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08/12/2016 05:44 CET | Aktualisiert 09/12/2017 06:12 CET

Der Brief an meine Schwester, den ich nie zu Ende schrieb

Lucia Lambriex via Getty Images

Liebes Schwesterchen,

weißt Du wie oft ich diese Zeilen schon geschrieben habe? Doch der Schmerz dabei ist immer noch so groß, dass ich es nie weiter geschafft habe und ich weiß ja auch, dass ich nie eine Antwort bekommen werde.

Und doch möchte ich das jetzt endlich ändern. Ich bin nun 31 Jahre jung und ich weiß es noch, als ob es gestern war. Ich saß auf dem Boden und wusste: Du bist nicht mehr bei mir. Eine fremde Frau redete auf mich ein, dass alles gut werden würde. Aber das war nicht so.

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Ich wusste nur, dass jetzt alles anders ist. Weißt du, dass ich einen 18 Monate alten Sohn habe und erst jetzt begreife, dass dieser Tag damals der schlimmste im Leben von Mama und Papa sein musste. Ein Alptraum, der nie enden würde. Nur ich war auch da und wie Sie es geschafft haben mich weiter zu versorgen, dass weiß ich bis heute nicht. Ich könnte das glaube ich nicht.

Ich hätte dich beschützen müssen als große Schwester

Ich wollte damals an deiner Stelle sein, ich wollte nicht, dass dir das passiert, ich hätte dich beschützen müssen als große Schwester. Ich war sehr wütend auf mich und den Rest der Welt. Um meine Gefühle irgendwie loszuwerden, fing ich an mit Dir zu reden. Hast du es gehört? Du hast nie geantwortet und doch wusste ich Du bist da oben, im Himmel und springst von Wolke zu Wolke und schaust auf mich runter. Wieso hast Du nie geantwortet??? Das hab ich mich oft gefragt.

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Ich kam in die Schule und erzählte, dass Du im Himmel bist, da es für mich das Normalste der Welt war. Es war sehr schlimm, ich wurde ausgelacht, gehänselt und geschlagen und wusste gar nicht wieso. Ich sprach nie wieder von Dir und dem Himmel. Ich sprach aber jeden Abend mit Dir. Ich stellte mir vor, was Du da oben alles so machst und dass es Dir eigentlich besser gehen muss als mir. Denn ich war alleine, alleine mit mir und den Bildern dieses schrecklichen Tages.

Ich hatte niemanden mit dem ich sprechen konnte. Es vergingen ein paar Jahre und ich redete weniger mit Dir, schaute aber immer in den Himmel und lächelte in mich hinein. Ich vergaß allmählich wie Du aussahst. Dein Gesicht war in meinen Träumen nicht mehr zu sehen. Egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte dich nicht mehr sehen. Wieso nur???

Aber der Unfall, den sehe ich noch heute in meinen Träumen

Hast du bemerkt, dass ich deswegen immer Angst vor Autos hatte??? Ich wollte nie den Führerschein machen, da ich nie einem Menschen das antun wollte, was uns angetan wurde. Aber ich habe ihn gemacht, ich habe diese Angst überwunden auch wenn es nur für kurze Zeit war.

Hattest Du Angst um mich als das Auto mich erfasste??? Das war wieder so ein Moment. Da musste ich in den Himmel schauen und an Dich denken, wie du dich damals wohl gefühlt hast. Hattest du große Schmerzen?

Ganze fünf Jahre habe ich gebraucht, um wieder selbst ein Auto zu fahren. Aber ich habe die Angst erneut überwunden. Bist du stolz auf mich???

Heute spreche ich fast nur noch in meinen Träumen mit Dir, es ist ein Tabuthema, der Tod. Es ist so etwas Negatives und Trauriges. Wer möchte schon freiwillig darüber reden. Man kann das Geschehene nicht ändern, man muss weiterleben. Wenn ich darüber reden würde, dass Du für mich noch immer im Himmel bist, dann würde ich wieder für verrückt erklärt werden. Das möchte ich nicht.

Für mich ist es aber eine Verbindung zu Dir, der Himmel löst in mir schöne Gefühle aus. Ich schaue gerne hinauf, er ist unendlich, die Wolken sind Spielplätze für all die kleinen Mädchen und Jungen.

Ich schreibe Dir das, weil ich dich nie vergessen kann und Dir zeigen will dass ich immer an dich denke. Ich bin jetzt auch nicht mehr alleine, ich habe eine kleine Familie und Mama, Papa und dein/ unseren kleinen Bruder. Wir haben geschafft damit irgendwie umzugehen, jeder auf seine Weise und doch jeder für sich alleine.

Mama wird es nicht gut finden, dass ich Dir schreibe, es wird Sie traurig machen. Aber liebe Mama und lieber Papa, ihr müsst nicht traurig sein, ihr seid nicht Schuld daran, ihr habt euer Bestes gegeben. Dass weiß ich heute.

Liebe kleine Schwester, du fehlst mir unendlich, ich werde dich nie vergessen und immer wenn ich in den Himmel schau, dann sehe ich dich hüpfen und winken.

Pass weiterhin gut auf uns auf.

Vielleicht schreibe ich Dir bald wieder.

In Liebe deine große Schwester

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Glucke und So.

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