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19/10/2015 06:18 CEST | Aktualisiert 19/10/2016 07:12 CEST

Darum gibt es in Deutschland noch immer keine Homo-Ehe

2015-10-17-1445114402-3450650-ehefralle.JPG Wenn man ehrlich ist, muss man fest stellen, dass die Mehrheit schwuler Männer entweder keine Homo-Ehe will oder das Vertrauen in jene, die sich dafür stark machen, komplett verloren hat. Und das nicht ganz grundlos. Ein Kommentar von David Berger

Homosexuelle haben keinen größeren Wunsch als endlich so wie Heteros heiraten und Kinder adoptieren zu dürfen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den Außenstehende gewinnen, wenn sie den Vertretern von homosexuellen Interessenverbänden oder Politikern zuhören, die sich die Homo-Politik zu ihrem Steckenpferd erkoren haben.

In den letzten zwei Jahren gab es zum Beispiel gefühlt etwa 200 Pressemitteilungen aus dem Haus des Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne) zu dem Themenbereich. Kein Teilbereich der Rechtslage für homosexuelle Paare bis hin zur Frage des Rechts auf einen Schrebergarten, für den nicht mit brennenden Worten, unter Berufung auf die Menschenrechte und Vorwürfen an die Regierung nach einer echten, komplett gleichgestellten Ehe gerufen wurde.

Vertrauen in Homo-Politiker und professionelle Homo-Aktivisten verloren

Wenn man jedoch genauer hinschaut, fällt einem auf, wie wenig sich Homosexuelle, zumal schwule Männer

1.) wirklich für die Thematik interessieren und wie wenig sie

2.) den für sie sprechen wollenden Interessenverbänden und Politikern vertrauen, dass sie wirklich wirksam etwas für Gleichberechtigung tun können.

Das zeigt sich zum einen an der Beliebtheit von expliziten Homo-Politikern wie dem bereits genannten Volker Beck bei schwulen Männern. Ein Homo-Magazin wollte ihn im vergangenen Jahr zum „Mann des Jahres" küren, er landete dann aber weit abgeschlagen hinter völlig unbekannten Aktivisten und dem für seine leisen, aber nachhaltigen Töne zum Thema bekannten CDU-Politiker Stefan Kaufmann und Klaus Wowereit, der kurze Zeit zuvor noch im Bundesrat in Sachen Homo-Ehe ganz bewusst nicht für eine Gleichstellung von Homo-Partnerschaft und Ehe votiert hatte.

Auch der Homo-Verein, der sich am in den letzten Jahren am deutlichsten für eine komplette Eheöffnung und Adoptionsrecht für Homosexuelle stark gemacht hatte, der LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschlands), leidet seit vielen Jahren an einem fast vollständigen Desinteresse schwuler Männer an seiner Arbeit.

Die wenigen Mitglieder des Verbands, besonders aber seine Vorzeigegesichter, sind stark überaltert. Bei öffentlichen Auftritten von LSVD-Vertretern fragt man sich, wie jemand behaupten kann, dass Schwulsein in irgendeiner Weise auch Spaß machen könnte und wer auf die Idee gekommen ist, den Begriff "gay" für Homosexuelle zu verwenden.

Strategisch hat der LSVD vor allem auf jene, den Verein wiederum unterstützenden Parteien gesetzt, die nicht in der Lage sind, an der gegenwärtigen Gesetzeslage in Sachen Homo-Ehe irgend etwas zu verändern. Böse Zungen behaupten, dass die noch ausstehende Gleichstellung im Ehe- und Adoptionsrecht die einzige noch verbliebene Daseinsberechtigung des LSVD darstellt - und daher das ungeschickt erscheinende Agieren des Verbandes letztlich auf unterbewussten Überlebensstrategien beruht.

Ein noch schlimmeres Schicksal ereilte eine Aktion „Ehe für alle" , die sich noch im Juni 2015 als „größtes LGBT-Bündnis aller Zeiten" feierte und große politische Aktionen ankündigte. Um kurz danach wieder in der Versenkung zu verschwinden.

In der Zwischenzeit hatte sich herausgestellt, dass der Sprecher der Aktion noch wenige Monate vor Gründung des Bündnisses nicht nur Pädophilie bagatellisiert hatte, sondern auch als heftiger Gegner einer „heteronormativen Homoehe" aufgetreten war, die eine der schwulen Subkultur eigene „polymorphe Perversität" verdrängen wolle.

„Großkundgebungen" für die Homo-Ehe mit 120 Teilnehmern

Besonders eindrücklich zeigt sich die desolate Situation in Sachen Homo-Ehe an den Teilnehmerzahlen von Demonstrationen und Kundgebungen, die die vollständige Eheöffnung für Homosexuelle fordern.

Im Mai dieses Jahres konnte etwa die Berliner Aktivistengruppe „Enough is enough" zu einer als Großveranstaltung angekündigten Kundgebung vor dem Brandenburger Tor nach Berichten des „Tagesspiegel", der „Berliner Zeitung" und der „Berliner Morgenpost" vor einer überdimensional großen Bühne nur etwa 120 Menschen versammeln.

Noch weniger waren es, die vergangenen Samstag zu einer von dem Aktivisten Nasser El-Ahmad organisierten und dem LSVD mitgetragenen Demo ins Regierungsviertel teilnahmen. Dabei hatte man gehofft, mit dem Engagement der Szene-Künsterlinnen Gloria Viagra und Erna Paluchke und einer Rede von LSVD-Mann Jörg Steinert weitere Interessenten locken zu können.

Mehr als 1000 Teilnehmer hatte man bei der Polizei angemeldet. Doch selbst auf dem breiten Gehsteig vor dem U-Bahnhof Nollendorfplatz verlor sich die kleine Gruppe von gut gerechnet 80 Personen (Veranstalterzahl) zwischen den Passanten (siehe Foto):

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Aktivisten im Konkurrenzkampf

Bezeichnend ist, dass es schon wenige Stunden nach dem Ende des Demo-Fiaskos auf Facebook zu einem heftigen öffentlichen Schlagabtausch zwischen Nasser, „Enough is enough" und der kurz aus ihrem Schlaf erwachten Initiative „Ehe für alle" kam.

Es würde hier zu weit führen, ins Detail zu gehen.

Das was sich aufgrund der Aussagen der Kombattanten rekonstruieren lässt, zeigt aber unmissverständlich: der Konkurrenzkampf auf dem Mark des Homo-Aktivismus ist hart. Keiner gönnt dem anderen, dass er eventuell 2 oder 3 mehr Teilnehmer aktivieren konnte, geschweige denn, dass seine Spendenkampagne erfolgreicher war.

Der Berliner CSD-Streit aus dem Jahr 2014 war keine einmalige Sache, die Zerstrittenheit und der hassvolle Umgang Homosexueller untereinander prägt auch weiterhin die LGBT-Szene, und das nicht nur in Berlin.

Insofern soll abschließend eine CDU-Politikerin, überzeugte Katholikin und Gegnerin der Homo-Ehe zu Worte kommen, die mir in einem privaten Gespräch davon erzählte, dass sie ihr Engagement gegen die Homo-Ehe komplett eingestellt habe.

Warum? Sie fühle sich wie der kluge Mann in einer Geschichte von Lao-Tse. Der kümmert sich nicht um seine Gegner, sitzt Flöte spielend am Ufer des Flusses und wartet bis die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen, die sich zuvor gegenseitig erwürgt haben.

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