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29/11/2015 06:10 CET | Aktualisiert 29/11/2016 06:12 CET

Auf dem Weg in eine dekarbonisierte Welt

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„Eine Vision, die zur Realität wird"

Der Hauptgeschäftsführer des ebm-papst (Träger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises) Rainer Hundsdörfer vor der Weltklimakonferenz in Paris über die Folgen des Klimawandels und die Dekarbonisierung der Wirtschaft

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Herr Hundsdörfer, die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industrieländer (G7) haben in Deutschland in diesem Sommer eine weitgehende Dekarbonisierung der Wirtschaft bis Ende dieses Jahrhunderts beschlossen. Die Welt soll sich komplett von Kohle, Erdöl und Erdgas verabschieden. Eine politische Illusion oder eine globale Vision?

Eine Vision, die zur Realität wird. Der Klimawandel ist das größte globale Risiko. Das wissen die Bürger und die Unternehmen reagieren entsprechend. Die globalen Investitionen im Bereich der Energie gehen eindeutig in Richtung erneuerbare Energien. Im letzten Jahr sind 270 Milliarden Dollar in den Ausbau von Wind-, Sonnen- und Wasserkraft geflossen, das ist deutlich mehr als in die Erschließung fossiler Brennstoffquellen. Es geht also gar nicht mehr um die Frage, „ob" wir eine Alternative zur Dekarbonisierung unserer Wirtschaft haben, sondern um das „Wie" ihrer Gestaltung und „wie schnell" sie uns gelingt.

"Der Klimawandel ist das größte globale Risiko"


Die größten Emittenten sind China, die Vereinigten Staaten und die EU. Sie stehen für mehr als die Hälfte der CO2-Emissionen. Werden sie sich auf ein verbindliches Vorgehen einigen?

Ohne China und die USA wird es nicht gehen. Beide Länder stehen für mehr als 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen. Beide Länder gehören aber auch zu den größten Investoren in saubere Energie. Ich bin in beiden Ländern oft unterwegs und bin mir deshalb sicher: Die USA und China sehen sich zunehmend als Partner des globalen Klimaschutzes. US-Präsident Barack Obama hat den Klimaschutz zur wichtigsten Aufgabe erklärt. China will 2017 ein nationales Emissionshandelssystem starten. Aus Nachzüglern werden Vorreiter der globalen Klimapolitik.

Deutschland hat bereits vor vier Jahren, nach dem Reaktorunfall in Fukushima, mit der Energiewende begonnen. Ist das Projekt ein Vorbild für andere Staaten?

Deutschland ist ein Testlabor für jene Länder, die eine Energiewende viel nötiger haben. Die Energiewende „made in Germany" wird heute weltweit als Vorbild betrachtet. Afrika mit seiner stark wachsenden Bevölkerung wird vom Klimawandel heftiger betroffen sein als viele andere. So betrachtet ist die Energiewende ein entscheidendes Mittel der Entwicklungshilfe und der globalen Zusammenarbeit.

Neue Arbeitsplätze durch Energieeffizienz

Vor allem für die Schwellen- und Entwicklungsländer gibt es nur eine Möglichkeit: den Ausbau der erneuerbaren Energien und vor allem der effizientere Einsatz von Energie. In den Industrieländern spricht sich zunehmend herum, dass Energieeffizienz Geld spart und neue Arbeitsplätze entstehen. Energieeffizienz bietet die kostenwirksamste Möglichkeit, unseren Energieverbrauch zu senken und ein gleichbleibendes Niveau an Energie sicherzustellen.

Ihr Unternehmen ist neben Deutschland auch in den USA und China tätig. Was sind Ihre Erfahrungen dort, ist das Thema Klimaschutz in Wirtschaft und Gesellschaft angekommen?

In den USA wächst der öffentliche Druck, auch wegen der Naturkatastrophen, mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen. Das betrifft Unternehmen wie Bürger. Die US-Regierung hat auf diesen Stimmungswandel reagiert und will beispielsweise Vorschriften zur Erhöhung der Energieeffizienz einführen, die unseren Regelungen in Europa fast entsprechen.

Der Kostendruck ist aber höher als bei uns: Energieeffizienz muss sich schneller rechnen. Auch in China kommt der Druck aus der Gesellschaft. Die hohe Luftverschmutzung wird zum zentralen Problem. Mit zunehmendem Wohlstand steigt die Nachfrage nach einer besseren Gesundheit und einer intakten Umwelt. Das Marktvolumen für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz wird sich in den nächsten 10 Jahren insgesamt verdoppeln.

Welche Verantwortung tragen Wirtschaft und Industrie, wenn es um die Jahrhundertaufgabe Klimaschutz geht?

Die zentrale Herausforderung ist die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Bisher ging wirtschaftliche Entwicklung mit dem Verbrennen von Kohle, Gas oder Öl einher. 2014 war das erste Jahr seit Jahrzehnten, in dem global die Wirtschaft wuchs und die Treibhausgas-Emissionen dennoch sanken. Die Wirtschaft hat hieran einen erheblichen Anteil. Entscheidend ist, dass wir beim Thema Energieeffizienz mehr Fortschritte erzielen.

Alle Studien zur Dekarbonisierung der Wirtschaft verlangen eine drastische Erhöhung der Energieeffizienz. Das betrifft aber nicht nur die Industrie. Der Großteil der Emissionen entsteht bei der Erzeugung von Wärme und Strom. In Zukunft müssen wir die Nachfrageseite stärker in den Fokus der Klimapolitik stellen. Neben der Industrie sind die privaten Haushalte die größten Verbraucher von Strom in Deutschland.

Heizen, Warmwasser, Kochen und Kühlen machen fast 100 Prozent des privaten Energieverbrauchs aus. Das Thema „energetische Gebäudesanierung" gehört nach oben auf die Agenda der Politik. Klimaschutz entscheidet sich lokal und fängt deshalb zuhause an.

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