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21/12/2015 15:45 CET | Aktualisiert 21/12/2016 06:12 CET

Was ich gelernt habe, als ich in einem Strip-Club arbeitete

Robert Kohlhuber via Getty Images

Ich fing damals an, in einem Strip-Club als Kellnerin zu arbeiten. Mein „Bewerbungsgespräch" verlief so: Ich ging in das unordentliche Büro eines Managers, das sich im obersten Stockwerk eines Clubs in der Innenstadt befand. Der Mann warf mir einen kurzen Blick zu und rief dann den Manager eines anderen Clubs an und sagte ihm: „Hier ist ein schönes Mädchen für dich, dass sofort zum Tanzen anfangen könnte."

Das ist das Ziel eines jeden Strip-Clubs: mehr Tänzerinnen zu finden, um mehr Kunden zu bekommen und mehr Geld zu verdienen.

Um dieses Ziel zu erreichen, kleiden sie hübsche Mädchen in etwas, was man nur als „Lingerie" definieren kann, und lassen sie acht Stunden lang für einen Mindestlohn hin und her laufen, während andere Frauen um sie herum tausende Dollars in einer Nacht verdienen. Ihre Hoffnung ist, dass die Kellnerin sich sagen wird: „Das ist es nicht wert" - und auch das Tanzen anfängt.

Wie ihr euch vorstellen könnt, ist dieses Vorgehen bei einem hohen Prozentsatz der Frauen von Erfolg gekrönt.

Ich will nicht lügen, es war sehr verführerisch. Die meisten Frauen, die ich Nacht für Nacht beobachtete, sahen aus, als hätten sie Spaß, während sie gleichzeitig ein kleines Vermögen verdienten. Ich hatte einen Job in einem Strip-Club angenommen und war gewillt, fast keine Kleidung zu tragen, weil ich extrem arm war.

Das Start-up, in dem ich arbeitete, musste schließen.

Ich hatte dort einen Teilzeit-Bürojob. In dieser Zeit wusch ich meine Haare mit Handseife; noch dazu lebte ich in einer großen Stadt mit kriminell hohen Mieten. In einem Strip-Club zu kellnern war einfach, ich konnte es nachts tun und deshalb mehr als einen Job annehmen.

Außerdem brauchte man keine besonderen Kenntnisse als bei einem „normalen" Gastro-Job, weil, nun ja, es nicht schwer ist, Männern Getränke zu servieren, die nichts weniger interessiert, als etwas zu trinken. Und anderen Leuten dabei zuzuschauen, wie sie hunderte, wenn nicht tausende Dollars abzählten, nachdem sie nur ein paar Stunden gearbeitet hatten, war nichts anderes als wirklich faszinierend.

Das mit dem Selbstbewusstsein ist so eine Sache und ich fand meinen Körper nicht gut genug, um ihn nackt auf einer Bühne zu zeigen. Also tat ich mich in meinem Job so hervor, bis dem Manager auffiel, dass ich verlässlich bin und beförderte mich zur Barkeeperin. Die Stunden waren dann länger, aber ich musste nicht mehr durch den ganzen Club laufen. Ich konnte mich hinter der Bar verstecken, wo mein Hintern nicht so sichtbar war, und - noch viel wichtiger - ich konnte die Leute in Ruhe beobachten.

Und das tat ich.

Wenn ich keine Champagner-Räume ausrief oder Drinks mixte, lehnte ich mich gegen die Bar und beobachtete, wie diese großartigen Frauen ihre Sexualität in ein mächtiges, verlockendes Versprechen von potenziellen Vergnügungen verwandelten. Und ich beobachtete die Männer, die das nicht zu kontrollieren vermochten.

Ich beobachtete einen verheirateten Mann, der fünf Nächte die Woche kam und jede Nacht mindestens 2 000 Dollar ausgab - für nur eine Frau. Er hatte seine Favoritin und er wartete auf sie, die Tanzangebote anderer Frauen höflich ablehnend, bis sie verfügbar war. Sie gab ihm dann einen, vielleicht zwei Tänze, aber die rechtliche Zeit saß sie auf seinem Schoß und sprach.

Stundenlang war das alles, was sie taten. Reden.

Das Metall seines Eheringes glänzte, wenn die Bühnenlichter aufblitzen und sich drehten. Die Lichter hoben auch sein Lächeln hervor, als er aufrichtig jedes Wort verfolgte, das die Tänzerin sagte. Er war wahrscheinlich einsam und ziemlich sicher traurig und es war klar, dass es ihm gut tat, tausende Dollar für ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit mit einer Fremden auszugeben.

Ein Teil von mir nahm an, dass er ein Witwer war. Der andere pessimistischere Teil von mir glaubte, dass er schon mindestens 30 Jahre verheiratet und so niedergeschmettert davon war, dass er zu erschöpft war, um etwas dagegen zu tun.

Ich beobachtete, wie junge Männer hereinkamen und mit Hundertdollarscheinen um sich warfen, wie sie eine Szene aus einem Rap-Video nachstellten, dass sie mindestens 20 Mal gesehen hatten. Sie kamen immer mit vielen Freunden und sie waren immer laut und sie waren mehr als glücklich darüber, jeder Frau, die sahen, 20, 50 oder sogar 100 Dollar Trinkgeld geben zu können.

