BLOG
11/02/2017 08:31 CET | Aktualisiert 12/02/2018 06:12 CET

Wir müssen den Kapitalismus retten - und zwar vor sich selbst

AFP via Getty Images

Eine völlige Gleichheit der Menschen ist genauso wenig erwünscht, wie die völlige Gleichschaltung der Gesellschaft zum Zwecke der leichteren Kontrolle im Rahmen totalitärer Regime wie z.B. im Dritten Reich.

Im Grunde genommen ist die völlige Egalität der Gesellschaft, im Hinblick auf Geschlechterrollen, Einkommen und Vermögen das Gleiche Übel wie die totalitär gesteuerte Gleichschaltung der Massen, bloß anders „verpackt".

Den sogenannten "Gender-Wahn" und die völlig utopisch anmutenden Bestrebungen einer egalitären Gesellschaft, einer „linksversifften", „neo-kulturmarxistischen Bewegung" zuzuordnen entbehrt jeglicher Logik.

Dennoch - das „Problem" der Ungleichheit bleibt bestehen. Aber ist es denn wirklich die Ungleichheit an sich, oder ist etwas anderes das wirkliche Problem?

Das Problem ist nicht die Ungleichheit

Problematisch ist doch nicht die Ungleichheit! Die Menschen waren schon immer stets unterschiedlich stark, unterschiedlich intelligent, unterschiedlich tüchtig, unterschiedlich begabt oder im unterschiedlichen Maße mit natürlicher Schönheit gesegnet.

Auch ihre (politische) Macht und ihr wirtschaftlicher/finanzieller Reichtum waren zu keiner Zeit an keinem Ort der Welt exakt gleich. All diese Unterschiede sind da, sie haben stets bestanden und es wird sie auch immer geben.

Das alleine ist noch nicht problematisch. Problematisch ist viel mehr das Ausmaß der Ungleichheit, welches wir heute in vielen Teilen des täglichen Lebens erreicht haben.

Die Nichtregierungsorganisation (NGO) Oxfam hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach die acht reichsten Menschen der Welt, genauso viel besitzen, wie die ärmsten 4 Milliarden Menschen der Welt.

Mit anderen Worten: Die reichsten 0,00000001% besitzen genauso viel wie 50% der Weltbevölkerung.

Man kann glauben was man will. Aber doch gewiss nicht, dass einer dieser 8 Menschen 1 Mrd. mal intelligenter, gebildeter, fleißiger oder produktiver ist, als ein anderer Mensch von den 4 Milliarden Menschen?

Auch wenn viele Menschen mich eher in das politisch linke Spektrum einordnen, glaube ich, dass der Kapitalismus an sich, wie er einst war, in seiner Urform, per se erstmal nichts Schlechtes ist.

Lediglich, die Ausmaße, die er heute erreicht hat, sind für immer weniger Menschen tragbar, noch weniger aber für ihn selbst.

Denn wie alles, was den natürlichen Gesetzen unterliegt, gibt es auch in unserem, vom Menschen geschaffenen Wirtschaftssystem unüberwindbare Grenzen. Grenzen über die der Mensch sich nicht einfach so hinwegsetzen kann, ohne dass ein anderer ebenso wichtiger Faktor davon beeinflusst, wenn nicht gar beeinträchtigt wird.

Unsere Intelligenz, unser ungeheures Wissen, unsere Macht, die Dinge um uns herum nicht nur verstehen, erklären und beeinflussen, sondern gar steuern und kontrollieren zu können; unser technologischer und medizinischer Fortschritt.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

All das, hat uns übermütig und blind werden lassen. So blind, dass wir tatsächlich glauben, den Gesetzen der Natur nicht mehr unterworfen zu sein. Wir spielen gerne Gott - halten uns für ein von der Natur völlig losgelöstes Geschöpf und übersehen nur zu gern die Tatsache, dass wir lediglich Teil eines großen Ganzen sind.

Alles hängt miteinander zusammen

Was wir Menschen in unserer teils sehr naiven Kurzsichtigkeit leider allzu oft übersehen, ist die Tatsache, dass ALLES aber wirklich ALLES miteinander zusammenhängt. Gerade heute im Zeitalter der Globalisierung.

Man kann beispielsweise nicht einfach mal soeben mehrere Hektar tropischen Regenwaldes abholzen, ohne dass das die Qualität der Luft welche wir einatmen beeinträchtigt, oder ohne dass es den Lebensraum einer (möglicherweise vom Aussterben bedrohten) Tierart gefährdet, welche für das ökologische Gleichgewicht genauso relevant ist, wie jedes andere Tier oder der Mensch.

Kurzum: Es gibt so etwas wie eine natürliche Grenze des Wachstums.: Wenn ein Organismus oder ein System derart stark angewachsen ist, dass es seine eigenen Ressourcen nicht mehr vermögen, diese Größe aufrecht erhalten zu können, dann überfordert das System oder der Organismus mit diesem Übermaß an Größe sich selbst.

