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08/02/2016 12:23 CET | Aktualisiert 08/02/2017 06:12 CET

Wie schwule Lehrer noch immer für ihre Rechte kämpfen müssen

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Hat sich die Situation von Homosexuellen im Lehrerberuf in den letzten Jahren ähnlich verbessert wie in weiteren Teilen der Berufs- und sonstigen Lebenswelt? Vorfälle an einem Dortmunder Gymnasium, welches mehrfach von Gerichten für mangelnde Prävention gegen Homophobie gerügt worden ist, lassen Zweifel aufkommen.

Immer öfter rufen Schulen „Toleranz" als oberstes Gebot für den täglichen Umgang aus. „Gemeinsam sind wir bunt", lautete das Motto am kürzlich erfolgten „Tag der offenen Tür" des Stadtgymnasiums Dortmund (Foto), eines der ältesten Gymnasien ganz Deutschlands. Gerade diese Schule ist jedoch in den letzten Jahren zunehmend wegen verschiedenster Skandale in Verruf geraten, wobei gerade die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten hier unter die Räder gekommen zu sein scheint.

Schulgottesdienst von Imam mit radikalen Positionen geleitet

Gegenüber den Belangen religiöserMinderheiten hatte sich die Schulleitung in einem Ausmaß engagiert, welches aus Sicht von Islamkritikern zunehmend einen undifferenzierten Kulturrelativismus widerspiegelt: Als eines der ersten Gymnasien bundesweit hatte das Stadtgymnasium Dortmund Ende 2012 einen „muslimischen Schulgottesdienst" veranstaltet. Geleitet worden war dieser Gottesdienst von einem umstrittenen Imam aus Bochum, Ahmad Aweimer, z.B. die Teilnahme von Mädchen am gemischten Schwimmunterricht strikt ablehnt.

Zudem arbeitet Aweimer mit berüchtigten orthodox-muslimischen Verbänden zusammen wie der „Ditib" oder dem sogenannten „Zentralrat der Muslime", die aus Sicht vieler demokratischen Verbände wie der EKD oder des verstorbenen Ralph Giordano nur bedingt mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung konform gehen.

Diese sehr offensive Zusammenarbeit mit Aweimer war damit einhergegangen, dass kurz zuvor ein islamkritischer und offen homosexuelle Lehrer vom Dienst suspendiert worden war, weil dieser sich gegen die Homophobie unter Salafisten engagiert hatte.

Diese Suspendierung wurde später höchstrichterlich gekippt. Die von der Schulleitung gegen den Lehrer gerichteten Rechtspopulismus-Vorwürfe seien absurd, so die Richter. Denn der Lehrer hatte sich bei der in seiner Freizeit erfolgten islamkritischen Rede in Köln ausdrücklich als Grünen-Wähler präsentiert.

Doch offenbar wollte Schulleiter Bernhard Koolen einen der schärfsten Islamkritiker unbedingt aus dem Kollegium entfernen. Kurz nach der Suspendierung wurde das Stadtgymnasium Dortmund zu einem der ersten Gymnasien in NRW, die den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach einführten.

"Schule gegen Rassismus" hat heftiges Homophobie-Problem

Seit zwei Schuljahren haben muslimische Schülerinnen und Schüler, ein Drittel der Schülerschaft, bereits die Möglichkeit, am islamischen Religionsunterricht teilzunehmen. Während das Dortmunder Stadtgymnasium offiziell als „Schule gegen Rassismus" und halb-offiziell zudem als „Bollwerk gegen Islamophobie" auftritt, wurde das nachweislich vorhandene und offenbar stark gewachsene Homophobie-Problem an dieser Schule konsequent vernachlässigt, wie ein Gerichtsurteil von Mai 2014 und laut Medienberichten ein erneutes von November 2015 belegen.

Sicher ist Homophobie ein gesamtgesellschaftliches und religionsübergreifendes Problem und somit nicht auf den Islam beschränkt. Dennoch lässt sich an Beispiel des Dortmunder Stadtgymnasiums aufzeigen: Ein Engagement für die Rechte von Lesben und Schwulen scheint nur bedingt in das Konzept einer Schule zu passen, die sich aus Angst um schwindende Anmeldezahlen in einer schrumpfenden Stadt wie Dortmund zunehmend bei den radikaleren Strömungen innerhalb muslimischer Klientel anbiedert.