Für die paar Stunden, in denen sie im Club waren, schienen sie so mächtig und reich und zufrieden zu sein, aber während ich sie weiter beobachtete, brachen ihre Freunde auf, einer nach dem anderen. Ich beobachtete sie, wie sie ihre Rechnung zahlten, während sich eine Traurigkeit in ihrem Gesicht ausbreitete, weil sie genau wie ich wussten, dass der Traum nun zu Ende war.

Die Sonne würde aufgehen und die sichere Dunkelheit würde nicht mehr ihre Leere oder Selbstzweifel verbergen - oder was auch immer sie so verzweifelt zu verstecken suchten.

Diese Männer machten mich traurig und wütend. Sie taten mir leid, dass sie dieses eine Bild von Männlichkeit hatten und sich selbst darin versklavten. Ich war wütend, weil sie glaubten, dass es okay war, Geld und Frauen dafür zu benutzen, um sich, trotz ihrer wahrgenommenen „Defizite", besser zu fühlen.

Ich beobachtete nervöse Männer, die von übermütigen Freunden unter Druck gesetzt wurden, weil sie sich unwohl und unsicher fühlten. Es war klar, dass sie nicht da sein wollten und in dieses Umfeld nicht reinpassten, sich aber traurigerweise gezwungen fühlten, mitzumachen. Wenn sie etwas sagten, wurden sie als „Pussys", „schwul" oder beides bezeichnet, also zwangen sie sich zu einem Lächeln und wanden sich durch den Abend.

Ich beobachtete wütende Männer, die ihre sexuelle Frustration oder Zurückweisungen an Frauen auslassen mussten, die sie als etwas „Geringeres" empfanden. Diese Männer wurden normalerweise bis zum Ende der Nacht herausgeworfen und zwar aus gutem Grund.

Ich beobachtete Frauen, die liebten, was sie taten und die das Strippen als Ausdruck ihrer Schönheit, Sexualität und Liebe zu sich selbst empfanden.

Ich sah andere Frauen beim Strippen, weil sie davon überzeugt waren, dass es das Einzige war, in dem sie gut sind. Ihr Selbstbewusstsein war komplett auf ihren Körper bezogen und auf die Fähigkeit, ihn einzusetzen. Und traurigerweise sah ich Frauen strippen, weil es für sie ein Mittel zum Zweck war und ein einfacher Weg, ihren Alkohol- und Drogenkonsum zu finanzieren. Ich hoffe und wünsche für sie, weil es klar war, dass sie nichts mehr für sich hofften und wünschten und über diese Frauen denke ich noch oft nach.

Ich beobachtete hier Nacht für Nacht Menschen, wie sie sich manchmal lächerlich, aber auch (bestreitbar) natürlich benahmen - bis ich einen ordentlich bezahlten Job fand. Ich habe viel über Männer und Frauen gelernt und welche Macht mein Körper hat oder haben könnte, wenn ich mich dafür entscheiden würde, ihn zu lieben. Ich lernte, mit meinem Hintern zu wackeln, noch bevor es Miley Cyrus auf der Bühne tat und ich lernte, dass ich mindestens drei Kleidergrößen kleiner wirke als ich bin, wenn ich das tue. Ich lernte, dass die Beleuchtung alles ist.

Ich lernte, einen Streit zu beenden, ohne verletzend zu werden und wie man einer Frau ein Kompliment macht, ohne sich auf ihr Äußeres zu beziehen. Ich lernte wie man illegalen Drogenkonsum versteckt und wie man auf eine verführerische Art eine Avance ablehnt. Ich lernte vieles über Sex und Liebe und wie manche Menschen sie voneinander trennen können, während sie für andere untrennbar verbunden sind. Ich lernte Heilungsprozesse und Bestimmungen kennen und ich lernte viel über Geld.

Aber vor allem lernte ich, dass die weibliche Sexualität ein Stigma trägt, das das Business von Strip-Clubs zu erfolgreichen Unternehmen macht.

Ich lernte, dass eine große Zahl an Frauen davon überzeugt war, dass ihre Sexualität etwas Falsches ist, dass ihre Körper etwas Beschämendes sind und dass sie „Huren" sind, wenn sie ihre Körper lieben, nur damit andere Profite daraus schlagen können. Ich lernte, dass der Reiz von Strip-Clubs nicht der nackte Frauenkörper ist oder der leidenschaftliche Tanz an der Stange, sondern das spürbare Gefühl eines Tabubruchs. Dieses Gefühl gründet auf der Vorstellung, dass es aufregend ist, weil es schlecht ist, und die Frauen schlecht sind, weil sie aufregend sind.

Ich lernte, dass die Macht einer Frau nicht von ihrem Körper abhängt oder davon, wie nackt sie sein will oder wie attraktiv sie das andere Geschlecht findet. Nein, ihre echte Macht kommt davon, dass sie zu sich selbst steht und ihr jede Facette ihres Daseins gehört, die aussagt: „Ich bin stolz." statt: „Ich schäme mich."

Ich lernte, dass eine Frau am mächtigsten ist, wenn sie sich selbst davon überzeugt hat, dass sie schön ist - und nicht, wenn sie einen Mann davon überzeugen kann.

Dieser Blog erschien ursprünglich in der Huffington Post USA und wurde von Lisa Mayerhofer aus dem Englischen übersetzt.

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