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10/12/2013 05:12 CET | Aktualisiert 09/02/2014 06:12 CET

„Sind die Regeln des Islam wichtiger als die deutschen Gesetze?"

„Puh, ganz schön starker Tobak", pfiff es aus mir heraus, als ich das las: „Islamischer religiöser Fundamentalismus ist weit verbreitet". Das hat eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ergeben, wie der Forschungsleiter Ruud Koopmans in einer Mitteilung jetzt zusammenfasste. Ich musste sofort an die Sarrazin-Debatte denken, an deren Nachwehen das mediale und politische Deutschland noch heute leidet.

Meine Befürchtung: Entweder werden die aufrüttelnden Zahlen, die Koopman und sein Team ermittelten, bis zur Schmerzgrenze ausgeschlachtet oder totgeschwiegen.

Dabei verpflichtet die Studie eher, die Ergebnisse nicht einfach hin zu nehmen.

Aber was haben die Forscher überhaupt erforscht und herausgefunden?

2008 befragten sie in sechs Ländern (Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Österreich und Schweden) per Telefoninterview drei verschiedene Gruppen, nämlich Einheimische und Menschen mit türkischer und marokkanischer Herkunft. Insgesamt waren das 9000 Personen, davon ca. 1500 in Deutschland. Denjenigen, die sich als Christen outeten (70 Prozent Einheimische) oder als Muslime (96 Prozent der Befragten türkischer und marokkanischer Herkunft) wurden schließlich Fragen gestellt, die Rückschlüsse auf fundamentalistische Einstellungen zulassen.

Die Ergebnisse:

  • Fast 60 Prozent der Muslime stimmten der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten.
  • 75 Prozent waren der Überzeugung, nur eine Auslegung des Korans ist möglich, an die sich alle Muslime halten sollten.
  • 65 Prozent meinten, dass die Regeln des Islam wichtiger sind als die Gesetze des jeweiligen Landes (Deutschland: 47 Prozent).
  • Allen drei Aussagen stimmten 44 Prozent der befragten Muslime zu (Deutschland: 30 Prozent). Interessant: Die Aleviten, eine türkische Glaubensminderheit, unterstützen in weit geringerem Maß fundamentalistische Aussagen - und ähneln damit mehr den befragten Christen.

Nämlich nur 13 bis 21 Prozent von ihnen stimmten den einzelnen Ansichten zu, wobei weniger als vier Prozent allen drei Aussagen zusammen beipflichteten. Immerhin war das bei 12 Prozent von christlichen Vertretern kleinerer protestantischer Gruppen noch am ehesten der Fall, wie z. B. den Zeugen Jehovas oder den Pfingstkirchlern.

Beunruhigender sind allerdings die Ergebnisse zur Fremdgruppenfeindlichkeit:

  • 9 Prozent der einheimischen Christen gaben an, dass man Juden nicht trauen kann (Deutschland: 13 Prozent).
  • 13 Prozent lehnten Homosexuelle als Freunde ab (Deutschland: 10 Prozent).
  • 23 Prozent sind davon überzeugt, dass Muslime die westliche Kultur zerstören wollen (Deutschland: 17 Prozent).

Immerhin: Nur 1,6 Prozent der befragten Christen waren allen Gruppen feindselig gegenüber eingestellt.

Regen diese Zahlen schon zum Nachdenken an, werden sie von den befragten Muslimen noch übertroffen, wie Koopmans schreibt:

„Fast 60 Prozent lehnen Homosexuelle als Freunde ab, und 45 Prozent denken, dass man Juden nicht trauen kann. Während etwa jeder fünfte Einheimische als islamfeindlich gelten kann, ist das Ausmaß der Phobie gegen den Westen - für die es sonderbarerweise kein Wort gibt, man könnte sie „Abendlandphobie" nennen - unter Muslimen viel höher; 45 Prozent glauben, dass der Westen den Islam zerstören will."

Nun habe ich aber im sozialwissenschaftlichen Studium gelernt: Je besser ein Migrant ausgebildet ist, je eher er im Berufsleben verankert ist, desto besser ist er integriert - und, naheliegend, weniger fundamentalistisch. Koopmans Studie zertrümmert diese These. Denn er und sein Forscherteam haben auch berücksichtigt, inwiefern sich das Bildungsniveau, der Arbeitsmarktstatus, das Alter, Geschlecht oder Familienstand auf die Einstellungen auswirken. Das Ergebnis: Innerhalb der religiösen Gruppen lassen sich so durchaus Unterschiede erklären. Aber die Differenz zwischen Muslimen und Christen eben nicht. Ihm bereitet vor allem Sorgen, dass fundamentalistische Haltungen unter jungen Muslimen genauso verbreitet sind wie bei älteren - was bei Christen nicht der Fall ist.

Immerhin stellen die Forscher Auswirkungen des Bildungsgrades fest bezüglich der Einstellung gegenüber anderen Gruppen, wie Homosexuellen. Aber sie sind weit schwächer ausgeprägt als bei Christen.

Soweit so bitter.

Aber was schließen wir aus den Ergebnissen?

  • Die Moscheen müssen raus aus den Hinterhöfen, rein in die Innenstädte. Sie müssen weiter bestärkt darin werden, sich zu öffnen - und die Deutschen müssen solche Angebote annehmen.

  • Die einflussreichen Imame müssen vermehrt in Deutschland ausgebildet werden. Bei ihrer Ausbildung muss eine zeitgemäße Interpretation des Islam gelehrt werden, damit sie ein aufgeklärtes Weltbild repräsentieren.

  • Die Bildungspolitik hat zwar mittlerweile erkannt, dass die Integration in der Schule ansetzen muss. Aber sie hat sich bisher zu sehr auf die Förderung von Aufstiegschancen im Berufsleben konzentriert. Den Lehrern muss aber klipp und klar der Rücken gestärkt werden bei der Vermittlung und Durchsetzung liberaler Grundwerte. Dazu gehört auch, dass mehr muslimische Religionslehrer angeworben werden, die eine friedliche und aufgeschlossene Interpretation des Islam fundiert und glaubwürdig vermitteln.

  • Differenzierte Religionskritik darf kein Tabu mehr sein. So wie bei der katholischen Kirche, die zwar ebenfalls rückwärtsgewandte Gesellschaftsbilder verkörpert, dafür aber permanent unter Kritik steht. Damit ermutigt man auch die liberalen Veränderer unter den Muslimen.

Bei aller Offenheit in der Diskussion darf keinesfalls der Holzhammer hervorgeholt werden. Das würde einer sachlichen Diskussion schaden. Außerdem teilen längst nicht alle Muslime ein fundamentalistisches Weltbild. Und selbst diejenigen die es tun, müssen nicht zwangläufig gefährlich sein. Immerhin ergab eine andere Studie, diesmal im Auftrag des Bundesinnenministeriums, dass eine große Mehrheit der Türken, die in der Regel Muslime sind, Meinungen zumindest tolerieren, denen sie eigentlich nicht zustimmen können.

Es darf also nicht darum gehen, eine Gefahr heraufzubeschwören, sondern darum, welche Werte unsere Gesellschaft verkörpern will. Denn: Der Islam gehört zu dieser Gesellschaft.