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08/12/2015 06:10 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Das muss sich ändern, damit Deutschland 2016 lebenswert bleibt

Oliver Rossi via Getty Images

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Für keinen der Beteiligten ist die Flüchtlingsdebatte ein einziges Ruhmesblatt. Was ist gründlich schief gegangen und was muss sich ändern, wenn sich an dem, was Deutschland so liebens- und lebenswert macht, nicht zu viel ändern soll?

Als Journalist geht es einem so ähnlich wie Friseuren oder Gastwirten. Neben ihrem eigentlichem Job ist es ihre wichtigste Aufgabe, mit den unterschiedlichsten Menschen zu sprechen.

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Auch ich habe das ausführlich getan und ich kann nicht mehr zählen, wie viele Gespräche ich im zu Ende gehenden Jahr am Telefon, übers Internet oder ganz klassisch bei Veranstaltungen oder konkreten Interviewterminen geführt habe:

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen

Mit Kirchenvertretern, mit schwulen Männern, mit Linken, ehemaligen Antifa-Leuten, mit gestandenen CDU-Politikern, mit Großstadtmenschen und solchen, die im hintersten Winkel des Bayrischen Walds leben, mit Ex-Muslimen und einem fanatischen islamischen Geistlichen, mit Pegida- und Antipegidademonstranten, mit Crystal Meth-Abhängigen, Sexsüchtigen und Veganern.

Sie alle bilden zahlreiche Schlaglichter jenes Spektrums an Menschen, das Deutschland ausmacht.

Dabei wurde ab dem frühen Sommer immer klarer: das bestimmende Thema des Jahres, das was die Menschen wirklich beschäftigt, wird nicht die Eurokrise sein, sondern es sind die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen.

Im Hintergrund all das, was damit zusammenhängt: Die Verbrechen des IS, die Rolle des Islam als Religion und Kulturbestandteil. Aber auch die Unsicherheit, wie stark die eigene, die europäische Kultur, die sich eben nicht in der Härte einer Währung zeigt, überhaupt ist.

Die folgenden 8 Punkte sind der Versuch aufzuzeigen, was in dieser Debatte gründlich schief gegangen ist. Und was sich dringend ändern muss, wenn sich an dem, was Deutschland so liebens- und lebenswert macht, nicht zu viel ändern soll.

1. Beendet den virtuellen Bürgerkrieg!

Was in diesem Jahr ganz vielen Menschen bitter bewusst wurde: Im Internet, besonders in den sozialen Netzwerken - allen voran Facebook -, herrscht eine Art Bürgerkrieg. Besonders die Flüchtlingsthematik hat viele Menschen in Deutschland entzweit.

Das ist mehr als bedauerlich, denn das Klima in den sozialen Netzwerken greift schnell auf die Realität und auch auf die Freundschaften über. Auch ganz reale Freundschaften, teilweise lange vor der Existenz von Facebook geschlossen, sind in der aufgeheizten Stimmung zerbrochen.

Ich habe vor kurzem auf einem Spaziergang mit unserem Hund ein schönes altes Denkmal in Berlin entdeckt. Auf diesem stand geschrieben: „Concordia parvae res crescunt - discordia maximae dilabuntur".

Der Spruch stammt von dem großen römischen Dichter Sallust und frei könnte man ihn übersetzen: „Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Größte". Wenn das neue Jahr gut werden soll, müssen wir diesen virtuellen Brügerkrieg so schnell als möglich beenden, zumal dort, wo er zu Zwietracht und Gewalt im realen Leben führt.

2. Der Gewalt und der Selbstjustiz - egal aus welcher politischen Richtung - müssen alle mit einem klaren Nein begegnen!

Mit der verbalen Gewalt im Internet hat auch die reale Gewalt ganz enorm zugenommen. Gerade gegen Politiker. Und es ist völlig unangebracht, jetzt rechte Gewalt gegen die von links irgendwie abzuwägen und zu diskutieren, welche Gewalt schlimmer ist. Diese Gewalt betraf Politiker jeder Couleur.

Was dabei nicht nur die Gewalttäter, sondern auch die sich heimlich über die Gewalttätigkeit gegen den politischen Gegner Freuenden übersehen haben: Wer einen politischen Anschlag auf einen demokratisch gewählten Politiker verübt, verübt diesen implizit auch auf unsere Demokratie und unsere Gesellschaft.

Ein klares "Nein" zu Gewalt

Unsere offene Gesellschaft, die uns das Recht zu leben und zu lieben garantiert, wen und wie wir wollen. Egal um welchen demokratisch gewählten Politiker es sich handelt: Der Gewalt gegenüber kann es nur ein klares „Nein" geben. Und zwar ohne ein „Aber" (der hat ja das und als falsch gemacht).

3. Hört auf, euch über Menschen, die Angst haben, lustig zu machen!

Deutschland 2015 war auch ein Land von Menschen, die Befürchtungen und Angst haben. Vor allem vor ihrer wirtschaftlichen Zukunft, aber auch vor der kulturellen Zukunft ihrer Heimat. Und die deshalb auf die Straßen gegangen sind.

Von einfachen Internetschreibern bis hin zu den großen Medien hat man immer wieder versucht, sich über diese Menschen lustig zu machen (etwa über ihre Rechtschreibung), ihre Ängste als lächerlich darzustellen.

Das ist der perfekte Weg, um Menschen in die Hände von Radikalen und Verschwörungstheoretikern zu treiben. Wenn das kommende Jahr ein gutes werden soll, müssen wir mit Menschen, die Angst haben (egal, ob das die Angst vor Rechtsradikalen oder vor Flüchtlingen ist), endlich anfangen zu reden, sie ernst nehmen und ihnen Auswege aus ihrer Angst, echte Zukunftsperspektiven zeigen.

