synode zeigt gut an, wie die Kirchenfürsten weltweit denken.

Insofern muss das Ergebnis für jene liberalen Katholiken, die die Hoffnung auf eine Öffnung der Kirche in Familien-und Ehefragen noch nicht aufgegeben haben, erneut eine große Enttäuschung sein.

Kirchenrechtlich gesehen jedoch hat die Synode - im Unterschied zu einem Ökumenischen Konzil - lediglich beratende Funktion.

Was der Papst dann daraus macht, liegt ganz in seinen Händen. Theoretisch könnte er also in allen Punkten in dem das Synodenthema aufgreifenden Lehrschreiben eine ganz andere, liberalere Position einnehmen.

Papst Franziskus gilt zwar als Papst der Überraschungen, diese lagen aber bislang niemals im Bereich der Lehre, sondern immer in der Zweideutigkeit symbolischer Handlungen.

Die Synode hat ihm auch deutlich gezeigt: eine Veränderung der kirchlichen Lehre zur Homosexualität hätte notwendigerweise eine Kirchenspaltung (Schisma) zur Folge. In einer Dimension, wie sie die katholische Kirche zum letzten Mal im 16. Jahrhundert erlebt hat. Dieses Wagnis wird nicht einmal ein Papst Franziskus eingehen.

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