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02/04/2016 07:06 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 07:12 CEST

Ende oder Wende: Zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft

Westend61 via Getty Images

Deutschland, ein zerrissenes Land?

Ist Rechts das neue Links? Als die "Alternative für Deutschland" bei den jüngsten Landtagswahlen bei Arbeitslosen und Angestellten besser abschnitt, gingen SPD und Linkspartei erstaunlich schnell zur Tagesordnung über.

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Die politische Rendite der Reformen wie Rente mit 63 und Mindestlohn fällt für die SPD bislang gering aus. Auch das Gefühl, dass es zunehmend ungerechter zugeht und die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird, spült der deutschen Linken keine neuen Wähler zu. Damit steht sie in Europa nicht alleine da.

Fast überall verlieren linke Parteien an Boden. Immer weniger Wähler sehen sich dem traditionellen Arbeitermilieu oder der alten Mittelschicht zugehörig. Besonders hart hat es die Sozialdemokratie in Griechenland erwischt: aus den früheren 45% sind im letzten Jahr 4% geworden.

"Die Soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr"


Die Welt ist aus den Fugen, dominierenden Begriffe und Leitbilder erklären kaum noch die soziale Wirklichkeit. Marcel Fratzscher fährt daher schweres Geschütz auf in seinem neuen Buch ("Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird", Hanser 2016).

Der Chef des DIW hält den deutschen Gründungsmythos, das Modell der Sozialen Marktwirtschaft, für erledigt. Statt "Wohlstand für alle" schafft das Modell nur noch "Wohlstand für wenige": Wer unten ist, bleibt es in Deutschland. In der wachsenden Ungleichheit sieht Fratzscher eine Gefahr für die Zukunft.

Statt die Weichen auf Zukunft zu stellen und mehr in Bildung, Infrastruktur und Integration zu investieren, verteidigt die Gesellschaft ihre Besitzstände. "Mehr Umverteilung", das Rezept der traditionellen Linken, ist kein Beitrag zur Lösung, sondern verschärft die Ungleichheit nur noch mehr, so der Ökonom. Sein Gegenprogramm umfasst eine Reihe von bekannten Maßnahmen mit dem Ziel der Chancenmaximierung.

Nach dem Wachstum


Radikaler und auf eine erfrischend andere Art beschäftigt sich ein Band der Bertelsmann-Stiftung mit dem Wandel ("Wachstum im Wandel. Chancen und Risiken für die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft", Gütersloh 2016).

In gut lesbaren Gesprächen gehen die Autoren den Veränderungen nach und stellen hergebrachte Paradigma und Dogmen in Frage. Sie verzichten auf einen alarmistischen und apokalyptischen Ton und halten konsequent am Leitbegriff der Sozialen Marktwirtschaft fest. Anhand von zehn Trendfeldern entwerfen sie konkrete Strategien für ein neues Wachstum.

Die Zukunft wird unsicherer


Ähnlich wie Fratzscher konstatieren die Autoren eine wachsende Ungleichheit, mangelnde soziale Mobilität und einen neuen Verteilungskampf in der Mitte der Gesellschaft. Die beschriebenen Veränderungen werden überwiegend negativ interpretiert ("Erosion", "Kampf der Kulturen", "Paradise Lost"...).

Historiker werden die letzten 25 Jahre vielleicht einmal als "glückliche deutsche Jahre" beschreiben als nach dem Fall der Mauer die Zukunft offen und sicher war. Jetzt machen die Deutschen ihr Rendezvous mit der Globalisierung. Flüchtlinge, Terror und Krisen finden nicht mehr nur im Fernsehen statt.

Der Weg in die offene Gesellschaft ist unsicherer, unbekannter und ungewisser als gedacht. Sicherheit, Vertrautheit und Gewissheit müssen neu definiert und errungen werden. Für den Einzelnen bedeutet die Auflösung der alten Begriffe und Gewissheiten, dass er lernen muss, einen anderen Begriff von Identität zu entwickeln. Wie und wo lernen wir in Zukunft mit Unsicherheit umzugehen? Was macht uns als Bürger und als Gesellschaft achtsamer und resilienter?

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