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04/04/2016 12:29 CEST | Aktualisiert 05/04/2017 07:12 CEST

Zwischen Jurte und Wolkenkratzer - gegensätzliche Lebensstile junger Mongolen

Education Images/UIG via Getty Images

Die Mongolei ist ein Land der Gegensätze. Nicht nur der Unterschied zwischen der Hauptstadt und den ländlichen Regionen ist extrem - die Hälfte der drei Millionen Einwohner wohnen in Ulaanbaatar - auch die Gesellschaft spaltet sich in zwei Pole.

Die junge Bevölkerung des am dünnsten besiedelten Landes der Welt bewegt sich zwischen dem Hüten von Schafen auf dem Land und dem Feiern teurer Partys in den Wolkenkratzern der Stadt. Dieser Gegensatz ist allgegenwärtig, da es nur eine sehr kleine Mittelschicht gibt. Die geringe politische Partizipation der jungen Menschen hat ihre Ursachen auch in diesem Fakt. Auf beiden Seiten - ob arm oder reich - hat Politik wenig Platz. Man ist vielmehr mit sich selbst beschäftigt als an das Gemeinwohl zu denken. Die Gründe dafür sind dabei aber ganz unterschiedlich.

Das Landleben entspricht auch noch heute dem traditionellen Nomadenleben mit all seinen Herausforderungen - auch für die jungen Menschen. Der Alltag ist geprägt von körperlicher Arbeit und eingeschränkten Freizeit- und Entwicklungsmöglichkeiten. Durch die nomadische Lebensweise müssen die Kinder weite Wege zur Schule zurücklegen.

Oft wohnen sie entfernt von ihren Familien in Internaten oder bei Angehörigen. Wenn sie dann am Wochenende oder in den Ferien nach Hause kommen, müssen sie die Familie unterstützen. Die Aufgaben reichen von der Hilfe im Haushalt bis hin zur Viehzucht.

Hohe Alphabetisierungsrate


Manchmal arbeiten die Kinder auch als Touristenführer, weil sie bessere Fremdsprachenkenntnisse haben als ihre Eltern und Großeltern. Für die einigermaßen solide Basisausbildung der jungen Menschen spricht die für ein Entwicklungsland hohe Alphabetisierungsrate von über 95 Prozent. Damit sind die Aussichten auf einen sozialen Aufstieg eigentlich gut.

Doch gibt es auf dem Land nach der Schule keine weiteren Bildungsmöglichkeiten. Es bleiben zwei Alternativen: Entweder die Herde der Eltern übernehmen oder nach Ulaanbaatar gehen, um sich weiterzubilden. Auch als Viehzüchter kann man durchaus wirtschaftlich erfolgreich sein, allerdings wird die Herde oft nur an eines der Kinder vererbt. Für die anderen bleibt nur der Weg in die Stadt.

Doch auch in der Hauptstadt ist die Armut groß. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre leben noch immer ca. 30 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Hinzu kommen die großen infrastrukturellen Probleme der Stadt. Im sogenannten Jurtenviertel leben etwa 50 Prozent der Einwohner Ulaanbaatars ohne Anbindung an die zentralen Wasser-, Abwasser und Heizungssysteme.

Schlechte Bildungssituation


Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum sozialen Aufstieg ist die schlechte Bildungssituation nach der Schule. Es gibt zwar eine beeindruckende Zahl von ca. 187.000 Studenten. Diese ist aber auch auf den Mangel an Alternativen zurückzuführen. So gibt es in der Mongolei keine Ausbildungsberufe, um zum Beispiel ein Handwerk zu erlernen. Die Qualität der mongolischen Hochschulen kann insgesamt nicht mit dem internationalen Standard mithalten, da es weder Forschung noch einen Praxisbezug gibt.

Nach dem erfolgreichen Universitätsabschluss stehen die jungen Mongolen vor der nächsten Hürde: Der Suche nach einem guten Job. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und die praxisferne Ausbildung erschweren den Einstieg in das Berufsleben.

Oft fehlen auch die nötigen Netzwerke. Als Konsequenz bleiben Gelegenheitsjobs und die Hoffnung auf Besserung. Bei der Betrachtung dieser Lebensumstände wird deutlich, warum die Partizipation am sozialen und politischem Leben bei den Ärmeren niedrig ist. Die alltäglichen Fragen des Lebens sind so existenziell, dass keine Zeit für politisches Engagement bleibt.

Kinder aus reichen Familien haben es leichter


Auf der anderen Seite des gesellschaftlichen Spektrums ist die Ursachensuche etwas schwieriger. Existenzielle Ängste sind hier nicht prägend. Kinder aus gut situierten Familien müssen keine schlechten Zukunftsperspektiven fürchten. In Privatschulen unterrichtet und mit von der Familie gesponserten Studienaufenthalten im Ausland, sind die Aussichten auf einen guten Job rosig.

Andernfalls hilft auch die gute Vernetzung der Familie, um eine lohnende Anstellung zu finden. Die Möglichkeiten dieser Jugendlichen kennen kaum Grenzen. So kann es vorkommen, dass das Abendessen aus dem Ausland eingeflogen wird. Am Wochenende wird sich herausgeputzt, um in den Nobelclubs der Stadt die Nacht zum Tag zu machen.

Insgesamt zeigt man in diesen Teil der Gesellschaft gern, was man hat: seien es teure Gegenstände wie Autos oder Uhren. Gerne prahlen reiche Jugendliche auch damit, dass sie zum Shoppen nach Shanghai fliegen. Diese Bevölkerungsgruppe bleibt gerne unter sich und lebt in teuren Stadtteilen hinter Zäunen und Mauern.

In den Nobelclubs verhindern hohe Eintrittspreise, dass die Mittelschicht mitfeiert. So bleibt dieses Leben den meisten Mongolen verborgen. Das politische Interesse der Reichen ist schwer einzuschätzen. Politisches Engagement zielt eher darauf ab, das eigene Geschäft weiterzubringen und den eigenen Wohlstand zu mehren. Ein Empfinden für das Gemeinwohl ist eher gering ausgeprägt.

Es fehlt Zeit für die Politik


Die verschiedenen Lebensweisen zwischen Arm und Reich in der Mongolei zeigen klar die Unterschiede zwischen den Jugendlichen. Das Verbindende bleibt aber die fehlende Zeit für die Politik. Während ein Großteil der Jugend für die eigene Existenz kämpfen muss, ist der andere Teil mit Studium, Business und Partys beschäftigt.

In vielen Ländern der Welt ist die Demokratie erst durch eine Mittelschicht entstanden, die mehr politische Beteiligung einforderte. Die Mongolei ist den Weg in die Demokratie auch ohne ein solches Bürgertum gegangen. Für die Weiterentwicklung und Stabilität der mongolischen Demokratie wird es deshalb entscheidend sein, ob sich diese Mittelschicht entwickelt und ob sie sich dann stärker politisch beteiligt.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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