Gericht wirft Schulleitung Verletzung der Fürsorgepflicht vor

Das Verwaltungsgericht Münster hatte im Mai 2014 scharf das Verhalten der Schulleitung kritisiert, nachdem es in einer Klasse zu homophoben Ausfälle gekommen war. So hatte ein Schüler im Unterricht eines schwulen Lehrers Homosexuelle mehrfach als „Perverse" beleidigt; daraufhin lud der Lehrer die Mutter dieses Schülers zum Elternsprechtag ein. Die Richter halten es für erwiesen, dass diese Mutter bei diesem Gespräch äußerst verachtenswürdig auftrat:

Anstatt sich vom Verhalten ihres Sohnes zu distanzieren, erhob sie auf äußerst unsachgemäße Weise weitere homophobe und vollkommen absurde Vorwürfe gegen den Lehrer. Dieser drohte dieser Mutter daraufhin mit Ordnungsmaßnahmen und dem Sohn für den Wiederholungsfall mit einem Schulverweis. Das schriftliche Urteil zitiert ein Schreiben Krauses an die Mutter, worin es heißt:

„Erziehungsberechtigte, welche schulische Bestrebungen gegen Homophobie torpedieren, sind mit ähnlicher Konsequenz zu sanktionieren wie Erziehungsberechtigte, die z.B. schulische Bestrebungen gegen Rassismus und Antisemitismus torpedieren."

Rechtfertigen kulturelle Hintergründe die Homophobie von Schülern?

Das Gericht bemängelte in seinem Urteil am Verhalten der Schulleitung insbesondere, dass diese sich nicht hinreichend schützend vor den Lehrer gestellt hatte. Stattdessen hatte der Schulleiter Bernhard Koolen dem homosexuellen Pädagogen vorgeworfen, durch sein offenes Bekenntnis als "schwul" die Schüler in der Unterstufe „überfordert" und zu wenig Sensibilität für deren kulturellen Hintergründe aufgebracht zu haben.

Die Richter widersprachen dem Schulleiter jedoch: Die Bezeichnung von Homosexuellen als „Perverse" sei beleidigend und auch nicht mit kulturellen Besonderheiten zu rechtfertigen, sodass die Reaktionen von Krause einschließlich der Drohungen gegen die Mutter angemessen waren.

Der Schulleiter Bernhard Koolen hatte laut Bericht des Magazins "gaystream" diesen Vorfall jedoch zusätzlich zum Anlass genommen, eine negative Beurteilung über den Lehrer zu verfassen. Aufgrund der offensiv vertretenen Homosexualität könne „die Bewährung des Lehrers in der Probezeit und somit die Eignung für die Verbeamtung auf Lebenszeit nicht festgestellt werden". Mit Urteil vom November 2015 hat sich das Verwaltungsgericht nun jedoch auch in dieser Angelegenheit auf die Seite des Lehrers gestellt, berichtet das Berliner Magazin.

In besonders gravierenden Fällen, etwa bei homophoben Ausfällen von Schülern oder Eltern, sei eine deutliche und unmissverständliche Reaktion durchaus mit dem Ermessensspielraum des Lehrers vereinbar. Die Probezeit des Lehrers hätte nicht verlängert werden dürfen, die Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit hätte ohne Verzögerung stattfinden müssen, so das Gericht.

Schulen müssen sich entscheiden: Soll der Kampf gegen „Islamophobie" in einem Ausmaß propagiert werden, dass neben progressiven Werten wie z.B. der Gleichberechtigung der Geschlechter im Schwimmunterricht auch jegliches Engagement gegen Homophobie oder Antisemitismus torpediert wird? Wenn es schon an einem Gymnasium zu solchen Konflikten wie dargestellt kommt, in welche Richtung soll erst die Entwicklung an Hauptschulen gehen?

Homophobie an Hauptschulen wohl noch viel schlimmer

Ein Hauptschullehrer aus Köln hat vor wenigen Wochen in einem Interview mit Blick auf seinen Schulalltag Alarm geschlagen und berichtete in Bezug auf muslimische Familien: „An einer der Hauptschulen, wo ich bis vor fünf Jahren unterrichtet hatte, verletzte der Schulleiter seine Fürsorgepflicht. Er sah mich als mitverantwortlich für die Anfeindungen der Schüler und Eltern: Ich hätte die Frage der Schüler, ob ich schwul sei, ja nicht beantworten müssen, meinte er."

In vielen Bereichen der Gesellschaft einschließlich der Berufswelt hat sich die Situation für Homosexuelle in den letzten Jahren verbessert. Das Schulsystem gehört bislang nur bedingt dazu. Möglicherweise wird durch ein zweifelhaftes Ausmaß an Kulturrelativismus im Rahmen der Flüchtlingsbewegung, die auch an Schulen zunehmend präsent wird, sogar eine Rückwärtsentwicklung stattfinden.

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