Das British-Empire beispielsweise, welches zu seiner Blütezeit 1/5 (20%) der gesamten Erdoberfläche beherrschte, scheiterte - vor allem finanziell und wirtschaftlich - an seinem Wunsch, auch über die Zeit des 2. Weltkriegs hinaus fortbestehen zu können. Es scheiterte an sich selbst, weil es sich mit seiner Macht und Größe selbst überforderte.

Der britische Historiker Paul Kennedy nennt dies die „Imperiale Überdehnung". In meinen Augen ist diese „imperiale Überdehnung" lediglich ein historisches Beispiel für die natürlichen Grenzen des Wachstums.

Mehr zum Thema: Nobelpreisträger: "Kapitalismus fordert Betrug, doch es gibt keine Alternative"

Ein anderes Beispiel, um vielleicht mal aus naturwissenschaftlicher Perspektive zu argumentieren, ist der Parasit bzw. das Krebsgeschwür. Ein Krebsgeschwür oder generell ein Parasit lebt von seinem Wirt und schadet ihm lediglich dann, wenn es metastasiert bzw. auswuchert, also größer wird.

Das Problem ist nur, wenn ein Parasit so groß wird, dass er seinem Wirt schadet oder ihn gar tötet, schadet bzw. tötet er damit auch sich selbst, denn er ist auf den Wirt angewiesen. Er ist von ihm abhängig.

Und unser Wirtschaftssystem ist auf seine Wirtschaftssubjekte, sprich uns Menschen angewiesen. Wir Menschen wiederum sind auf unsere Gesundheit und die Natur angewiesen. Oder um es konkreter auszudrücken auf gerecht entlohnte Arbeit, gesunde (und nicht bloß leckere) Nahrung, auf Freiheit um unsere Talente entdecken und fördern zu können.

Eine konstruktive Lösung für alle?

Denn so können wir der Wirtschaft, also unseren Mitmenschen und der Gesellschaft am effektivsten und effizientesten dienen: Wenn wir beruflich das tun können, was wir am besten können und am liebsten tun und nicht aus finanzieller Not heraus eine Arbeit ausführen, die besser bezahlt ist, aber überhaupt nicht unseren Neigungen entspricht.

Denn das zerstört die Menschen von innen heraus. Sie stumpfen emotional völlig ab. Sie reifen dadurch nicht zu Realisten heran, sie mutieren regelrecht zu Pessimisten, die bloß noch durch negative Motivation (Rechnungen bezahlen, bloß nicht in Armut oder Schulden geraten etc.) angetrieben werden.

Wir sind auf bezahlbare medizinische Versorgung und Versicherungen angewiesen. Und Und Und... Lange Rede kurzer Sinn: Der Mensch braucht die Wirtschaft wenn er Wohlstand genießen möchte und die Wirtschaft braucht seinen Schöpfer, den Menschen um fortbestehen und weiter funktionieren zu können.

Ergo ist nicht der Kapitalismus an sich schlecht, sondern das Ausmaß, welches der Kapitalismus erreicht hat. Denn dieses Ausmaß schadet ihm selbst und beraubt ihn seiner Überlebenschance.

Der Kabarettist Volker Pispers spricht völlig zurecht vom „Kapitalismus im Endstadium". Denn in der Form wie er heute in Erscheinung tritt, wo wirtschaftliches Wachstum nur noch auf Kosten der Umwelt, der Arbeitnehmerrechte, des Verbraucherschutzes usw. möglich ist - in der Form hat er keine Zukunft mehr, sondern steuert geradewegs auf sein Ende zu und beschleunigt auf seinen letzten Metern noch einmal.

Mehr zum Thema: Der Kapitalismus hat ziemlich verschissen

Gerade so als hoffe er, bei ausreichender Geschwindigkeit die Klippe überfliegen zu können. Nein, der Kapitalismus ist wahrlich nicht perfekt. Genauso wenig perfekt wie die Demokratie. Denn beides ist von Menschenhand geschaffen. Und der Mensch ist nun einmal auch nicht perfekt und wird bzw. SOLL es auch nie sein.

ABER, und das hat uns die Geschichte, ungeachtet unser verschiedenster politischer Couleur gezeigt, er ist bis dato die beste Art zu wirtschaften, da er scheinbar eine größere Anzahl von Menschen satt machen und zufrieden stellen kann, als der Sozialismus, Kommunismus, Zentralismus und die Planwirtschaft es je konnten.

Denn anders kann ich mir auch nicht erklären, dass die weltweite Bevölkerung, auch nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks der UDSSR weiterhin angestiegen ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass wir auch im Hinblick auf unsere zahlenmäßige Größe die Grenze des Wachstums noch nicht überschritten haben.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.