4. Seid mit eurer Sprache vorsichtiger (Nazi, Rassismus, homophob)!

Mit in diesen Bereich gehört auch, dass man solche Menschen und die, die den schwierigen Dialog mit ihnen und ihren Befürchtungen aufnehmen wollten, sofort in die rechtsradikale oder rassistische Ecke geschoben hat.

Umgekehrt, dass man Menschen, die tatkräftig angepackt haben, als es darum ging, Flüchtlingen bei uns einen einigermaßen menschenwürdigen Start zu ermöglichen, in die naive Gutmenschenecke gestellt hat.

Klare Worte finden

Gerade der inflationäre Gebrauch von Totschlagworten hat dazu geführt, dass diese unbrauchbar geworden sind. Wenn wir irgendwann einmal mit wirklichem Rassismus, Homophobie oder echten Nazis konfrontiert werden, haben wir keine scharfen Worte mehr, um sie als solche zu kennzeichnen und zu verurteilen. Wer ein Messer über Jahre durch inflationären Gebrauch stumpf gemacht hat, darf sich nicht mehr wundern, wenn es nicht mehr schneidet.

Das neue Jahr kann dann ein gutes werden, wenn wir uns ein Totschlagwortfasten auferlegen, das heißt mit solchen Worten wieder extrem sparsam umgehen.

5. Lernt wieder Takt und übt euch in Höflichkeit!

All das bisher Beschriebene hat auch mit Respekt vor dem Mitmenschen als menschlicher Person, unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner Religion, seinen politischen Einstellungen und seiner sexuellen Veranlagung zu tun. Dieser Respekt äußert sich in Takt und Höflichkeit jedem Menschen gegenüber.

Höflichkeit als Frömmigkeit des Herzens wird man nicht in einem Jahr ganz neu lernen können, wenn in der Bildung der Person dieser zentrale Aspekt vernachlässigt wurde.

Aber wir sollten uns im neuen Jahr ganz viel von anderen Völkern, von unseren französischen Nachbarn über die USA bis in die arabische Welt, abschauen. Und die Höflichkeit als Form des grundsätzlichen Respekts vor dem Mitmenschen wiederentdecken!

6. Fangt an zu differenzieren!

2015 war auch ein Jahr fehlender Differenzierungen. Wenn meine These vom virtuellen Bürgerkrieg stimmt, ist das auch verständlich. Kampfparolen verlangen kurze und schmissige Formulierungen.

Aber es sind eben Kampfparolen und passen nicht in den Diskurs einer demokratisch grundgelegten offenen Gesellschaft. Islam ist eben nicht Islamismus, nicht jeder Moslem ist ein Terrorist, Konservative sind etwas anderes als Rechtsradikale, Linke nicht automatisch antisemitisch und Kritiker der Gender-Ideologien sind nicht unbedingt homophob.

Klingt alles sehr banal und selbstverständlich? Dann sollten wir unsere Argumentationsmuster und unsere Sprache aber auch im neuen Jahr danach ausrichten!

7. An die Medien: Sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten!

2015 war auch das Jahr eines gigantischen Glaubwürdigkeitsverlustes für die Medien. Das kann man drehen und wenden wie man will. Ob es um angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge oder die Rede des Autors Pirinçcibbei über Pegida ging.

Immer wieder hatte man den Eindruck, dass Medien auch mal fünf gerade sein ließen, wenn man damit etwas Gutes zu erreichen glaubte. Selbst die ARD musste einräumen, dass sie bewusst die Situation verfälschende Bilder zeigte, wenn es um Flüchtlinge ging.

In Krisenzeiten "cool bleiben"

Deshalb, liebe Kollegen: Nehmt im neuen Jahr wieder ernst, was euch der unvergessene Hanns Joachim Friedrichs ins Stammbuch schrieb:

„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören."

8. An die Politiker: Ihr seid zuerst für die Menschen in diesem Land da, nicht für das Wohlergehen Eurer Partei!

Als die schrecklichen Terroranschläge passierten, reagierten deutsche Politiker auf

geradezu schändliche Weise. Nach anfänglicher Betroffenheit konnten sie mit der größten Sorge, die sie im Zusammenhang mit dem Blutbad empfanden, nicht lange hinter dem Berg halten: der Angst ihre Partei könnte dadurch Wählerstimmen verlieren.

Das sagten sie natürlich nicht so, sondern sie warnten unaufhörlich davor, nun den Islam als ganzen zu beschuldigten. Und statt sich energisch auf die Seite der Juden in unserem Land zu stellen (denn die Anschläge von Paris waren auch ganz wesentlich antisemitisch motiviert), solidarisierte man sich mit den Moslems.

Man hatte Angst

Nicht weil man Moslems so gerne hat, wie mancher Verschwörungstheoretiker vielleicht jetzt munkeln wird. Sondern schlicht aufgrund der Tatsache, dass man Angst hatte, dass islamkritische Parteien wie die AfD nun aus der Katastrophe Kapital schlagen und den etablierten Parteien Wähler abluchsen könnten.

Nicht was man nun tun muss, um die Bevölkerung zu schützen, die einen wählen soll, stand im Focus des Interesses, sondern schlicht die Macht der eigenen Partei.

Wenn sich das im kommenden Jahr nicht ändert, werden die Menschen die etablierten Politiker genauso abstrafen, wie sie das jetzt in Frankreich bei den Lokalwahlen getan haben. Und vielen wird es schwer fallen, dann mit den etablierten Parteien irgendwie Mitleid zu empfinden.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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